Erstellt am 26. Januar 2016, 11:03

von Daniela Führer und Karin Katona

"Bräuchten Psychologen". Der Mehraufwand für die Pädagogen im Bezirk ist durch die Betreuung von Flüchtlingskindern stark gestiegen. Vergolten wird das nicht. Viele sind an ihren Grenzen.

Pflichtschulinspektor Leopold Schauppenlehner: »Wir werden keine Schule mit ihren Problemen allein lassen.«  |  NOEN, NÖN

Der Aufwand für die Pädagogen und Schulleiter der Region ist zweifellos massiv gestiegen. An fast allen Schulen im Bezirk drücken mittlerweile Flüchtlingskinder die Schulbank. „Eine große Herausforderung für unsere Lehrer. Bei vielen ist die Belastungsgrenze erreicht, vor allem, weil die Zukunft auch so ungewiss ist“, erklärt Martin Traxler aus Winklarn, Personalvertreter der Pflichtschulen im Mostviertel.

"Hoher Mehraufwand wird nicht vergolten"

Er ist viel in den Schulen der Region unterwegs. Dort herrsche fast durchgängig das selbe Bild: „Die Lehrer und Direktoren sind in höchstem Maße engagiert, Flüchtlingskinder an ihren Schulen zu integrieren. Das bedeutet aber einen hohen Mehraufwand, der nicht vergolten wird, denn dieser zählt nicht zu den bezahlten Überstunden“, erklärt er.

Eine große Herausforderung liegt darin, einen Ordnungsrahmen für Kinder, aber auch ihre Eltern, aufzubauen. „Das soll kein Vorwurf an sie sein, es ist einfach so, dass einige Flüchtlinge die Notwendigkeit der Schulpflicht nicht kennen. Manche waren teilweise drei Jahre lang auf der Flucht“, zeigt Traxler auf. Man müsse daher den Kindern erst beibringen, dass sie regelmäßig zur Schule gehen und sich an die Rahmenbedingungen halten müssen.

Mit Schicksalen der Kinder überfordert

Zum Teil seien die Pädagogen aber auch mit den persönlichen Schicksalen der Kinder überfordert. „Sie fühlen natürlich mit den Kindern mit. Viele Schüler haben schwere Psychosen. Sie müssen das Schreckliche, das sie erlebt haben, erst aufarbeiten. Dafür bräuchten wir Psychologen“, stellt Traxler klar. Hinzu kommen Kommunikationsprobleme mit den Kindern und ihren Eltern. Daher sei das Erlernen der deutschen Sprache das Wichtigste. „In vielen Gemeinden funktioniert das auch. In Winklarn zum Beispiel lernen Pädagoginnen, die noch keine Anstellung bekommen haben, mit den Kindern Deutsch. Das geschieht auf Ehrenamt. Aber nur so funktioniert es“, erklärt er.

Für die Lösung des Problems bedürfe es eines „Steins der Weisen“ formuliert es Martin Traxler. „Eine langfristige Lösung zu finden, ist schwierig. Ganz wichtig wäre auf jeden Fall zusätzliches Personal: Zusätzliche Lehrer, aber auch Psychologen, die mit den Schülern ihre Erlebnisse aufarbeiten.“ Momentan sei man an die Grenzen der Personalreserven gelangt, die man bereits im Herbst vorgesehen hat. Gegenwärtig könne man maximal umschichten und Brennpunkte abdecken, doch längerfristig müssten auf jeden Fall mehr Lehrer aufgenommen werden: „Aber mit Dienstvertrag und nicht zum Nulltarif“.

„Einige kennen die Notwendigkeit der Schulpflicht
einfach nicht. Manche Kinder waren
teilweise drei Jahre auf der Flucht!“
Personalvertreter der Pflichtschulen, Martin Traxler

Eine Forderung, der sich auch Franz Winter, Personalvertreter der Pflichtschullehrer im Bezirk Scheibbs, anschließt: „Es werden immer nur Stunden woanders weggezwickt und umgeschichtet. Die Lehrer arbeiten mit viel Engagement, bekommen aber immer mehr aufgepackt. Bei uns im Bezirk sind wir recht gut aufgestellt, aber in anderen Regionen ist die Lage bereits brisant.“ Den Lehrern gehe es nicht um mehr Bezahlung, sondern um eine gute Betreuung der Kinder: „Der Staat muss Geld für zusätzliche Lehrerstellen in die Hand nehmen. Für Soldateneinsätze zur Grenzsicherung ist ja auch Geld da.“

Keine Schule werde mit dem Problem Integration allein gelassen werden, verspricht Pflichtschulinspektor Leopold Schauppenlehner. „Es sind im Bezirk sehr wohl neue Lehrkräfte eingestellt worden, um den Bedarf an Stunden für Deutsch als Fremdspache zu decken. Wir weisen sogar mehr zu, als das Gesetz erfordert.“

Schauppenlehner unterstreicht jedoch eine weitere Forderung Traxlers, die Einstellung von Psychologen: „Wir reden hier von Kindern, die aus ihrer Welt gerissen worden sind und sich in unserer Gesellschaft erst zurechtfinden müssen – davon, dass viele Kinder und ihre Eltern schwer traumatisiert sind. Hier ist psychologische Hilfe notwendig.“

"Mehr Dolmetscher wären große Hilfe"

Direktor Martin Hörmer von der Volksschule Gaming, zu deren Schülern auch einige Kinder von Asylwerbenden gehören, ist mit den momentanen Ressourcen für zusätzliche Deutschstunden zufrieden: „Alle ziehen an einem Strang, Schule, Schulbehörde, Gemeinde und Diakonie arbeiten im Interesse der Kinder und ihrer Eltern zusammen. Im Moment gelingt das recht gut.“

Als „derzeit machbar“ bezeichnet die Direktorin der Volksschule Wieselburg, Helga Jungwirth, die Situation an ihrer Schule. Die Lehrerin, die den derzeit zehn Flüchtlingskindern an der VS Wieselburg Deutschunterricht gibt, muss sich Wieselburg mit einer anderen Schule teilen. „Der Deutschunterricht ist dadurch von fünf Mal auf drei Mal die Woche reduziert worden. Obwohl die Kinder extrem lernwillig sind, geht es jetzt langsamer voran.“

Neben der Sprachförderung sind die Flüchtlinge nach Möglichkeit in den Unterricht integriert. Für die Lehrer eine besondere Herausforderung, wie Jungwirth berichtet: „Die Lehrer müssen im Unterricht besonders auf diese Kinder eingehen und schauen, dass unsere Kinder nicht zu kurz kommen.“ Die Direktorin ist voll Lob für ihre Kollegen: „Sie leisten in dieser schwierigen Situation Hervorragendes.“ Um die Kommunikation zu erleichtern, wünscht sich Helga Jungwirth dringend mehr Dolmetscher: „Die Kinder können ihre Emotionen oft nicht ausdrücken. Dolmetscher auf Abruf wären da eine große Hilfe.“