Erstellt am 15. Dezember 2014, 06:45

Asylanten-Gabe. Eine Weihnachtsgeschichte von Andrea Braunsteiner.

 |  NOEN, Erwin Wodicka
Für Maria ist das ganze Jahr Weihnachten, aus rein kommerzieller Sicht. Ihr Ehemann Guido ist alleiniger Eigentümer eines Versandhandels für Weihnachtsaccessoires, der sich im Zeitalter des Internets explosionsartig vergrößert.

Der gewiefte Selfmade-Millionär zeigt seinen Reichtum auch gerne, ist sogar stolz darauf, als neureich zu gelten. Sein Unternehmergeist zu mehr Umsätzen ist grenzenlos, seine Suche nach neuen Weihnachtsartikeln, die er meist im asiatischen Raum aufspürt, geradezu manisch. Bei neuen Geschäftspartnern gibt er sogar mächtig an, am 24. Dezember Geburtstag zu haben.

Und Maria staunt  jeden Tag über die sinnlosen Scheußlichkeiten aus ihrem Onlinekatalog, mit denen sich die Leute ab Mitte November ihre Wohnungen überteuert dekorieren: Engel mit blinkenden blauen Augen, Weihnachtskrippen aus rosa Plastik mit grünen Palmen, Adventkränze aus Lametta, Christbaumkugeln in Herzform und so fort.

Sie selbst mag Weihnachten seit ihrer Kindheit nicht, das aufgesetzte Gutsein, die Charity- Events, den Glühwein, den Stress. Aber was soll‘s, sie hat da hineingeheiratet, den Betrieb mit aufgebaut, sich über das viele Geld gefreut, den Eifer ihres Mannes anfangs bewundert und versucht jetzt, seine Manie zu verdrängen.  Der heurige Weihnachtshit ist ein singender Christbaum.

Ein Gebilde aus Plastikzweigen und Kerzen, die, wenn man sie berührt, „Jingle Bells“ intonieren. Das Ding steht vor dem Haus und wenn ein Windstoß kommt, vor allem in der Nacht, wird es laut. Auch wenn Vögel vorbeifliegen, scheppert die Musik. Maria ist schon mit den Nerven am Ende, am Spitzentag ist das Ding gezählte 72 Mal angesprungen.

„Wie wäre es, wenn wir nächstes Jahr einen echten Weihnachtsmann engagieren, einen, der die Geschenke aus dem Rucksack hervor zaubert?“, fragt sie beim Frühstück am 27. Dezember. Ihr Mann blickt von der Seite mit den Aktienkursen auf: „Du meinst einen Santa Claus?“ „Nein, echte Menschen in Rot mit Stiefeln und Bart, die man mieten kann.“ „Keine schlechte Idee, da geht sich eine schöne Gewinnstrecke aus. Nach der Marketingstrategie: Ihr Weihnachtsmann kommt exklusiv in Ihr Eigenheim. Du bist ja doch eine Gute“, meint er und blickt auf sein Saftglas und dann auf ihren Bauch.

Denn das war Marias Schwachpunkt. Sie konnte nach einer Eileiterschwangerschaft keine Kinder bekommen, es war kein Erbe in Sicht. Am Nachmittag geht Maria Geschenke umtauschen. An der Einkaufsstraße zwischen den Designerstores steht an einer Ecke ein dunkelhäutiger großer Mann und liest eine Geschichte vor.

Schon hat sich trotz der Kälte eine Kinderschar um ihn gebildet, die gebannt lauscht. Muss spannend sein, denkt Maria und will weiter, doch irgendwie fasziniert sie dieser schlanke Mann mit den großen Augen und den gestikulierenden langen, schmalen Händen, der so viel Ruhe im Schneetreiben ausstrahlt. Ein kleiner Applaus folgt und ein Hut macht die Runde. Viel ist nicht dabei. „Was lesen Sie da?“, fragt Maria.

„Geschichten aus meiner Heimat Somalia. Geschichten, die aus Tradition weitergegeben werden. Geschichten über Götter und Wunder. Sie sind immer noch schön, auch wenn sie übersetzt werden.“ „Und woher können Sie so gut Deutsch?“ „In meiner Heimat mag man mich nicht, also bin ich geflohen und hier gelandet, es war eine lange Reise, auf der ich mir die Sprache mit einem Lexikon und Rilke-Gedichten selber beigebracht habe“, gibt der Afrikaner lächelnd zurück.

