Erstellt am 04. Dezember 2014, 00:00

Hunde-Tage. Eine Adventgeschichte von Susanne Drachlser.

 |  NOEN, www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)
Gestatten? Sir Paul. Bürgerlicher Name: Paulchen – bei Bedarf auch „Paul aus“, „Paul nein“ oder „Paul pfui“. Das elfte Weihnachtsfest zähle ich nun. Das elfte Mal verhalten sich meine Zweibeiner äußerst außergewöhnlich, ich würde sogar sagen, sehr speziell: Sie verteilen leckere Gerüche in meinem Revier, ohne mir etwas davon abzugeben und stören meinen Schlaf mit Melodien, die weniger melodisch als mein nächtliches Schnarchen anmuten. Ich gehöre schon zum alten Eisen, heißt es. Für meine Rasse auf jeden Fall, meint Frauchen – ein bisschen Bernhardiner, ein bisschen Dogge, ein bisschen von allem. Alter hin oder her: Dass zu Weihnachten etwas anders ist, das merke ich.

Wird es draußen kälter und hüllen sich die Menschen in dicke Kleidung, wird meine Hundeseele hellhörig. Denn: Meine Dosenöffner werden zu dieser Jahreszeit seltsam, sehr seltsam. Gesellen sich die ersten Schneeflocken zur Kälte, erreicht ihre Stimmung den Höhepunkt. Frauchen schiebt duftendes Zeug in den Ofen, legt runde Scheiben mit Musik drauf in den Radio – ein grausames Ergebnis für sensible Hundeohren, finde ich. Als wäre das nicht genug, formt sie ihre Lippen seltsam nach vorne und schickt schrille Töne durch die Wohnung. Sie pfeift, sie singt – qualvoll für sensible Hundeohren. Von wegen Stille Nacht!

Prüfend hebe ich meine Nase, schnuppere. Hmmm. „Paul nein“, schallt es sofort, als ich mich nähere. „Zucker ist nichts für dich!“ Zucker? Das leckere, süße Zeug? Das trifft mein Hundeherz hart, von Mal zu Mal, von Weihnachten zu Weihnachten, immer die gleichen Worte. Ich versuche es mit „nicht verstanden!“, lasse die Ohren hängen, drehe die Augen dramatisch nach oben und starte einen neuen Anlauf. Stück für Stück nähere ich mich dem süßen Ziel, robbe mich Zentimeter für Zentimeter vor. Ertappt.

„Paul pfui“, schallt Frauchen. Einen dritten Versuch und ein weiteres „Paul nein“ später hisse ich die weiße Flagge und verziehe mich in den Hundekorb – nicht ohne beim Vorbeigehen kurz über den Fliesenboden in der Küche zu lecken. Ätsch, doch ein bisschen Zucker, muss er gewesen sein, es war lecker. Nach quälenden Augenblicken, die das duftende Zeug auf der Anrichte verbringt, packt es Herrchen weg, steckt es in Dosen, die er in eine Lade weiter nach oben stellt. Verstehe ich nicht. Ratzfatz würde es in meinem Magen landen.

Ich beobachte ihn genau. Ein Lächeln, dann schließt er die Lade, steigt vom Stuhl und schiebt diesen wieder an den Tisch. Chance vorbei, in diesen Höhen hat selbst ein Bernhardiner nichts mehr auszurichten. Ich drehe mich schwer schnaufend auf die Seite, dann gibt’s eben eine Runde Schlaf, ich strecke mich werbewirksam – Frauchen lacht – und steige ins Körbchen. Ein Rascheln reißt mich aus Träumen von Hundedamen und Bergen von Hundekuchen. Hundekuchen? Weit gefehlt! Trotzdem stecke ich meinen Kopf durch die Küchentüre. Diesen etwas schief gehalten, die Ohren leicht nach unten gekippt, das wirkt.

Gewonnen – Frauchen tätschelt meinen Kopf. Ein alter Trick, damit bringe ich die Zweibeiner nach wie vor in Verzückung. Gewusst, wie. Ich nutze die Gunst des Moments, rolle mich auf den Rücken und strecke alle Viere in die Luft. Sie kniet sich nieder und krault meinen Bauch. Gut erzogener Zweibeiner. Tut das gut! Das Rascheln ist nicht verschwunden.

