Erstellt am 01. Dezember 2014, 00:00

Und plötzlich ist der Zauber da. Adventgedanken von Michael Hufnagl.

Kind mit Adventkranz zu Weihnachten  |  NOEN, Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)
Weihnachten beginnt mir auf die Nerven zu gehen. Die Ablehnung wächst mit jedem Jahr. Sind es zu Beginn nur die sanften Töne des „Little Drummer Boy“, die mir ab Ende November von früh bis spät ins Ohr und somit ins Unterbewusstsein gespült werden, so folgt danach ein vorweihnachtlicher Puzzlestein dem anderen, um mein Bild des Grusels zu vollenden. „Last Christmas“ und „Feliz Navidad“ entwickeln sich dabei mit erstaunlicher Geschwindigkeit zu Hymnen der Verachtung. Ich sehne mich nach dem musikalischen Antizyklus und lasse trotzig die Beach Boys erklingen.

Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit lädt zur Verkitschung der Stadt ein. Kaum eine Straße, die nicht von als Schmuck getarnter Geschmacklosigkeit erhellt wird. Kaum ein Vorgarten, in dem sich nicht ein Lichterketten-Künstler nach amerikanischem Vorbild verwirklicht. Kaum ein Fenster, vor dem nicht der überall gleiche Weihnachtsmann als originell gedachter Klettermaxe montiert ist. Alles muss glitzern und glänzen. Nur in den Gesichtern der Menschen spiegelt sich nichts davon. Im Gegenteil.

Einmal abgesehen von den künstlich fröhlichen Gestalten, die sich im flächendeckenden Netz der Punschstände verfangen. Dort dürfen sie sich in legitimierter Ausgelassenheit mit einem klebrigen und überteuerten Saft nach dem anderen zuschütten, um danach vielleicht noch mit einer blinkenden Weihnachtsmann-Mütze „Jingle Bells“ zu grölen. Ansonsten: Grant. Hektik. Stress. Und der berühmte Satz: „Vor Weihnachten geht sich’s nicht mehr aus.“

Denn vor Weihnachten müssen sich stattdessen die Weihnachtsfeiern der Firma, des Kindergartens und des Kegelvereins ausgehen. Aber wehe, man benötigt die Montage einer neuen Therme oder einen Termin beim Zahnarzt – da geht nix. Man sollte also Thermen und Zähnen sagen, dass sie frühstens ab 6. Jänner damit beginnen dürfen, einzugehen oder zu schmerzen. Dazwischen hetzen die Advent-Sklaven durch die Einkaufsstraßen und suchen durch dreckigen Gatsch stapfend (juhu, weiße Weihnachten!) Geschenke.

Noch so ein Satz: „Was um Himmels willen soll ich denn der Tante Erna schenken?“ Wir schenken ja bekanntlich nicht, weil es uns ein Anliegen ist, sondern nur, weil es dem Kalender ein Anliegen ist. Daher kaufen wir auch nicht, sondern wir besorgen. Dabei laufen und schauen die Besorger abwechselnd in die Auslagen und auf die Uhr. Sie drängeln und fluchen. Und haben keine Idee, keinen Plan, keine Lust. Sie wollen nicht voller Vorfreude und „O Tannenbaum“ pfeifend durch die Einkaufszentren bummeln. Nein. Abhaken ist das Weihnachtsmotto – Gusti-Oma, Klein-Jennifer, Onkel Franz hamma ... Sie wollen etwas  erledigen, um etwas erledigt zu haben. Bis sie selbst erledigt sind.

Advent, ein ständiges Muss. Kekse müssen gebacken werden. Der Festbraten muss bestellt werden. Der Baum muss gekauft werden. Denn: Der Heilige Abend muss ein besonderer Abend sein. Zwischenzeitlich ist die Beteiligung an einer mit dumpfer Regelmäßigkeit wiederkehrenden Diskussion notwendig. Hilfe, der  Weihnachtsmann übernimmt die Herrschaft! Aber Österreich ist doch früher immer ein Christkind-Land gewesen. Die heiß geliebten Traditionen werden von einem dämonischen „Ho Ho Ho“ verspottet. Skandal! Initiativen müssen her, Kampagnen, Leserbriefe. Rettet das Christkind! Als ob es nicht wurscht wäre, unter welcher Patronanz die Menschen jede Besinnlichkeit vermissen lassen.