Rilke, du meine Güte, den habe ich lange nicht mehr gelesen, denkt Maria. „Und wo wohnen Sie?“ – „Mal hier mal dort, ich habe noch keine Aufenthaltsgenehmigung.“ – „Und da trauen Sie sich, auf der Straße zu spielen?“ – „Bis jetzt hat mich noch keiner hopsgenommen.“ – „Ich habe einen Job für Sie, kommen Sie heute um 20 Uhr zu dieser Adresse“, sagt Maria und reicht ihm ihre Karte. „Sehr gerne, bis dann.“

Maria erwischt ihren Mann am Handy. „Ich habe unseren Weihnachtsmann, er ist fabelhaft, hat eine tolle Ausstrahlung, direkt eine Aura und kann sehr gut Deutsch.“ – „Wie meinst Du das?“ – „Er ist aus Somalia.“ – „Ein Neger als Weihnachtsmann? Bist Du wahnsinnig geworden?“, brüllt Guido. „Aber wieso, Weihnachten ist doch das Fest der Liebe, das Fest, das verbinden soll. Übrigens – sei um acht Uhr zu Hause, er kommt“, und sie legt auf.

Selbst der starrköpfige Guido ist von dem Mann, der sich als Amido vorstellte, beeindruckt. Selbstsicher betritt er die Designervilla, wirkt in seiner zerschlissenen Strickjacke nicht verlegen, sieht dem Unternehmer tief in die Augen. Er schildert dem Ehepaar die Verelendung des Landes durch den mehr als 20-jährigen Bürgerkrieg. Aus dem großen und rivalisierenden Clan der Isaaq kommend, dessen Ahnvater angeblich ein Schwiegersohn Mohammeds war, lebt die Familie streng islamisch.

Doch Amido wehrt sich gegen die Genitalverstümmelung seiner jüngeren Schwester. Sie werden beide verstoßen. Seit er 15 ist, schlägt er sich alleine durch, arbeitet als Sanitäter in einem Flüchtlingscamp der UNHCR in Südkenia, bis ihn seine Familie findet und er mit seiner Schwester weiter in den Norden flieht. Seine Schwester will nach Österreich. Sie stirbt im Schlepperwagen an Masern.

Er strandet in Traiskirchen.

Ein Heimatloser als Weihnachtsmann, ein Knüller, denkt Guido. „Wir probieren das“, prescht er vor, „zuerst schauen wir nach einer Bleibe, dann, wie Sie zu Papieren kommen und dann gehen wir das an.“ Amido nimmt an, was Maria verwundert. Schlafen kann er im unbenutzten Gartenhäuschen und sie bringt ihm bei, wie hier Weihnachten gefeiert wird. Da geht es nicht um Fischbeuschelsuppe, Quittenkäse, Engelshaar, Gansl, Mohr im Hemd und Christbaumkugeln, sondern um Toleranz, Nächstenliebe und Dankbarkeit. Und das wird auch im realen Leben wahr. Amido und Maria verlieben sich ineinander.

Guido versucht mit all seinen guten Kontakten und verschiedenen Drähten eine Aufenthaltsgenehmigung für Amido zu bekommen, wird vertröstet, leistet sich einen teuren Anwalt, wird wieder vertröstet. Eine chaotische Bürokratie wie in Kafkas „Schloss“ reizt das Energiebündel bis zur Weißglut. Und er endet erstmals in seinem Leben als Verlierer. Ende April stehen eines Tages um vier Uhr früh drei Polizisten vor der Villa und nehmen den „Asylanten“ mit. Aus und weg, kein Aufschub mehr.

 Maria merkt sehr bald darauf, dass sie schwanger ist. Ein Wunder, sogar ein Weihnachtswunder. Das Kind kommt zur Welt. Am 24. Dezember.  Milchkaffeebraun. „Das ist nicht meines, das erkenne ich nicht an“, sagt Guido. „Aber es ist meines und ich behalte es“, sagt Maria. Und weil Weihnachten ist, endet alles in Toleranz, Nächstenliebe und Dankbarkeit.
 
