Erstellt am 01. Dezember 2015, 05:13

von Daniela Führer

Paul Niel gelang nie da gewesener Gipfelsieg. Eine Expedition ins Ungewisse – Extrembergsteiger aus Seitenstetten bezwang mit seinem Team Berg in Osttibet, auf dem noch kein Mensch je war.

Paul Niel (r.) und seine Expeditionsgruppe überglücklich am Gipfel des noch nie erklommenen »Dechok Phodrang«.  |  NOEN, zVg

Der Ruf der Berge ereilte Paul Niel bereits in Kindestagen. „Mein Vater ist Bergführer. Ich war schon von klein auf in den Bergen unterwegs“, erzählt der 37-jährige gebürtige Seitenstettner. Jetzt erfüllte er sich einen lang gehegten Traum: eine Expedition ins Ungewisse, die Erkundung und Besteigung des Unerforschten, fernab von bekannten Karten und vordefinierten Routen.

„Die Tempel, die Mönche, das einfache Leben – es war wie in Harrers ‚7 Jahre in Tibet‘.“ Paul Niel über seine dreiwöchige Expedition in Osttibet

Mit einer österreichisch-spanischen Bergsteigergruppe erkundete der erfahrene Bergsteiger, der bereits die Seven Summits, die höchsten sieben Berge auf allen Kontinenten, darunter auch den Mount Everest, bezwang, in einer dreiwöchigen Expedition die Bergketten des Gangga Ostmassivs in Osttibet in der Provinz Sichuan, China. Die Bergketten werden auch die „Alpen Tibets“ genannt. Ihre Besteigung gehörte zu den großen, offenen Aufgaben des Alpinismus. Die Betonung liegt auf gehörte, denn sie gelang: „Die Expedition war ein tolles Abenteuer, Osttibet ist so unberührt, es gibt keinen Tourismus, unglaubliche Landschaften und die Menschen sind super freundlich. Die Tempel, die Mönche, das einfache Leben – es war wie in Harrers ‚7 Jahre in Tibet‘“, beschreibt Paul Niel die Reise.

Das Team stieß dabei in Täler und Bergketten vor, die bislang nur lokalen Yakhirten und Nomaden bekannt waren. Und sie entdeckten den imposanten, von Schnee und Eismassen eingehüllten Hauptgipfel des Massivs, der von Mönchen im nahen Kloster Ganzi als „Dechok Phodrang“ identifiziert wurde –  übersetzt: „Palast des höchsten Glücks“.

Organisiert wurde die Tour von Paul Niel selbst, nachdem er 2014 bereits die Expedition mit einer australischen Gruppe unternahm –   ohne Erfolg. „Da hat leider das Wetter nicht so gepasst und auch das Team war nicht optimal“, erklärt Niel.

Bei –15 Grad begann schließlich die Erstbesteigung des „Dechok Phodrang“ über zwei Routen zum Nord- und Zentralgipfel. Beim ersten Begehungsversuch hatte die Gruppe mit unerwarteten Schwierigkeiten zu kämpfen: „Obwohl wir den Berg so gut wie möglich ausgekundschaftet hatten, konnten wir nach über acht Stunden anstrengender Kletterei und praktisch den Gipfel in Griffweite, diesen beim besten Willen nicht erreichen. Es war ein hundert Meter tiefer Abgrund am Grat, überhängend, einfach nicht zu überwinden“, berichtet Paul Niel der NÖN direkt aus Osttibet. Ein frustrierendes Erlebnis.

Filmteam begleitete die Extrembergsportler

Doch das war längst nicht der einzige unerwartete Zwischenfall. Eine Nacht verbrachten die Extrembergsteiger in einer 50 Meter großen Höhle, flankiert von meterlangen Eiszapfen und unter den wachenden Augen kreisender Adler, als plötzlich ein Erdbeben den Berg erschütterte. „Ich bin noch im Schlafsack gelegen und war zuerst unsicher, was das genau war“, beschreibt der Seitenstettner Paul Niel. „Wir hatten natürlich Angst, dass Steine und Eiszapfen runter kommen.“ Doch alles ging gut und die Bergsteiger erreichten am nächsten Tag über eine klassische Eis- und Schneeroute den 5.550 Meter hohen Nordgipfel. Beim Abstieg entdeckten sie sogar Spuren, wahrscheinlich stammten diese von einem Schneeleoparden.
 

x  |  NOEN, Paul Niel

Vier Tage später gelang dem Team auch noch die Erstbesteigung des 5.624 Meter hohen Zentralgipfels des Massivs. Die Bergsteiger spurten fast zwölf Stunden knie- und hüfttief ein steiles Schneecouloir hinauf zum höchsten Punkt, zum Ziel. Wie man sich dabei fühlt? „Es war ein super Erlebnis und eine super Teamleistung, wir waren einfach nur glücklich am Gipfel und es sind auch ein paar Tränen geflossen, dass die Expedition nach jahrelanger Planung und Vorbereitung so super geklappt hat“, sagt Niel.

Die Gruppe wurde auch von einem Filmteam von „YdreamProductions“ begleitet. Die Doku zum Abenteuer soll in der ersten Jahreshälfte 2016 veröffentlicht werden.