Erstellt am 23. Dezember 2014, 00:01

Der Weihnachtsverweigerer. Eine Weihnachtsgeschichte von Wolfgang Moser.

 |  NOEN, BilderBox.com / Erwin Wodicka (www.bilderbox.com)
Als ich im Frühling gefragt wurde, ob ich denn einem Buch mit Weihnachtsgeschichten eine eigene beitragen möchte, habe ich spontan zugesagt, ohne darüber nachzudenken, dass Weihnachten und ich eigentlich überhaupt nicht zusammenpassen. Ich kenne keinen größeren Weihnachtsverweigerer, als ich es bin, denn nur unter sanftem bis nachdrücklichem Zwang lasse ich mich davon überzeugen, dass es ein wundervolles Fest ist, ich Geschenke bekomme und es nicht lange dauert. Meine bescheidene Empathie der schönsten Zeit des Jahres gegenüber hat mehrere Gründe.

Erstens schreibe ich seit Jahren meistens Ende August, Anfang September die Weihnachtssendungen eines Deutschen Senders und erkläre bei Badewetter unseren nördlichen Nachbarn, was es mit Ausräuchern, Kletzenbrot und Schellenbuben so auf sich hat. Ich könnte an einem dieser Spätsommermontage dem Assinger jede Millionenfrage beantworten, sollte es sich zufällig um alpenländische Weihnachtsbräuche handeln. Sie werden mir nicht glauben, aber das Glücksgefühl, wenn ich mit dem Stefanitag fertig bin, ist unbeschreiblich.

Zweitens, weil ich mich bis auf eine kleine Ausnahme an schöne Weihnachten in meiner Kindheit einfach nicht erinnern kann. Für die Familie meines Vaters war Weihnachten eine perfekte Gelegenheit, sich all das an den Kopf zu werfen, was sich das Jahr über an Ärger angesammelt hatte. Bei fünf Geschwistern plus Ehefrauen konnte man die Veranstaltung durchaus, wenn schon nicht als „großes Fest“, dann wenigstens als „lautes Fest“ durchgehen lassen.

Als meine Eltern sich dann nach Jahren entschlossen, dieser Familienfeier aus auf der Hand liegenden Gründen fernzubleiben, änderte das trotzdem nichts daran, an der althergebrachten Familientradition festzuhalten und sich das Fest gegenseitig ordentlich zu vermiesen. Aber jetzt zur eigentlichen Geschichte. Ich hatte Dank der Umtriebigkeit meiner Großväter insgesamt fünf Großmütter und in meiner ersten sehr langen, eheähnlichen Beziehung bekam ich noch eine Schwiegergroßmutter dazu.

Elfriede, eine Wienerin, wie sie im Buche steht. Nie schlecht gelaunt, aber trotzdem immer ein ganz klein wenig grantig. Sie hatte, als ich sie kennenlernte, einen grauen Pudel an der Leine. Ein süßer, wuscheliger Kerl, der grundsätzlich alles falsch machte. Das machte die Enkeltochter manchmal in ihren Augen zwar auch, aber die durfte man weder schimpfen noch an die Leine nehmen. Elfriede war zwar ein echter Familienmensch, aber noch viel lieber war sie mit sich alleine. Sie ruhte in sich selbst und ich mochte sie.

Sie fragen sich jetzt wohl, was das mit einer Weihnachtsgeschichte zu tun hat, aber die kommt gleich. Irgendwann während des Jahres stürzte Elfriede und brach sich den  Oberschenkel. Eine schlimme Sache, aber trotzdem hatte sie ihren Humor nicht verloren. Den Stadtmarathon musste sie wohl auslassen in diesem Jahr und sogar die im dritten Stock gelegene Wohnung ihrer Enkelin war für sie ein unerreichbar hohes Ziel, aber dafür gab’s ja den  Krankenservice. Da wird man mit einer Art Trage von zu Hause abgeholt und zwei starke Männer bringen einen dorthin, wo man hin will, wenn es sein muss, auch in den dritten Stock, also Altbau, so richtig hoch. Es war wie jedes Jahr, wir stellten damals Weihnachten immer unter ein spezielles Motto.

