Erstellt am 07. September 2015, 22:42

von Hermann Knapp

Amstetten setzt ein Zeichen!. Stadt erfüllt die Asylquote von 1,5 Prozent der Bevölkerung aus freien Stücken und nimmt zu 169 Flüchtlingen, die bereits da sind, noch 150 weitere auf.

 |  NOEN, Daniela Schlemmer
„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, dass habt ihr für mich getan“: Mit einem Zitat aus dem Matthäusevangelium leitete Pfarrer Peter Bösendorfer am Montagabend die Informationsveranstaltung zum Thema Asyl ein, zu der die Stadt alle Bürger und Bürgerinnen eingeladen hatte. Und darum geht es ja in der Flüchtlingsfrage auch: Um Hilfe für jene die nichts mehr haben.



Der Andrang war groß, der Saal der Pfarre St. Stephan voll. Bürgermeisterin Ursula Puchebner (SP) betonte in ihrem Eingangsstatement, dass Amstetten als Bezirkshauptstadt angesichts des Flüchtlingsansturms „Menschlichkeit und Flagge zeigen“ müsse. „Es handelt sich ja da nicht um Wirtschaftsflüchtlinge, sondern um Menschen, die vor Schändung, vor Folterung und vor der Hinrichtung geflohen sind. Sie kommen in unser Land, weil sie sich hier Frieden und eine Zukunft erhoffen. Wir dürfen sie nicht im Stich lassen.“

Container in Mauer und Waldheim

Die Stadt hat sich daher bereit erklärt die Flüchtlingsquote von 1,5 Prozent der Bevölkerung  freiwillig zu erfüllen. Bei 22.900 Bürgern sind das 345 Personen. 169 Asylwerber sind derzeit schon in Amstetten, 150 werden in den nächsten Wochen dazukommen.  „Schon am 5. August kam eine Anfrage vom Land ob Amstetten denn bereit wäre noch Asylwerber aufzunehmen. Wir haben uns daraufhin auf die Suche nach geeigneten Standorten gemacht. Gut Leithen war im Gespräch, die Fläche dort, hat sich aber als nicht geeignet für Container erwiesen“, berichtet Puchebner.

Daher wird nun also am Gelände des Landesklinikums Mauer (am Areal der ehemaligen Gärtnerei) ein Containerdorf für 90 Flüchtlinge entstehen und in der Folge sollen auch noch auf den Gründen der Bundesforste in Waldheim Container für 60 Asylwerber aufgestellt werden.

Flüchtlinge werden Anfang Oktober kommen

Errichtet werden die witterungsfesten Unterkünfte im Auftrag des Landes von der Firma SLC – Europe aus Lilienfeld. Christian Kogler, Bürgermeister in Puchenstuben (die Gemeinde hat seit Jahren 50 Flüchtlinge und gute Erfahrungen mit ihnen gemacht) vertrat bei der Veranstaltung im Pfarrsaal das Unternehmen und berichtete, dass die Aufstellung der Unterkünfte etwa drei bis vier Wochen dauern werde. „Wir gehen davon aus, dass wir Anfang Oktober die Flüchtlinge nach Amstetten holen können. Wir sind verpflichtet, eine 24-Stunden-Betreuung für sie zu organisieren. Es wird also rund um die Uhr ein Ansprechpartner für die Asylwerber da sein.“

Die Diakonie wird die Asylwerber bei allen Aufgaben unterstützen (vom Einkaufen bis hin zu den nötigen Behördengängen), die auf sie zukommen und wird dazu auch ein Beratungsbüro in Amstetten einrichten.

Mit finanziellen Mythen aufgeräumt

Peter Anerinhof, beim Land zuständig für Asylwerber, bedankte sich bei der Stadt für das Verständnis und die Bereitschaft Flüchtlinge aufzunehmen. Das sei nicht überall so. Er verwies darauf, dass derzeit im Erstaufnahmelager Traiskirchen noch rund 800 Personen keinen geordneten Schlafplatz hätten, jede Hilfe, diese Situation in den Griff zu bekommen, sei daher willkommen.

Anerinhof räumte bei der Info-Veranstaltung auch mit einigen Mythen auf, die bezüglich Flüchtlinge kursieren – vor allem betreffend Finanzen. Tatsächlich erhält eine Betreiberfirma wie die SLC – Europe am Tag pro Flüchtling 17 Euro. Davon müssen Unterkunft, Essen und Betreuung finanziert werden. Kochen die Asylwerber selber, wie das in Mauer geplant ist - um ihnen einen geregelten Tagesablauf zu ermöglichen - bekommen sie pro Kopf von diesen 17 Euro 5,5 Euro ausbezahlt. Dafür müssen sie dann die Lebensmittel selbst einkaufen.  Außerdem bekommen die Asylwerber 40 Euro Taschengeld im Monat.

Flüchtlinge die in privaten Quartieren untergebracht sind, bekommen monatlich 120 Euro Mietzuschuss und 200 Euro Verpflegungszuschuss und ein Mal im Jahr 150 Euro Bekleidungszuschuss.
Flüchtlinge, denen der Asylstatus zuerkannt wurde, fallen in die Grundsicherung, müssen sich dann selber eine Wohnung organisieren und natürlich eine Arbeit suchen.

Hilfsbereitschaft der Bevölkerung ist groß 

Bei der Diskussion zeigte sich einmal mehr, wie aufgeschlossen und hilfsbereit die Amstettner und Amstettnerinnen gegenüber den Flüchtlingen sind. Die Mehrzahl der Anfragen drehte sich darum, wie man den Leuten ehrenamtlich denn am besten helfen könne.

Eine durchaus verständliche Sorge äußerte allerdings eine Dame aus Waldheim:  „Wir sind ein kleiner Ort, 60 Flüchtlinge sind da doch sehr viel“, sagte sie. Bürgermeisterin Puchebner verwies allerdings auf die 24-Stunden-Betreuung, die natürlich auch den Nachbarn mit ihren Anliegen zur Verfügung stehe und appellierte an die Bevölkerung, offen auf die Flüchtlinge zuzugehen. „Denn wir dürfen keine Ghettos schaffen. Wenn sich die Menschen integrieren sollen, dann müssen wir Begegnung und ein Miteinander ermöglichen.“  Besonders wichtig werde es sein Deutschkurse für die Asylwerber zu organisieren. Da sei ehrenamtliche Hilfe natürlich herzlich willkommen.

Die Bürgermeisterin erklärte sich auch bereit, in Zusammenarbeit mit dem Verein „Willkommen Mensch“ ein Konzept auszuarbeiten, um alle Anfragen von hilfsbereiten Amstettnern und Amstettnerinnen zu koordinieren. Sobald die Diakonie ihr Büro in der Stadt eröffnet hat, wird auch dieses natürlich eine Anlaufstelle sein.
 
Alles in allem wurde an diesem Abend von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen an der Infoveranstaltung ein schönes Zeichen der Mitmenschlichkeit gesetzt: Die Flüchtlinge können kommen. Amstetten ist bereit!