Erstellt am 10. Dezember 2014, 00:01

Nach Hase. Eva Rottensteiner

 |  NOEN, Erwin Wodicka (Erwin Wodicka)
„Jaja, jetzt sind die Feiertage auch wieder vorbei“, pflegte meine Oma zu sagen – pünktlich am 27. Dezember und man wusste nie so recht, ob sie es bedauerte oder ob sie froh darüber war.

Der Spruch kam auch nach Ostern. Oma nahm Weihnachten sehr ernst. Sie versorgte die Familie mit Keksen, ob wir es wollten oder nicht. Carepakete voller Linzer Augen, Vanillekipferl und Nusskeksen erreichten uns schon lange vor Weihnachten aus dem großmütterlichen Heimatdorf in Niederösterreich. Ernsthafte Versuche von uns Kindern, die Kekse vor Weihnachten zu vernichten, scheiterten.

Nach den Weihnachtsferien bekamen mein Bruder und ich immer noch Linzer Augen ins Jausensackerl geschwindelt. Zu Weihnachten kam Oma selbst und trug mit ihren großzügigen Geschenken wesentlich zum finanziellen Wohl ihrer Enkelkinder und sogar noch ihrer Urenkel bei. Es handelte sich um Tausend-Schilling-Scheine, die unsere Mutter dann in Kuverts steckte und an den Christbaum hängte – für Firlefanz wie Verpackung hatte Oma nicht viel übrig.

Als sie ein Kind war, erzählte uns Oma, bekam sie zu Weihnachten nur ein paar Äpfel und Süßigkeiten. Außerdem hatten sie keine Unterhosen, nicht einmal im Winter. Eine Geschichte erzählte Oma immer wieder: In den letzten chaotischen Tagen des Zweiten Weltkrieges versteckten sich mehrere Familien in einem Stollen – aus Angst vor den Russen. Als sie irgendwann den Unterschlupf verließen, um nachzuschauen, was los war, begegnete ihnen ein russischer Soldat.

Zu Tode erschrocken hoben sie die Hände und flehten ihn an, ihnen nichts zu tun. Doch der Soldat machte gar keine Anstalten dazu: „Hase – nach Hase!“, verkündete er freudestrahlend dem verängstigten Grüppchen. „Hase – was für ein Hase?“, fragte mein Großvater und deutete mit den Fingern am Kopf Hasenohren an.

„Njet“, sagte der Russe „Nazi kaputt, nach Hase“. Da begriffen sie, dass der Krieg aus war und der russische Soldat nur noch nach Hause wollte. Nach Hause wollte Oma, als wir das letzte Mal zusammen Weihnachten feierten.

Sie hatte aufgehört, uns Geschichten zu erzählen und Kekse zu backen. In ihrem Inneren tobten Kriege, die ihr die Erinnerungen raubten – der Anblick des hellerleuchteten Christbaums mit den brennenden Sternspritzern versetzte sie in Panik. Sie wolle hier weg, schrie sie, sie wolle nach Hause. Keine Beteuerung, dass sie ja zu Hause sei, bei ihrer Familie, und dass Weihnachten sei, konnte sie beruhigen. Wir fühlten, sie würde nie wieder nach „Hase“ kommen wie der russische Soldat – von dem sie so oft erzählt hatte.

Die wahren Paradiese sind die, die man verloren hat, schreibt Marcel Proust. Einmal, als wir geduldig auf die Bescherung warteten, erzählte uns Oma, das Christkind habe beim Hinausfliegen den Christbaum aus Versehen mit den Flügeln gestreift und umgeworfen, da habe es noch mal von vorne anfangen müssen. Könnten wir nicht wieder ans Christkind glauben, zu mindestens ein bisschen?
 