Wir hatten schon indische, griechische, schwedische und amerikanische Weihnachten. Wir kochten irgendeine Küche der Welt und unsere Gäste mussten sich auch ein wenig kleidungstechnisch auf das Thema einstellen.
Es lag natürlich auf der Hand, dass auch der Weihnachtsbaum und die festliche Wohnungsbeschmückung einen gewissen regionalen Look verpasst bekamen. Auf jeden Fall war alles fertig, das Essen stand bereit, serviert zu werden, und die Gäste übten sich in Small Talk.

Es gab natürlich jedes Jahr den einen oder anderen, der es komisch fand, „Stille Nacht“ im Sari zu singen, aber alles blieb harmonisch, nur Elfriede fehlte. Dabei wohnte sie nur zehn Minuten mit dem Auto entfernt, in der Auhofstraße. Auf Nachfrage beim Krankenservice war sie auch pünktlich abgeholt worden. Einem eigenen Handy entsagte sie damals tapfer, also konnte man nicht eruieren, wo sie blieb. Es ist ein komisches Gefühl, wenn man sich sicher ist, dass eigentlich nichts passiert sein kann, aber doch alle irgendwie innerlich aufgeregt sind, weil man ja nie weiß. Und während wir so saßen und warteten, erlebte Elfriede eine Odyssee der sonderbaren Art.

Denn sie wurde von den schusseligen Krankentransporteuren schlicht und einfach in die falsche Wohnung gebracht. Jetzt muss man einmal feststellen: Elfriede war alles andere als bescheuert, sie saß eben in so einem Rettungsauto mit  abgeklebten Scheiben und wusste wirklich nicht, wo sie hingebracht wurde. Erst als sie aus dem Wagen gehoben wurde, war ihr klar, das Haus vor dem sie stand, kannte sie nicht. Aber anstatt laut aufzuschreien, übernahm in Sekundenbruchteilschnelle die Neugierde das Kommando und es war ihr wichtiger zu sehen, wie die unbekannte Familie das Fest beging, als rasch zu uns zu kommen.

Naja, drei Stockwerke hängen sich auch bei einer zierlichen älteren Dame an, und ich hätte gerne das Gesicht der Menschen gesehen, die mit Glöckchen in der Hand beim Eingang standen und den  Ludwig-Hirsch-Klassiker von der Omama summten. Vor allem in diesem Moment, als sie wohl trotz des Einflusses von Weihnachtspunsch einwandfrei feststellten, dass es sich wohl um eine Oma  handelte, aber definitiv nicht um die bestellte, nämlich ihre. Ebenso dumm sahen wohl die beiden Träger drein, als Elfriede laut, aber bestimmt sagte: „Das ist nicht meine Familie!“ Hätte sie einen Taschenknirps mitgehabt, hätte sie wohl dem Gesagten auch noch schlagende Beweise nachgeschickt.

Also retour, drei Stockwerke wieder runter und auf in die Hadikgasse. Dort warteten wir schon rund eine Stunde, was der Stimmung nicht so richtig zuträglich war, auch wenn wir von der Zentrale schon verständigt worden waren, dass weder Unfälle vorlagen noch sonst irgendwas geschehen wäre, was Sorge bereiten könnte.

Ein gewisser Grad an Erleichterung machte sich dann breit, als Elfriede in die Gegensprechanlage ein fröhliches „Ich bin’s“ zwitscherte und man noch laut und deutlich ein „In den dritten Stock, meine Herrn, das ist jetzt wirklich das richtige Haus, passen S’ auf, die Treppe ist a bisserl eng, nicht, dass sie mich ...“, hören konnte. Gefolgt wurden diese Wortfetzen von einem Trappel, Trappel und einem unüberhörbaren Stöhnen, das definitiv nicht Elfriede zugeordnet werden konnte. Wie schon gesagt, auch eine zierliche ältere Dame hängt sich an, auf drei Stockwerke

Altbau. Und da war sie, unsere Weihnachtsüberraschung. Mit einem Lächeln auf den Lippen, frischer Dauerwelle, ein paar Geschenkpackerln, seit gut eineinhalb Stunden in der Hand, und eingepackt in einen Persianerpelz, wurde Elfriede im Vorzimmer abgestellt. Sie entstieg ihrer Trage wie Queen Mum, küsste uns und flüsterte ihrem Sohn ins Ohr: „Gib ihnen ein Trinkgeld, a bisserl mehr, die Herrn hatten’s nicht leicht heute und Weihnachten ist auch!“ Wie schon gesagt, sie ruhte in sich selber und ich mochte sie.
Und sie schaut uns sicher zu, zumindest wenn sie Zeit hat, zu Weihnachten auf ihrer Wolke ...
 
