Erstellt am 13. Dezember 2014, 00:01

Hörgeschichte: „Freude schöne Götterfunken“. Adventgedanken von Thomas Jorda - vorgetragen von Simon Kriese.

 |  NOEN, www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)
Freude trinken alle Wesen an den Brüsten
der Natur; alle Guten, alle Bösen folgen ihrer
Rosenspur … Sie hob den Kopf.
Küsse gab sie uns und Reben, einen Freund,
geprüft im Tod. Wollust ward dem Wurm gegeben…

Die Geschichte zum Anhören:

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Die Geschichte zum Nachlesen:

Das war zum Lachen. Ein wollüstiger Regenwurm, ha! Jana legte die goldene Kugel aus der Hand. „Sind uns die Weihnachtslieder ausgegangen?“ Emma kicherte. „Du kennst doch die Bedingungen. Zwei Mal am Tag den vierten Satz.“ Natürlich! Jana hatte es verdrängt. Das gehörte zu den Auflagen der Stadtverwaltung, war Bedingung für den Mietvertrag. Das Haus der Neunten! Mitten in Baden.

Dabei wusste keiner, ob Beethoven den vierten Satz hier komponiert hatte oder doch in Wien. „Und das hilft dem Fremdenverkehr auf die Sprünge?“ Mehrere Jahre schon war das einstige Antiquitätengeschäft im Erdgeschoß leer gestanden. Die historischen Räume, in denen Beethoven drei Sommer lang gearbeitet hatte, war eines der Ziele der Stadtführungen. Das Haus hatte den  vernichtenden Brand 1812 und die manische Neubauerei der Stadt nach dem Krieg überlebt. Ein Christmas-Shop.

Besser als nichts, hatte die Gemeinde befunden. Den Anspruch in Sachen vierter Satz wollte man trotzdem nicht aufgeben. In den letzten Novembertagen begannen sie, das Geschäft  einzurichten. Kurz vor Weihnachten sollte der Gewinn groß genug sein, um Durststrecken zu übertauchen. Ab Jänner rechnet sich kein Christmas- Shop.

Die Laternen warfen ihr dumpfes Licht auf den Matsch des ersten Schnees. Auf der Straße waren kaum noch Menschen. Jana verteilte die  goldenen Christbaumkugeln auf einer schmucken Plastiktanne. Längst hatte sie die CDs getauscht. Adeste fideles laeti triumphantes, venite, venite in Bethlehem … Eigentlich sinnlos, dachte Jana, keiner hörte zu. Sie drehte die Anlage ab und löschte die Kerzen, die den geschäftsfördernden
Zimtgeruch verbreiteten. Emma war schon gegangen. Immer noch erklang Musik. Immer noch
erklang Musik? Jana hielt inne. Woher kam sie?

Von einem Klavier, ja. Aber wer spielte hier und sang dazu? Und wo? Und vor allem was!

Schon wieder der vierte Satz! Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum … Jana mochte diesmal nicht lachen. Die Musik und der zarte Gesang rührten sie an. Sie trat aus dem Hintereingang in den Hof und schlich sich in den ersten Stock. Legte die Ohren an die Tür. Musik, tatsächlich.  Klaviermusik. Der vierte Satz. Verfolgungswahn? Tinnitus? Jana öffnete die Tür, ganz leise. Ein  junger Mann saß am Klavier Beethovens. Er fuhr zusammen, warf den Deckel über den Tasten zu,
sprang auf. Jana hielt inne. Starrte ihn an. Schrie ihn an. „Was machen Sie da, gottverdammt?“

Die Antwort war zu erwarten. „Ich spiele Klavier.“ „Sie dürfen doch gar nicht hier sein!“ Sie
bewunderte ihren Mut. „Ja, ich weiß“, stammelte der junge Mann, „aber niemanden hat es bisher gestört. Ich hab mir die Schlüssel ausgeborgt und nicht mehr zurückgegeben. Die fehlen anscheinend keinem.“

Für einen Geistesgestörten gab er recht sinnvolle Antworten, fand Jana, aber trotzdem … „Das heißt, hätte ich nicht länger gearbeitet, wäre keinem aufgefallen, dass Sie hier einen auf  Beethoven machen?“ Der junge Mann lachte. „Wahrscheinlich. Ich bin über Ihren Christmas-Shop gestolpert. Übrigens, ich heiße Ludwig. Wirklich!“ Die Frau schluckte. Das ist doch belämmert!

