Erstellt am 22. Januar 2016, 09:58

von Daniela Führer

Ärztin im Asyl-Container: Kein Geld für Dolmetscherin. Allgemeinmedizinerin Sabine Lahnsteiner behandelt 40 bis 60 Flüchtlinge pro Woche im Containerdorf. Seit wenigen Wochen ohne Dolmetscherin. Dafür gibt es kein Geld: "Das ist eine Zumutung"

»Patienten können mir nicht sagen, ob sie einen Herzfehler oder eine Allergie haben«, macht Allgemeinmedizinerin Sabine Lahnsteiner die Gefahr von Fehlbehandlungen deutlich.  |  NOEN, Foto: Schlemmer

Seit Oktober 2015 öffnet die Strengberger Allgemeinmedizinerin Sabine Lahnsteiner neben ihrer Ordination in Amstetten jeden Donnerstag ihre „Zweitpraxis“ im Bürogebäude der Flüchtlingsbetreuerfirma SLC Europe in Mauer. „Das funktioniert allgemein auch gut im Containerdorf. Die Menschen sind sehr dankbar, dass ein Arzt zu ihnen kommt, und das Angebot wird auch sehr gut angenommen“, erklärt die Medizinerin. Zwischen 40 und 60 Patienten behandelt sie dort jede Woche.

"Viele sprechen nur ganz
schlecht oder gar kein Englisch"

Doch seit Jahreswechsel hat die Ärztin ein großes Problem: Ihre Dolmetscherin, die bislang während der Ordinationszeiten übersetzte, ist weg. Es gibt kein Geld mehr, wurde der Ärztin gesagt. „Das empfinde ich als irrsinnige Frechheit. Es ist ungeheuer schwierig, eine Diagnose zu stellen, denn viele sprechen nur ganz schlecht oder gar kein Englisch“, erklärt die Medizinerin. „Sie können mir nur zeigen, wo ihnen etwas weh tut. Das ist eine Zumutung für Arzt und Patienten. Wenn zum Beispiel jemand über Bauchschmerzen klagt, kann ich nicht herausfinden, ob sie womöglich bloß eine Verstopfung haben. Wie erklärt man denn bitte die Frage, ob jemand groß oder klein aufs Klo muss? Dann müssen wir eine Computertomografie machen, auch wenn ein Abführmittel reichen würde. Oder ein anderes Beispiel: Die Patienten können mir nicht einmal sagen, ob sie einen Herzfehler oder eine Allergie haben. Man stößt einfach auf so irrsinnige Grenzen“, macht Sabine Lahnsteiner deutlich.

Aktuell sind viele Flüchtlinge in den beiden Amstettner „Containerdörfern“ – in Mauer und in Waldheim – krank, berichtet Lahnsteiner. „Ich habe zum Beispiel gerade eine Familie mit drei kleinen Kindern. Sie haben alle eine schwere Bronchitis. Aber ich habe keine Möglichkeit, mit ihnen zu sprechen. Aber das persönliche Gespräch ist nun einmal das Allerwichtigste. Alleine mit den Händen und der Diagnostik geht es nicht.“

Doch wer müsste für die Honorare von Übersetzern bei der medizinischen Betreuung aufkommen? SLC nicht, erklärt Kitti Kiss, Leiterin der beiden „Containerdörfer“ in Amstetten: „Die Firma SLC stellt das Quartier und das Taggeld (Anmerkkung: 5,50 Euro/Tag) für die Flüchtlinge zur Verfügung. Wir machen natürlich Termine beim Arzt für sie aus und zeigen ihnen, wie sie hinkommen.“

Finanzierung ist nicht Aufgabe von SLC 

Die Übernahme der Kosten für Dolmetscher fallen aber nicht in das Aufgabengebiet von SLC. „Lediglich bei unbegleiteten Minderjährigen wird der Dolmetscher bis ins Spital vom Land bezahlt“, erklärt Kitti Kiss.

Im Fall von Mauer kam die Dolmetscherin bis Jahresende auf freiwilliger Basis. „Wir haben mit ihr ausgemacht, sie bekommt zumindest das Kilometergeld erstattet aus einem Spendenkonto.“ Aber dieses Spendenkonto gäbe es bis dato nicht. „Also habe ich ihr freigestellt, ob sie weiterhin kommen möchte, finanzieren kann ich es aber nicht“, verdeutlicht Kiss die schwierige Lage. Schwierig, denn „man kann natürlich nicht von Ehrenamtlichen verlangen, dass sie jede Woche unentgeltlich ihre Zeit opfern.“

In Härtefällen stellt Diakonie Dolmetscher

Das bestätigt auch Christian Kogler, Geschäftsführer der SLC Asylcare GesmbH: „Die Kritik von Frau Doktor Lahnsteiner ist sicher berechtigt, aber prinzipiell ist es nicht in unserem Auftrag, für Übersetzer aufzukommen.“ Der ehemalige Bürgermeister von Puchenstuben weiß: „Das ist noch eher lückenhaft geregelt. In anderen Quartieren helfen wir uns meistens damit, dass wir im Quartier selbst jemanden finden, der für die anderen übersetzt.“

Peter Anerinhof vom Land NÖ erklärt, wie dieses Problem in der Praxis gehandhabt wird: „Über weite Strecken gibt es Familienangehörige oder Bekannte, die übersetzen.“ In absoluten Härtefällen, wo keine andere Möglichkeit gefunden wird, gäbe es ein Dolmetsch-Budget der Betreuungsorganisation – im Fall von Mauer wäre das die Diakonie. Daraus zu schöpfen, muss aber beantragt werden. „Dieses Budget müssen wir auch absolut strikt halten, das wäre sonst gar nicht zu bezahlen“, betont Anerinhof.

Ärztin Sabine Lahnsteiner kämpft jetzt jedenfalls ohne Dolmetscher weiter. Über einen „halben“ ist sie zwar froh, doch eine Lösung sei das keinesfalls: „Ich habe gerade ein zehnjähriges Kind, das lernt sehr schnell Deutsch und kann schon ein bisschen übersetzen. Aber einem Kind kann man das ja nicht zumuten. Außerdem ist dadurch auch die ärztliche Schweigepflicht nicht gewährleistet.“