Alle Geschichten des NÖN-Adventkalenders sind folgenden Büchern entnommen:

Hat das Christkind Hosen an?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg
Heitere Weihnachtsgeschichten für große Kinder.
21 Euro, 192 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

 
Es gibt ihn doch, den kleinen Unterschied! Und er wurde auch schon hinlänglich und in allen nur erdenklichen
Facetten erforscht. So sind Frauen zum Beispiel eher Rechtshänderinnen und seltener farbenblind. Ihr Sehfeld ist größer als das der Männer. Männer sehen dafür schärfer. Frauen können einzelne Finger gezielter bewegen. Männer werfen und fangen besser, sind im Durchschnitt um zehn Prozent größer, um 20 Prozent schwerer und um 30 Prozent stärker als Frauen, besonders am Oberkörper ...

Eine ganz wesentliche Frage wurde freilich bislang noch nie gestellt: Wie unterscheiden sich Frauen und Männer in ihrer Auffassung vom Christkind?

Dieses letzte aller noch verbliebenen Weihnachtsgeheimnisse aufzudecken, ist die Mission des dritten Bandes der erfolgreichen Christkindanthologie. Nachdem sich in den Vorjahren Journalistinnen aus ganz Österreich himmlischen Lifestyle-Themen gewidmet haben und Fragen nachgegangen sind wie "Ist das Christkind wirklich blond?" oder "Lebt das Christkind hinterm Mond?", offenbaren uns nun Österreichische Top-Journalisten ihr ganz persönliches christkindliches Verständnis. Sie bescheren uns tief(sinnig)e Einblicke mit ihren Betrachtungen zu "Hat das Christkind Hosen an?" Manch einer mag so weit gehen, zu fragen: Ja, ist es am Ende etwa gar ein Mann ...

Lebt das Christkind hinterm Mond?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg
Noch mehr heitere Weihnachtsgeschichten.
21  Euro, 180 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

Das Leben ist voller Christkindmomente. Weißt du, wo das Christkind wohnt? Hinterm Mond? Und doch kommt es so weltoffen und geistreich daher, ist so fest verortet im Hier und Jetzt. Es ist da, immer dann, wenn es uns gelingt, anderen eine Freude zu machen, jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern oder einfach nur für einen Augenblick innezuhalten und zuzuhören.

Das Leben ist voller berührender, lustiger, tiefgründiger, verworrener, liebenswerter, stimmiger, unglaublicher, fantastischer ... Christkindmomente. Es gilt nur sie aufzuspüren. Viele davon wohnen in uns, sind eingeschrieben in unser gemeinsames Gedächtnis. Wie die langen, nicht enden wollenden Stunden erwartungsvoller Vorfreude, die sich dann im Nachhinein vielleicht als die schönsten erweisen. Wie die Freude am Schenken, die oft um so vieles größer ist, als die darüber, beschenkt zu werden. Wie die eingespielten Traditionen und Bräuche, die wir zeitlebens mit Inbrunst verwünschen, obwohl wir doch genau wissen, nicht ohne sie sein zu wollen.

„Steht das Christkind vor der Tür? Das Licht-ins-Dunkel-Weihnachtsbuch“

x  |  NOEN, Verlag Anton Pustet
Barbara Brunner,  Caroline Kleibel, 144 Seiten, 22 Euro, Verlag Anton Pustet
Steht das Christkind vor der Tür? Aber ja doch! Alle Jahre wieder wollen wir das Christkind oh so fröhlich hereinbitten und voller Vorfreude willkommen heißen. Die Tür zu wunderbaren Weihnachten öffnen uns dieses Mal Menschen, die wir alle kennen und schätzen. Menschen, die in ihrem Leben schon viel erreicht haben, was zählt. Uns wiederum reicht das von ihnen Erzählte.

In diesem stimmungsvollen Sammelband geben Künstlerinnen und Künstler, Medienschaffende und prominente Persönlichkeiten ihre denkwürdigsten Weihnachtserinnerungen preis. Einmal heiter, dann wieder besinnlich, nostalgisch und zuweilen auch durchaus kritisch.  Sind die Türen erst einmal weit offen, bleiben auch die Herzen nicht verschlossen. Mit dem Kauf jedes einzelnen Buches unterstützen Sie die Aktion Licht ins Dunkel!