Erstellt am 03. Juni 2015, 13:43

von APA Red

Bekannten erstochen: Mordprozess im Finale. Am Landesgericht St. Pölten ist am Mittwoch mit weiteren Zeugenbefragungen ein Mordprozess gegen einen 37-Jährigen ins Finale gegangen.

Landesgericht St. Pölten  |  NOEN, http://www.justiz.gv.at/
Die Geschworenen entschieden auf absichtlich schwere Körperverletzung - die Staatsanwaltschaft hatte den Briten wegen Mordes angeklagt.

Bei einem Strafrahmen von fünf bis zehn Jahren war der ordentliche Lebenswandel mildernd, erschwerend hingegen die Tatsache zweier schwerer Verletzungen, sagte Richterin Doris Wais-Pfeffer. Verteidigung und Anklägerin gaben keine Erklärung ab. Das Urteil ist somit nicht rechtskräftig.

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Bekannten erstochen: Mordprozess im Finale

Am Landesgericht St. Pölten ist am Mittwoch mit weiteren Zeugenbefragungen sowie danach der Beratung der Geschworenen ein Mordprozess gegen einen 37-Jährigen ins Finale gegangen.

Laut Anklage hatte der Mann am 1. Juli 2014 einen Bekannten erstochen. Er bestritt zu Verhandlungsbeginn Mitte April eine Tötungsabsicht: Er hätte den Kontrahenten nur entwaffnen wollen und nicht bemerkt, dass das Messer in dessen Hals eindrang.

Streit vermutlich aus Eifersucht begonnen

An jenem Sommertag hatte sich der Angeklagte nach seiner Arbeit im Bezirk Amstetten mit einem Bekannten getroffen und trank einiges an Alkohol, zu vorgerückter Stunde stieß das spätere Opfer dazu. Man saß auf einer Parkbank der Wohnanlage und unterhielt sich lautstark, als gegen 23.30 Uhr eine 30-jährige Bewohnerin die Männer in der Sorge, Nachbarn würden sich über den nächtlichen Lärm beschweren, in ihre Wohnung einlud.

Dort kam es vermutlich aus Eifersucht zwischen den beiden Männern zum Streit, der dann im Hof des Mehrparteienhauses einen tödlichen Ausgang nahm. Laut der Anklage packte der Beschuldigte den 39-Jährigen, der in jeder Hand ein Messer hielt, an den Handgelenken - die Klinge landete am Hals des Opfers und öffnete die Schlagader.

Aus Sicht der Staatsanwältin war es Mord, weil der Angeklagte die Tat angekündigt hatte - laut einer Zeugin schrie er, er werde den 39-Jährigen umbringen. Zudem warf Barbara Kirchner dem gut Deutsch sprechenden britischen Staatsbürger eine vorangegangene Körperverletzung an einem ihm Unbekannten in einem Lokal in Waidhofen an der Ybbs vor, die dessen hohes Aggressionspotenzial zeige.

Richterin: Widersprüchliche Versionen

Verteidiger Josef Gallauner führte hingegen an, dass der Getötete ein "extrem aggressiver Mensch" und auch in psychiatrischer Behandlung gewesen sei.

Richterin Doris Wais-Pfeffer hatte dem Beschuldigten am ersten Prozesstag mehrmals seine widersprüchlichen Versionen des Geschehens vorgehalten. Bei den ersten Einvernahmen sei er unter Schock gestanden, sagte der Mann dazu.

Am Mittwoch sagten nach den Kriminalbeamten, die damals nach der Tat die ersten Befragungen des Verdächtigen geführt hatten, einige Frauen aus dem Lebensumfeld der Männer aus. Eine Nachbarin schilderte das Opfer als unberechenbar, eine langjährige Freundin beider betonte: "Die beiden waren keine Saufkumpane, sondern wirklich Freunde. Was da passiert ist, ist wirklich furchtbar."

Wenn der 39-Jährige nichts getrunken hatte, sei er der netteste Mensch gewesen, aber der Alkohol habe ihn verändert. Sie habe ihn auch mehrmals - teilweise grundlos - ausrasten erlebt.

NÖN.at hatte berichtet:


UPDATE: Geschworene berieten Urteil

Die Geschworenen wurden am späten Vormittag in die Urteilsberatung geschickt. Sie hatten sich mit mehreren Fragen auseinanderzusetzen, wie die tödlichen Messerstiche zu bewerten waren.

Für die Staatsanwältin war es "klar" Mord. Dem widersprach die Verteidigung. Er habe den 39-Jährigen "niemals" töten wollen, sagte der Angeklagte.

"Man hätte zusperren und die Polizei rufen können"

Die Anklägerin (Barbara Kirchner) fasste in ihrem Schlussvortrag das Geschehen nochmals zusammen: Der Angeklagte hatte damals in Lokalen etwas getrunken, dann weiter - zu dritt - auf der Parkbank der Wohnanlage und begab sich schließlich zusammen mit den beiden Männern in die Wohnung einer Bekannten, wo es zum Streit kam. Er wollte die anderen draußen haben, um mit der Frau allein zu sein. Als die Männer tatsächlich gingen, hätte die Geschichte - unblutig - enden können.

"Man hätte zusperren und die Polizei rufen können", stellte Kirchner in den Raum. Stattdessen sei der Beschuldigte dem 39-Jährigen nachgelaufen und habe ihn - ohne ein weiteres Gespräch - in den Hals gestochen.

Die Staatsanwältin verwies auf das Obduktionsergebnis: zwei "saubere", genaue Stiche, die also nicht von einer Rangelei herrührten. Das Opfer, das in jeder Hand ein Messer hielt, hatte Druckstellen an den Handgelenken, wo der 37-Jährige es gepackt hatte, um die Messer zum Hals zu führen. Der Versuch der Verteidigung, das Opfer als Psychopathen darzustellen durch Beispiele anderer Vorfälle, sei unschön. Das habe zudem mit diesem Fall gar nichts zu tun.

Kirchner betonte, dass der Angeklagte die Tat zuvor angekündigt hatte. Er habe, ohne angegriffen zu werden, zielgerichtet gehandelt.

Verteidiger sprach von Notwehrsituation

Für Rechtsanwalt Josef Gallauner blieb hingegen vieles im Verfahren unerörtert. Wenn die fatale Situation nicht genau geklärt werden kann, dürfe das nicht zum Nachteil seines Mandanten ausgelegt werden, erläuterte er den Geschworenen.

Er beschrieb das Opfer wie zu Verfahrensbeginn als aggressiven, psychotischen Menschen und betonte, dass der Angeklagte den mit den Messern herumfuchtelnden 39-Jährigen nur festhalten wollte. "Wir wissen nicht, wie die Messer in den Hals eindrangen."

Fakt sei, dass man damals - also auch der dritte Bekannte - nur eine blutende Wunde auf der linken Halsseite gesehen habe, wie die Verletzung rechts entstand, wisse man gar nicht. Der Verteidiger sprach von einer Notwehrsituation oder allenfalls auch fahrlässiger Körperverletzung mit Todesfolge. Keinesfalls habe sein Mandant den Freund töten wollen. Das beteuerte dieser auch in seinen letzten Worten vor der Beratung.