Alle Geschichten des NÖN-Adventkalenders sind folgenden Büchern entnommen:

Hat das Christkind Hosen an?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Heitere Weihnachtsgeschichten für große Kinder.
21 Euro, 192 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

 
Es gibt ihn doch, den kleinen Unterschied! Und er wurde auch schon hinlänglich und in allen nur erdenklichen
Facetten erforscht. So sind Frauen zum Beispiel eher Rechtshänderinnen und seltener farbenblind. Ihr Sehfeld ist größer als das der Männer. Männer sehen dafür schärfer. Frauen können einzelne Finger gezielter bewegen. Männer werfen und fangen besser, sind im Durchschnitt um zehn Prozent größer, um 20 Prozent schwerer und um 30 Prozent stärker als Frauen, besonders am Oberkörper ...

Eine ganz wesentliche Frage wurde freilich bislang noch nie gestellt: Wie unterscheiden sich Frauen und Männer in ihrer Auffassung vom Christkind?

Dieses letzte aller noch verbliebenen Weihnachtsgeheimnisse aufzudecken, ist die Mission des dritten Bandes der erfolgreichen Christkindanthologie. Nachdem sich in den Vorjahren Journalistinnen aus ganz Österreich himmlischen Lifestyle-Themen gewidmet haben und Fragen nachgegangen sind wie "Ist das Christkind wirklich blond?" oder "Lebt das Christkind hinterm Mond?", offenbaren uns nun Österreichische Top-Journalisten ihr ganz persönliches christkindliches Verständnis. Sie bescheren uns tief(sinnig)e Einblicke mit ihren Betrachtungen zu "Hat das Christkind Hosen an?" Manch einer mag so weit gehen, zu fragen: Ja, ist es am Ende etwa gar ein Mann ...

Lebt das Christkind hinterm Mond?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Noch mehr heitere Weihnachtsgeschichten.
21  Euro, 180 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

Das Leben ist voller Christkindmomente. Weißt du, wo das Christkind wohnt? Hinterm Mond? Und doch kommt es so weltoffen und geistreich daher, ist so fest verortet im Hier und Jetzt. Es ist da, immer dann, wenn es uns gelingt, anderen eine Freude zu machen, jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern oder einfach nur für einen Augenblick innezuhalten und zuzuhören.

Das Leben ist voller berührender, lustiger, tiefgründiger, verworrener, liebenswerter, stimmiger, unglaublicher, fantastischer ... Christkindmomente. Es gilt nur sie aufzuspüren. Viele davon wohnen in uns, sind eingeschrieben in unser gemeinsames Gedächtnis. Wie die langen, nicht enden wollenden Stunden erwartungsvoller Vorfreude, die sich dann im Nachhinein vielleicht als die schönsten erweisen. Wie die Freude am Schenken, die oft um so vieles größer ist, als die darüber, beschenkt zu werden. Wie die eingespielten Traditionen und Bräuche, die wir zeitlebens mit Inbrunst verwünschen, obwohl wir doch genau wissen, nicht ohne sie sein zu wollen.

„Steht das Christkind vor der Tür? Das Licht-ins-Dunkel-Weihnachtsbuch“

x  |  NOEN, Verlag Anton Pustet

Barbara Brunner,  Caroline Kleibel, 144 Seiten, 22 Euro, Verlag Anton Pustet

Steht das Christkind vor der Tür? Aber ja doch! Alle Jahre wieder wollen wir das Christkind oh so fröhlich hereinbitten und voller Vorfreude willkommen heißen. Die Tür zu wunderbaren Weihnachten öffnen uns dieses Mal Menschen, die wir alle kennen und schätzen. Menschen, die in ihrem Leben schon viel erreicht haben, was zählt. Uns wiederum reicht das von ihnen Erzählte.

In diesem stimmungsvollen Sammelband geben Künstlerinnen und Künstler, Medienschaffende und prominente Persönlichkeiten ihre denkwürdigsten Weihnachtserinnerungen preis. Einmal heiter, dann wieder besinnlich, nostalgisch und zuweilen auch durchaus kritisch.  Sind die Türen erst einmal weit offen, bleiben auch die Herzen nicht verschlossen. Mit dem Kauf jedes einzelnen Buches unterstützen Sie die Aktion Licht ins Dunkel!