Advent, Advent, die Kerze brennt. Zeit der Stille und Einkehr, Zeit für Gedanken und Gedenken. Blabla. Weihnachten ist laut, lauter, am lautesten. So leise kann Schnee gar nicht rieseln. Ich sehe Missmut und spüre Kälte. Begleitet von Wohltätigkeitsveranstaltungen im Stundentakt. Und schon ist das schlechte Gewissen, die übrigen 48 Wochen im Jahr keine Sekunde an die armen Teufel gedacht zu haben, wegcharitiert – Saufen und Fressen für den guten Zweck, oh ja, danke, das bringt fürwahr Licht ins Dunkel einer im Grunde erbarmungslosen Gesellschaft.

Dazu erzählen der Kardinal und seine geistlichen Mitstreiter die Jesus-Geschichte und mahnen im Sinne Gottes zu Friede und Einkehr. Die Schäfchen würden natürlich gläubig und ergriffen nicken, aber sie bekommen das traditionelle Simsalabim gar nicht richtig mit, weil sie dafür gar keine Zeit haben. Der 8. Dezember, Mariä Empfängnis, ist ein katholischer Feiertag. Sei’s drum, er ist vor allem für die Wirtschaft der  traditionell umsatzstärkste Tag des Jahres.

Wer will sich da schon mit Barmherzigkeit und Nächstenliebe aufhalten? Vater unser, wo ist der nächste Bankomat? Die weihnachtliche Devise lautet: Mehr! Die Heiligabend-Anwärter stehen in Kaufhaus-Schlangen und tragen in jeder Hand einen Sack, der voller Klumpert ist, das im neuen Jahr umgetauscht werden muss. Sie kaufen um ein kleines Vermögen Tonnen von sündhaft teurem Geschenkpapier und denken dabei keine Sekunde daran, dass sie sich das restliche Jahr über jeden Cent Spritpreiserhöhung mokieren, als gäbe es kein Morgen.

Und wenn sie endlich daheim sind, stopfen sie Vanillekipferln bis zum letzten Walnussbrösel in sich hinein, obwohl sie schon nach einer Woche davon übersättigt sind. In Wahrheit sehnen sich alle nur nach dem 25. Dezember. Wenn der Spuk endlich vorüber ist. Die Enttäuschung über unpassende Geschenke, der Ärger über den viel zu trockenen Braten, die Fassungslosigkeit über die seit  Jahrzehnten gleich ablaufenden Diskussionen, die Spannung wegen der überdrehten Kinder und der betrunkenen Verwandten, das Stöhnen über unendlich viele Geschirrberge, Papierstöße und Sinnfragen. Friedlich ist irgendwie anders.

Apropos anders. Der Tag, an dem ich Vater wurde, hat mich verwandelt. Meine Leben ist mit einem Schrei, dem ersten meiner Tochter, neu erfunden, neu geordnet, neu definiert. Und mit jedem Jahr dieser bedingungslosen Liebe verändern sich die Blickwinkel auf die Bedeutung unseres Daseins. Ein synaptisches Feuerwerk ist entzündet.  Weihnachten ist diesbezüglich keine Ausnahme. Denn plötzlich ist der Zauber da. Die Freude am Erleben. Die Hingabe zur Aufbereitung eines großartigen Festes. Das Kind besucht eine Backstube, und ich sehe zu. Das Kind erzählt Adventgeschichten, und ich höre zu. Das Kind spielt Theater, und ich filme mit. Ich erfreue mich an den kleinen Händen, die Vanillekipferl formen, kleine Geschenke basteln und staunend vor dem geöffneten Mund zu liegen kommen, weil es in den Auslagen glänzt, aus den Radios tönt und vom Himmel herab schneit. Der Tag, an dem ich Vater wurde, hat mich verwandelt. Die Vorfreude liegt in der Luft, und ich kann sie beobachten. Mit jeder neu entzündeten Adventkerze.