„Mein Name ist Jana. Und was haben Sie mit Beethoven zu tun? Außer dem gemeinsamen  Vornamen? Falls der echt ist.“ Eine empörte Handbewegung. „Doch, der stimmt. Ich habe Klavier gelernt und liebe seine Musik. Mich hat immer berührt, dass er so lange taub war. Ich spiele meist das, was er selbst nicht mehr hören konnte.“ Vor allem die Neunte, dachte Jana. „Vor allem die Neunte. Die größte Musik, die je geschrieben wurde. Traurig, sie nur am Klavier zu spielen. Aber ich denke, er wird sie, wo immer er ist, gerne hören. “

Ein Zauber lag über dem Zimmer. Jana wollte ihn nicht zerstören. Ludwig tat nichts Böses. „Mir tut’s leid, dass ich Sie gestört habe. Von mir erfährt keiner was. Spielen Sie ruhig weiter. Von mir aus auch den vierten Satz.“ Sie warf die Tür hinter sich zu, lief die Stiegen hinunter, sperrte die Hintertür des Geschäftes zu und marschierte schnell nach Hause. Am nächsten Abend blieb Jana wieder länger, dreht die Anlage ab, wartete. Er spielte schon wieder. Diesmal den Anfang der Symphonie. Den kannte sie auch. Verträumt lauschte sie den Klängen.

Tagsüber, wenn der Christmas-Shop offen war, erklang Ihr Kinderlein, kommet … für die Passanten und die erfreulich vielen Kunden. In der Nacht gab es Beethoven. Immer seltener die Neunte, immer öfter anderes, vor allem Klavierwerke, die Pathétique, die Waldsteinsonate, die Appassionata oder Für Elise. Beethoven hatte das komponiert, als er längst noch nicht taub war. Jana erhob gegen Ludwigs Schummelei keinen Einspruch, lauschte jeden Abend, dachte an die „Unsterbliche Geliebte“.

Ludwig, einen Stock höher, schien nur für Jana zu spielen. Ob er dabei auch die „Unsterbliche Geliebte“ des Meisters dachte, die unbekannt geblieben war? Unsinn, dachte sie. Und lauschte dann doch wieder ergriffen. Nacht für Nacht. Der Heilige Abend war gekommen, Emma und Jana hatten um drei Uhr am Nachmittag den Shop geschlossen. Müde, matt, doch zufrieden. Jana wollte noch bleiben. Spielte Ludwig auch heute?

Lange schon war es dunkel, als wieder die Musik anhob, nicht sanft diesmal, nicht romantisch, sondern kräftig, voller Lebensfreude. Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein; wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein! Ja, wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund … Wieder der vierte Satz, wieder Ludwigs schöne Stimme. Jana griff unter den Ladentisch. Eine sorgfältig verpackte Schachtel. Daran eine der goldenen Christbaumkugeln gebunden. Schnell lief sie die Stiege hinauf. Diesmal erschrak Ludwig nicht, nicht einmal, als sie ihm das Präsent aufs Klavier legte.

„Frohe Weihnachten! Und vielen Dank für die wunderbare Musik jede Nacht. Das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk bisher!“ Ludwig sah sie mit großen Augen an, lächelte. „Sie sind mein Christkind!“ Mehr brachte er nicht heraus. Jana blickte hinunter auf ihre Jeans, lachte. „Ja, das Christkind in der Hose.“ Sie drehte sich um, ging hinaus. Er sollte nicht sehen, dass sie jetzt Tränen in den Augen hatte. Als sie auf die Straße trat, waren die  Tränen längst gewichen. Der Jänner versprach auch ohne Weihnachten spannend zu werden.
 

