Erstellt am 20. Dezember 2014, 00:01

Hörgeschichte: "Müssen putzen die Baum". Eine Weihnachtsgeschichte zum Schmunzeln von Christina Repolust - gelesen von Agnes Jorda.

 |  NOEN, BilderBox.com / Erwin Wodicka

 Die Geschichte zum Anhören:

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Die Geschichte zum Nachlesen:

Von Beruf bin ich Hochbauingenieurin und komme aus Bosnien, aber hier in Österreich bin ich einfach nur die Ivanka. Ich putze bei der Familie Müller. Weil ich Nichtraucherin bin, habe ich diesen Job bekommen. Ich habe nicht gewusst, dass Rauchen oder Nichtrauchen eine Berufsqualifikation ist, eine Art Post-Graduate Abschluss, vermutlich als NR nach dem Namen zu schreiben.

Mir wurde gesagt, dass ich wirklich gut Deutsch spreche. Herr Müller streichelt mir immer über die Wange und sagt „Brav’s Madl, weitermachen, putz nua schea“. Frau Müller ist das ein bisschen peinlich. Bald habe ich den beiden Müller-Kindern bei den Deutschhausaufgaben geholfen und während ich mit ihrem Nachwuchs lernte, hat Frau Müller die Wohnung geputzt. Nicht so genau, wie ihr Mann das von mir erwartet. Daher bekomme ich immer Schelte.

Herr Müller sagt statt „Schelte“ „Anschiss“. Das habe ich in meinem C1-Deutschkurs in Bosnien nicht gelernt, aber ich kann mir ungefähr denken, was es bedeutet – „scheiß, schiss, gschissen“ ist ein beliebtes Suffix bei den Müllers. Frau Müller selbst lernt heimlich bei mir Deutsch. Angefangen haben wir mit den Nebensätzen, da war sie ganz schwach. „Ich weiß, dass du eine Geliebte hast!“ Das konnte sie schließlich fehlerfrei sagen. Danach war Herr Müller immer schon um 18 Uhr zu Hause. Aber ich verrate natürlich niemandem, dass meine Chefin und ich die Rollen getauscht haben und meinen Chef lasse ich einfach weiterhin im Dialekt sprechen.

Ich habe mich erkundigt: ÖsterreicherInnen kann man auch mangels Sprachkompetenz die Staatsbürgerschaft nicht aberkennen. Heute hat mir Herr Müller einen Baum ins Wohnzimmer gestellt und gesagt: „Ivanka, müssen du putzen die Baum, ist Christbaum, ist heilig.“ Ich soll also den Baum reinigen!? Seit zwei Stunden arbeite ich nun schon mit der Dampfente am Christbaum.

Die Nadeln sind inzwischen völlig staubfrei und ich überlege jetzt, ob ich die Rinde des Stammes nicht auch abhobeln soll. Ich könnte es mit dem Kartoffelschäler versuchen. Müllers sind eigentlich nicht so reinlich, aber als Angestellte muss ich akzeptieren, was der Chef will. Ich bin Muslima, ich habe  beobachtet, dass die Christen immer viel trinken, wenn sie besonders fromm sind.

Zu Weihnachten trinkt Herr Müller immer mehr als zu Nichtweihnachten. Er macht jeden Alkohol heiß, das ist wahrscheinlich das Weihnachtsgebot der Christen: Mach den Alkohol heiß, dann spürst du das Feuer der Liebe. Wir Muslime trinken unseren Tee ja auch heiß … Herr Müller ist Mitglied in einem Männerclub, irgendwas mit Löwen, die spenden immer für eine gute Sache. Deshalb, so hat er mir erklärt, kann er mir auch nicht sehr viel fürs Putzen bezahlen. Gerade sammelt er mit seinen Löwen-Kollegen für Erdbebenopfer.

„Arme Leit, nix Haus, kalt, nix Decke.“ Ja, das habe ich gleich  verstanden. Heute soll ich als erstes diesen Christbaum putzen, dann für die Herren ein bisschen kochen, eine Platte herrichten, das steht auf dem Zettel. Platte hat Herr Müller übrigens mit „B“ geschrieben. Besonders peinlich ist mir der Auftritt, der nach dem Essen kommen soll. Ich soll einbisschen davon erzählen, wie schwer ich es habe. Herr Müller sammelt nämlich im neuen Jahr, wenn dann alle Erdbebenopfer eine Decke haben, auch für AsylantInnen. Da wollen die Leute aber nie so viel spenden, wie für Opfer von Katastrophen, sagt mein Chef. „Da muast uns hölfen, damit a Kohle einakummt, hast mi, Madl, du bist mei Huffnung.“

Ich durfte mir deshalb drei Wochen die Haare nicht waschen, jetzt schau ich schon sehr ungepflegt aus. Drei Zähne hätte ich mir mit Kohle schwarz malen sollen, das habe ich aber nicht gemacht. Nein, es gibt Grenzen. Herr Müller war noch immer nicht zufrieden.

Er hat mir den Rock und einen Pullover seiner 90-jährigen Mutter gebracht und gesagt: „Humpel a bissl beim Austragn von da Suppn, dann reißn de Typn gleich a por Hundarta mehr aussa.“ „Humpeln“, das habe ich verstanden. Ich habe gleich geübt, meinen rechten Fuß nachzuziehen. Außerdem soll ich nur schlechtes Deutsch sprechen, sonst geben die Müller-Freunde nichts her. Mein Chef hat mir einige Sätze aufgeschrieben, die ich sagen soll: „Ich kommen aus Bosnia. Ich putzen Wohnung. Herr Müller sein gutes Mensch. Mein Kinder Hunga, Mann tott.“

Ich habe keine Kinder und mein Freund arbeitet in einer Bank, aber in der Not darf man schon ein bisschen schwindeln. „Ivanka, komm, sprechen mit meine Freind!“, lädt mich Herr Müller ein.

