Erstellt am 05. Juli 2015, 12:46

"Mein Sonntagberg" ist Opa und Oma. Stefan Hackl über seine persönliche Beziehung zum Wallfahrtsort Sonntagberg.

 |  NOEN, privat

Als zehnjähriger Bursch hat man am Sonntagberg keine Augen für das Gnadenbild, den Heiligen Nepomuk oder das mächtige Kirchenschiff. Als zehnjähriger Bursch hat man Augen für ein Taschenmesser mit Hirschhornverzierung, das im Andenkenladen von Toni Kimmeswenger in einer Glasvitrine liegt.

Mein Opa war mit meinem Bruder und mir auf den Sonntagberg gefahren und nun durften wir uns ein kleines Geschenk aussuchen. Wir hatten unsere Wahl schnell getroffen und stolz steckten wir die Taschenmesser in unsere Hosentaschen. Ein Waidmann, der gerade einen kapitalen Hirsch erlegt hatte, könnte sich nicht stolzer und mutiger vorkommen als wir.

Ideale Spielwiese zum Versteckerlspielen

Ursprünglich hatten wir eine Radtour mit dem Turnverein nach Kleinreifling geplant. Wir verpassten den Treffpunkt und so hatten wir – Gott sei Dank – unseren Opa an diesem Sonntag nur für uns und er improvisierte ein Ersatzprogramm, zu dem auch der Sonntagberg zählte. Als wir mit unserem Kleinbus die letzten Meter in Richtung Basilika hinauftuckerten, war das für mich wie die Ankunft in einem Ort, in dem die Zeit stehen geblieben war: Das Kopfsteinpflaster, die enge Gasse hinauf zur Kirche, die Fensterläden – da mussten schon die Kinder in früheren Jahrzehnten die ideale Spielwiese zum Versteckerlspielen vorgefunden haben.

Als ich vor drei Jahren telefonisch vom Tod meiner Großmutter erfuhr, wollte ich für mich alleine sein. Ich fuhr hinauf auf den Sonntagberg und ich hatte wieder keine Augen für das Gnadenbild, den Heiligen Nepomuk oder das mächtige Kirchenschiff. Ich ging den Weg vorbei am Friedhof, hinein in den Wald. Die Sonne schien mir auf den Rücken. Ich klaubte einen Stein auf, den ich festhielt, so wie mich meine Oma umarmte, wenn ich traurig war. Der Stein begleitet mich nach wie vor auf meinen Wegen, genauso wie das Taschenmesser noch immer in einer Schublade unseres Kinderzimmers liegt.

Mein Sonntagberg ist ein Stein und ein Taschenmesser, er ist Opa und Oma. Das ist wenig und gleichzeitig unendlich viel.

In der Serie „Mein Sonntagberg“ präsentiert die NÖN ganz persönliche Geschichten über den Wallfahrtsort. Wer seine Geschichte zum Sonntagberg ebenfalls in der NÖN erzählen möchte, kann sich unter redaktion.ybbstal@noen.at oder unter 07442/52202 melden.

Nächste Termine

Im Juli und August findet jeden Sonntag um 12 Uhr der Orgelmittag in der Basilika am Sonntagberg statt.