Alle Geschichten des NÖN-Adventkalenders sind folgenden Büchern entnommen:

Hat das Christkind Hosen an?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Heitere Weihnachtsgeschichten für große Kinder.
21 Euro, 192 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

 
Es gibt ihn doch, den kleinen Unterschied! Und er wurde auch schon hinlänglich und in allen nur erdenklichen
Facetten erforscht. So sind Frauen zum Beispiel eher Rechtshänderinnen und seltener farbenblind. Ihr Sehfeld ist größer als das der Männer. Männer sehen dafür schärfer. Frauen können einzelne Finger gezielter bewegen. Männer werfen und fangen besser, sind im Durchschnitt um zehn Prozent größer, um 20 Prozent schwerer und um 30 Prozent stärker als Frauen, besonders am Oberkörper ...

Eine ganz wesentliche Frage wurde freilich bislang noch nie gestellt: Wie unterscheiden sich Frauen und Männer in ihrer Auffassung vom Christkind?

Dieses letzte aller noch verbliebenen Weihnachtsgeheimnisse aufzudecken, ist die Mission des dritten Bandes der erfolgreichen Christkindanthologie. Nachdem sich in den Vorjahren Journalistinnen aus ganz Österreich himmlischen Lifestyle-Themen gewidmet haben und Fragen nachgegangen sind wie "Ist das Christkind wirklich blond?" oder "Lebt das Christkind hinterm Mond?", offenbaren uns nun Österreichische Top-Journalisten ihr ganz persönliches christkindliches Verständnis. Sie bescheren uns tief(sinnig)e Einblicke mit ihren Betrachtungen zu "Hat das Christkind Hosen an?" Manch einer mag so weit gehen, zu fragen: Ja, ist es am Ende etwa gar ein Mann ...

Lebt das Christkind hinterm Mond?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Noch mehr heitere Weihnachtsgeschichten.
21  Euro, 180 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

Das Leben ist voller Christkindmomente. Weißt du, wo das Christkind wohnt? Hinterm Mond? Und doch kommt es so weltoffen und geistreich daher, ist so fest verortet im Hier und Jetzt. Es ist da, immer dann, wenn es uns gelingt, anderen eine Freude zu machen, jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern oder einfach nur für einen Augenblick innezuhalten und zuzuhören.

Das Leben ist voller berührender, lustiger, tiefgründiger, verworrener, liebenswerter, stimmiger, unglaublicher, fantastischer ... Christkindmomente. Es gilt nur sie aufzuspüren. Viele davon wohnen in uns, sind eingeschrieben in unser gemeinsames Gedächtnis. Wie die langen, nicht enden wollenden Stunden erwartungsvoller Vorfreude, die sich dann im Nachhinein vielleicht als die schönsten erweisen. Wie die Freude am Schenken, die oft um so vieles größer ist, als die darüber, beschenkt zu werden. Wie die eingespielten Traditionen und Bräuche, die wir zeitlebens mit Inbrunst verwünschen, obwohl wir doch genau wissen, nicht ohne sie sein zu wollen.

„Steht das Christkind vor der Tür? Das Licht-ins-Dunkel-Weihnachtsbuch“

x  |  NOEN, Verlag Anton Pustet

Barbara Brunner,  Caroline Kleibel, 144 Seiten, 22 Euro, Verlag Anton Pustet

Steht das Christkind vor der Tür? Aber ja doch! Alle Jahre wieder wollen wir das Christkind oh so fröhlich hereinbitten und voller Vorfreude willkommen heißen. Die Tür zu wunderbaren Weihnachten öffnen uns dieses Mal Menschen, die wir alle kennen und schätzen. Menschen, die in ihrem Leben schon viel erreicht haben, was zählt. Uns wiederum reicht das von ihnen Erzählte.

In diesem stimmungsvollen Sammelband geben Künstlerinnen und Künstler, Medienschaffende und prominente Persönlichkeiten ihre denkwürdigsten Weihnachtserinnerungen preis. Einmal heiter, dann wieder besinnlich, nostalgisch und zuweilen auch durchaus kritisch.  Sind die Türen erst einmal weit offen, bleiben auch die Herzen nicht verschlossen. Mit dem Kauf jedes einzelnen Buches unterstützen Sie die Aktion Licht ins Dunkel!