Erstellt am 20. Dezember 2015, 00:00

Garten. Weiß..

 |  NOEN, Symbolbild
Aber es ist doch nicht so
dass alles verschwindet
wenn Schnee fällt
Die Dinge ändern nur ihre
Gestalt Werden weicher
und geben sich nicht mehr
so leicht zu erkennen.
 
Die Bäume zum Beispiel
sind nicht mehr nackt
sondern mit weißen
Eichhörnchen bekleidet
Mit Schneetauben Hasen
und diesem seltsamen Licht
welches das Auge um alle Farben
 
betrügt weil es sie verschlingt
in sein sorgloses Weiß So als
gäbe es immer ein erstes Mal
eine erste Berührung zum Beispiel
oder eine Form ohne Beschreibung
ein Wort ohne Nachklang
eine Gestalt ohne Namen
 
Aber es ist doch nicht so
wie ich schreibe Hinter den Worten
hockt immer noch eine andere
Wahrheit und krümmt sich
oder schwankt im wechselnden Licht
Denn der Schnee schmilzt irgendwann
Und im Weiß sind alle Farben zu Hause
 

von Undine Materni

x  |  NOEN, privat

geb. 1963 in Sangerhausen, Studium der Chemie, Tätigkeiten als Forschungsingenieurin, Altenpflegerin, Kellnerin, Mitherausgeberin der Zeitschrift „reiterIn“ in Dresden, 1990-93 Studium am Literaturinstitut Leipzig, 2000-2002 Verlagsmitarbeiterin im Verlag ddp goldenbogen in Dresden, 2002-2005 Mitarbeiterin im Ausländerrat Dresden e.V.

seit 17 Jahren freie Mitarbeiterin bei der SÄCHSISCHEN ZEITUNG, SAX, Dresdner Stadtmagazin u.a., seit 2006 Freie Autorin, Lektorin und Publizistin, Kolumnistin, Kunst- und Literaturkritikerin
 
Veröffentlichungen (Auswahl)
„Das beharrliche Unglück der Dinge“, Verlag Janos Stekovics, Halle/Saale 2000
„Landgang im November“, Verlag Die Scheune, Dresden 2004
„Die Tage kommen über den Fluss“, Gedichte Deutsch/Polnisch, Edition Tikkun, Warschau 2006 (Nachdichtungen Marek Sniecinski)
„Teufelshuf und Himbeerbrause“, Kinderbuch (gemeinsam mit Jörg Brettschneider), Edition Sächsische Zeitung, Dresden 2007
„Das abwesende Haus meines Vaters“; Gedichte und Kurzprosa, Projekteverlag, Halle/S. 2012


Zur Aktion:

Am Literaturbewerb des art.experience Festivals 2015 in Baden bei Wien haben sich viele hundert Menschen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus Österreich, Deutschland und der Schweiz – mit ihren Kurzgeschichten und Gedichten beteiligt. Die wenigen Finalistinnen und Finalisten haben wir um einen Beitrag für den NÖN-Adventkalender gebeten. Das Ergebnis finden Sie hier Tag für Tag. Es sind schöne, berührende, aber auch anspruchsvolle und verstörende Texte. Wie das Leben und die Menschen so sind, gerade zu Weihnachten.