Mit etwas Konzentration nehme ich Geruch leicht wahr. Schokolade? Zucker? Irgendetwas Süßes. Herrchen nagelt es an die Wand. Kombiniere ich richtig, versteckt sich der Duft hinter buntem Karton, Türchen mit Zahlen sind darauf. Verstehe einer die Menschen. Ein Nickerchen hat noch nie geschadet, ich rolle mich auf dem weißen Teppich vor dem Fernseher zusammen. Gute Nacht! Heute Morgen ist noch einmal alles anders. Das scheint wieder dieser Tag des Höhepunkts zu sein. Herrchen schleppt Wald herein. Etwas mickrig schaut er aus, egal: Gassigehen kann ich mir damit ersparen. Die Kälte draußen liebe ich nicht besonders. Ich hebe das Bein. „Neeeeein, Paul, nein!“ O.K., damit habe ich wohl nicht gepunktet.

Ins Körbchen gekuschelt, ein schuldbewusster Blick, das hilft immer. Der Duft aus der Küche holt mich wenig später von der Hundedecke. Traditionell: Karpfen mit Kartoffelsalat und Schnitzel für die Kinder. Ersteres langweilt mich, zweiteres weckt meinen Ehrgeiz. Trotz Griffes in die Trickkiste und treuherzig-seitlicher Kopfstellung wird mir keine Beachtung geschenkt. Dann gebe ich eben alles: Ohren melancholisch nach unten gelegt, dramatischer Hundeblick, als Draufgabe das Pfötchen gegen Frauchens Knie gedrückt. Gewonnen. Sie lächelt und schiebt mir ein Stück Fleisch in den Mund: „Weil heute Weihnachten ist.“
 

Alle Geschichten des NÖN-Adventkalenders sind den folgenden beiden Büchern entnommen:

Hat das Christkind Hosen an?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Heitere Weihnachtsgeschichten für große Kinder.
21 Euro, 192 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

 
Es gibt ihn doch, den kleinen Unterschied! Und er wurde auch schon hinlänglich und in allen nur erdenklichen
Facetten erforscht. So sind Frauen zum Beispiel eher Rechtshänderinnen und seltener farbenblind. Ihr Sehfeld ist größer als das der Männer. Männer sehen dafür schärfer. Frauen können einzelne Finger gezielter bewegen. Männer werfen und fangen besser, sind im Durchschnitt um zehn Prozent größer, um 20 Prozent schwerer und um 30 Prozent stärker als Frauen, besonders am Oberkörper ...

Eine ganz wesentliche Frage wurde freilich bislang noch nie gestellt: Wie unterscheiden sich Frauen und Männer in ihrer Auffassung vom Christkind?

Dieses letzte aller noch verbliebenen Weihnachtsgeheimnisse aufzudecken, ist die Mission des dritten Bandes der erfolgreichen Christkindanthologie. Nachdem sich in den Vorjahren Journalistinnen aus ganz Österreich himmlischen Lifestyle-Themen gewidmet haben und Fragen nachgegangen sind wie "Ist das Christkind wirklich blond?" oder "Lebt das Christkind hinterm Mond?", offenbaren uns nun Österreichische Top-Journalisten ihr ganz persönliches christkindliches Verständnis. Sie bescheren uns tief(sinnig)e Einblicke mit ihren Betrachtungen zu "Hat das Christkind Hosen an?" Manch einer mag so weit gehen, zu fragen: Ja, ist es am Ende etwa gar ein Mann ...
 

Lebt das Christkind hinterm Mond?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Noch mehr heitere Weihnachtsgeschichten.
21  Euro, 180 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg


Das Leben ist voller Christkindmomente. Weißt du, wo das Christkind wohnt? Hinterm Mond? Und doch kommt es so weltoffen und geistreich daher, ist so fest verortet im Hier und Jetzt. Es ist da, immer dann, wenn es uns gelingt, anderen eine Freude zu machen, jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern oder einfach nur für einen Augenblick innezuhalten und zuzuhören.

Das Leben ist voller berührender, lustiger, tiefgründiger, verworrener, liebenswerter, stimmiger, unglaublicher, fantastischer ... Christkindmomente. Es gilt nur sie aufzuspüren. Viele davon wohnen in uns, sind eingeschrieben in unser gemeinsames Gedächtnis. Wie die langen, nicht enden wollenden Stunden erwartungsvoller Vorfreude, die sich dann im Nachhinein vielleicht als die schönsten erweisen. Wie die Freude am Schenken, die oft um so vieles größer ist, als die darüber, beschenkt zu werden. Wie die eingespielten Traditionen und Bräuche, die wir zeitlebens mit Inbrunst verwünschen, obwohl wir doch genau wissen, nicht ohne sie sein zu wollen.

Journalistinnen und Medienfrauen aus ganz Österreich geben rund um die schönste Zeit des Jahres genüsslich ihre höchst persönlichen Begegnungen mit dem Christkind preis und da ist es dann eigentlich ganz egal, in welch himmlischen Sphären es in den kurzen Atempausen dazwischen abhängt.