Alle Geschichten des NÖN-Adventkalenders sind folgenden Büchern entnommen:

Hat das Christkind Hosen an?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg
Heitere Weihnachtsgeschichten für große Kinder.
21 Euro, 192 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

 
Es gibt ihn doch, den kleinen Unterschied! Und er wurde auch schon hinlänglich und in allen nur erdenklichen
Facetten erforscht. So sind Frauen zum Beispiel eher Rechtshänderinnen und seltener farbenblind. Ihr Sehfeld ist größer als das der Männer. Männer sehen dafür schärfer. Frauen können einzelne Finger gezielter bewegen. Männer werfen und fangen besser, sind im Durchschnitt um zehn Prozent größer, um 20 Prozent schwerer und um 30 Prozent stärker als Frauen, besonders am Oberkörper ...

Eine ganz wesentliche Frage wurde freilich bislang noch nie gestellt: Wie unterscheiden sich Frauen und Männer in ihrer Auffassung vom Christkind?

Dieses letzte aller noch verbliebenen Weihnachtsgeheimnisse aufzudecken, ist die Mission des dritten Bandes der erfolgreichen Christkindanthologie. Nachdem sich in den Vorjahren Journalistinnen aus ganz Österreich himmlischen Lifestyle-Themen gewidmet haben und Fragen nachgegangen sind wie "Ist das Christkind wirklich blond?" oder "Lebt das Christkind hinterm Mond?", offenbaren uns nun Österreichische Top-Journalisten ihr ganz persönliches christkindliches Verständnis. Sie bescheren uns tief(sinnig)e Einblicke mit ihren Betrachtungen zu "Hat das Christkind Hosen an?" Manch einer mag so weit gehen, zu fragen: Ja, ist es am Ende etwa gar ein Mann ...

Lebt das Christkind hinterm Mond?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg
Noch mehr heitere Weihnachtsgeschichten.
21  Euro, 180 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

Das Leben ist voller Christkindmomente. Weißt du, wo das Christkind wohnt? Hinterm Mond? Und doch kommt es so weltoffen und geistreich daher, ist so fest verortet im Hier und Jetzt. Es ist da, immer dann, wenn es uns gelingt, anderen eine Freude zu machen, jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern oder einfach nur für einen Augenblick innezuhalten und zuzuhören.

Das Leben ist voller berührender, lustiger, tiefgründiger, verworrener, liebenswerter, stimmiger, unglaublicher, fantastischer ... Christkindmomente. Es gilt nur sie aufzuspüren. Viele davon wohnen in uns, sind eingeschrieben in unser gemeinsames Gedächtnis. Wie die langen, nicht enden wollenden Stunden erwartungsvoller Vorfreude, die sich dann im Nachhinein vielleicht als die schönsten erweisen. Wie die Freude am Schenken, die oft um so vieles größer ist, als die darüber, beschenkt zu werden. Wie die eingespielten Traditionen und Bräuche, die wir zeitlebens mit Inbrunst verwünschen, obwohl wir doch genau wissen, nicht ohne sie sein zu wollen.

„Steht das Christkind vor der Tür? Das Licht-ins-Dunkel-Weihnachtsbuch“

x  |  NOEN, Verlag Anton Pustet
Barbara Brunner,  Caroline Kleibel, 144 Seiten, 22 Euro, Verlag Anton Pustet
Steht das Christkind vor der Tür? Aber ja doch! Alle Jahre wieder wollen wir das Christkind oh so fröhlich hereinbitten und voller Vorfreude willkommen heißen. Die Tür zu wunderbaren Weihnachten öffnen uns dieses Mal Menschen, die wir alle kennen und schätzen. Menschen, die in ihrem Leben schon viel erreicht haben, was zählt. Uns wiederum reicht das von ihnen Erzählte.

In diesem stimmungsvollen Sammelband geben Künstlerinnen und Künstler, Medienschaffende und prominente Persönlichkeiten ihre denkwürdigsten Weihnachtserinnerungen preis. Einmal heiter, dann wieder besinnlich, nostalgisch und zuweilen auch durchaus kritisch.  Sind die Türen erst einmal weit offen, bleiben auch die Herzen nicht verschlossen. Mit dem Kauf jedes einzelnen Buches unterstützen Sie die Aktion Licht ins Dunkel.