Erstellt am 24. Dezember 2015, 00:00

Der Tannenbaum.

 |  NOEN, Symbolbild
Klein und zittrig im Wind kauerte es direkt unter dem Fenster: ein zerzaustes Tannenkind. Täglich musste der Mann es ansehen, dieses Sturköpfchen, das nicht einmal im Winter seine Nadeln abwarf. Würde er sein Haus noch verlassen, er hätte es längst gefällt.

Aber so zählte er seine Jahre an dessen Wachstum und beschloss, als der Baum grösser war als er: zu Weihnachten würde er ihn fällen und schmücken und zusehen, wie die trockenen Nadeln zu Boden rieselten. An Heiligabend ging er hinaus, zittrig auf den Beinen, und blieb vor dem Tannenbaum stehen: Fröhliche Weihnachten, mein hässlicher Freund.
 

von Sarah Grandjean

x  |  NOEN, privat

Sarah Grandjean, geboren 1996, macht eine Lehre als Grafikerin in Biel. Sie schrieb schon eigene Geschichten, bevor sie einsehen musste, dass man in deutscher Sprache von links nach rechts schreibt und nicht umgekehrt. Sie lebt in Lanzenhäusern bei Bern.


Zur Aktion:

Am Literaturbewerb des art.experience Festivals 2015 in Baden bei Wien haben sich viele hundert Menschen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus Österreich, Deutschland und der Schweiz – mit ihren Kurzgeschichten und Gedichten beteiligt. Die wenigen Finalistinnen und Finalisten haben wir um einen Beitrag für den NÖN-Adventkalender gebeten. Das Ergebnis finden Sie hier Tag für Tag. Es sind schöne, berührende, aber auch anspruchsvolle und verstörende Texte. Wie das Leben und die Menschen so sind, gerade zu Weihnachten.