Ich habe die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel auswendig gelernt. In Bosnien habe ich mit meinen Eltern in einer Villa gewohnt, wir hatten drei Angestellte. Meine Eltern mögen mir verzeihen, wenn ich gleich sagen werde: „In eine Stall, da komm i her, mit die Viecha hamma gwohnt, ich sein jüngste Kind, hell wars immer daham, aber kalt. Nix hamma ghabt, nix glernt, immer putzen Stall, Fressen geben die Esel, die Ox.“

Herr Müller sagt, dass seine Freunde mehr spenden, wenn ich „richtig arm ausschau“ und ganz, ganz schlecht „Deitsch reden tue“. Wenn der Herr Müller dann bei seinen Freunden abkassiert hat – für die gute Sache – dann werde ich mit ihm einmal so richtig Deutsch reden. Wenn mir aber jetzt nur jemand sagen würde, wie man einen Baum putzt! Diese interkulturellen Begegnungen werfen wirklich ein anderes Licht auf die christlichen Bräuche: Der Baum ist unrein, er muss erst gereinigt werden, dann wird er geschmückt.

Alles hat seine Ordnung und schließlich sind die Müllers doch ein Vorzeigehaushalt. Schöne Weihnachten.
 
Alle Geschichten des NÖN-Adventkalenders sind folgenden Büchern entnommen:

Hat das Christkind Hosen an?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg
Heitere Weihnachtsgeschichten für große Kinder.
21 Euro, 192 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

 
Es gibt ihn doch, den kleinen Unterschied! Und er wurde auch schon hinlänglich und in allen nur erdenklichen
Facetten erforscht. So sind Frauen zum Beispiel eher Rechtshänderinnen und seltener farbenblind. Ihr Sehfeld ist größer als das der Männer. Männer sehen dafür schärfer. Frauen können einzelne Finger gezielter bewegen. Männer werfen und fangen besser, sind im Durchschnitt um zehn Prozent größer, um 20 Prozent schwerer und um 30 Prozent stärker als Frauen, besonders am Oberkörper ...

Eine ganz wesentliche Frage wurde freilich bislang noch nie gestellt: Wie unterscheiden sich Frauen und Männer in ihrer Auffassung vom Christkind?

Dieses letzte aller noch verbliebenen Weihnachtsgeheimnisse aufzudecken, ist die Mission des dritten Bandes der erfolgreichen Christkindanthologie. Nachdem sich in den Vorjahren Journalistinnen aus ganz Österreich himmlischen Lifestyle-Themen gewidmet haben und Fragen nachgegangen sind wie "Ist das Christkind wirklich blond?" oder "Lebt das Christkind hinterm Mond?", offenbaren uns nun Österreichische Top-Journalisten ihr ganz persönliches christkindliches Verständnis. Sie bescheren uns tief(sinnig)e Einblicke mit ihren Betrachtungen zu "Hat das Christkind Hosen an?" Manch einer mag so weit gehen, zu fragen: Ja, ist es am Ende etwa gar ein Mann ...

Lebt das Christkind hinterm Mond?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg
Noch mehr heitere Weihnachtsgeschichten.
21  Euro, 180 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

Das Leben ist voller Christkindmomente. Weißt du, wo das Christkind wohnt? Hinterm Mond? Und doch kommt es so weltoffen und geistreich daher, ist so fest verortet im Hier und Jetzt. Es ist da, immer dann, wenn es uns gelingt, anderen eine Freude zu machen, jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern oder einfach nur für einen Augenblick innezuhalten und zuzuhören.

Das Leben ist voller berührender, lustiger, tiefgründiger, verworrener, liebenswerter, stimmiger, unglaublicher, fantastischer ... Christkindmomente. Es gilt nur sie aufzuspüren. Viele davon wohnen in uns, sind eingeschrieben in unser gemeinsames Gedächtnis. Wie die langen, nicht enden wollenden Stunden erwartungsvoller Vorfreude, die sich dann im Nachhinein vielleicht als die schönsten erweisen. Wie die Freude am Schenken, die oft um so vieles größer ist, als die darüber, beschenkt zu werden. Wie die eingespielten Traditionen und Bräuche, die wir zeitlebens mit Inbrunst verwünschen, obwohl wir doch genau wissen, nicht ohne sie sein zu wollen.

„Steht das Christkind vor der Tür? Das Licht-ins-Dunkel-Weihnachtsbuch“

x  |  NOEN, Verlag Anton Pustet
Barbara Brunner,  Caroline Kleibel, 144 Seiten, 22 Euro, Verlag Anton Pustet
Steht das Christkind vor der Tür? Aber ja doch! Alle Jahre wieder wollen wir das Christkind oh so fröhlich hereinbitten und voller Vorfreude willkommen heißen. Die Tür zu wunderbaren Weihnachten öffnen uns dieses Mal Menschen, die wir alle kennen und schätzen. Menschen, die in ihrem Leben schon viel erreicht haben, was zählt. Uns wiederum reicht das von ihnen Erzählte.

In diesem stimmungsvollen Sammelband geben Künstlerinnen und Künstler, Medienschaffende und prominente Persönlichkeiten ihre denkwürdigsten Weihnachtserinnerungen preis. Einmal heiter, dann wieder besinnlich, nostalgisch und zuweilen auch durchaus kritisch.  Sind die Türen erst einmal weit offen, bleiben auch die Herzen nicht verschlossen. Mit dem Kauf jedes einzelnen Buches unterstützen Sie die Aktion Licht ins Dunkel.