Noch dreimal schlafen. Noch zweimal. Noch einmal. Das weckt auch die Erinnerung an meine eigene Kindheit. An diesen Zustand der Spannung, die mit jedem Dezembertag wächst. An dieses Sehnen und Hoffen. An diese Fantasiewelt, in der bunte Kugeln, Rentiere und Christkindln vor den Augen tanzen. Der Tag, an dem ich Vater wurde, hat mich verwandelt. Wenn die Glocke erklingt, „Stille Nacht“ den Raum erfüllt, die Kerzen brennen und die vielen bunten Packerln ein Bild vollenden.

Ich beobachte meine Tochter, wie sie staunend ihr reines Glück genießt. Das erzeugt noch immer Ergriffenheit, Demut und Gänsehaut. Das treibt auch nach vielen Jahren noch immer die Tränen in die Augen. Ich denke an meinen verstorbenen Vater und höre ihn, wie er sagt: „Schau dir dieses Mädchen an und fühle mit ihr. Das sind die Augenblicke, für die es sich zu leben lohnt.“ Später sitze ich bei einem guten Glas Rotwein, beobachte das Kind in dessen wunderbarer Welt, bin dankbar, sorgenfrei ... und summe leise den „Little Drummer Boy“.

Alle Geschichten des NÖN-Adventkalenders sind den folgenden beiden Büchern entnommen:

Hat das Christkind Hosen an?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Heitere Weihnachtsgeschichten für große Kinder.
21 Euro, 192 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

 
Es gibt ihn doch, den kleinen Unterschied! Und er wurde auch schon hinlänglich und in allen nur erdenklichen
Facetten erforscht. So sind Frauen zum Beispiel eher Rechtshänderinnen und seltener farbenblind. Ihr Sehfeld ist größer als das der Männer. Männer sehen dafür schärfer. Frauen können einzelne Finger gezielter bewegen. Männer werfen und fangen besser, sind im Durchschnitt um zehn Prozent größer, um 20 Prozent schwerer und um 30 Prozent stärker als Frauen, besonders am Oberkörper ...

Eine ganz wesentliche Frage wurde freilich bislang noch nie gestellt: Wie unterscheiden sich Frauen und Männer in ihrer Auffassung vom Christkind?

Dieses letzte aller noch verbliebenen Weihnachtsgeheimnisse aufzudecken, ist die Mission des dritten Bandes der erfolgreichen Christkindanthologie. Nachdem sich in den Vorjahren Journalistinnen aus ganz Österreich himmlischen Lifestyle-Themen gewidmet haben und Fragen nachgegangen sind wie "Ist das Christkind wirklich blond?" oder "Lebt das Christkind hinterm Mond?", offenbaren uns nun Österreichische Top-Journalisten ihr ganz persönliches christkindliches Verständnis. Sie bescheren uns tief(sinnig)e Einblicke mit ihren Betrachtungen zu "Hat das Christkind Hosen an?" Manch einer mag so weit gehen, zu fragen: Ja, ist es am Ende etwa gar ein Mann ...

Lebt das Christkind hinterm Mond?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Noch mehr heitere Weihnachtsgeschichten.
21  Euro, 180 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg


Das Leben ist voller Christkindmomente. Weißt du, wo das Christkind wohnt? Hinterm Mond? Und doch kommt es so weltoffen und geistreich daher, ist so fest verortet im Hier und Jetzt. Es ist da, immer dann, wenn es uns gelingt, anderen eine Freude zu machen, jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern oder einfach nur für einen Augenblick innezuhalten und zuzuhören.

Das Leben ist voller berührender, lustiger, tiefgründiger, verworrener, liebenswerter, stimmiger, unglaublicher, fantastischer ... Christkindmomente. Es gilt nur sie aufzuspüren. Viele davon wohnen in uns, sind eingeschrieben in unser gemeinsames Gedächtnis. Wie die langen, nicht enden wollenden Stunden erwartungsvoller Vorfreude, die sich dann im Nachhinein vielleicht als die schönsten erweisen. Wie die Freude am Schenken, die oft um so vieles größer ist, als die darüber, beschenkt zu werden. Wie die eingespielten Traditionen und Bräuche, die wir zeitlebens mit Inbrunst verwünschen, obwohl wir doch genau wissen, nicht ohne sie sein zu wollen.

Journalistinnen und Medienfrauen aus ganz Österreich geben rund um die schönste Zeit des Jahres genüsslich ihre höchst persönlichen Begegnungen mit dem Christkind preis und da ist es dann eigentlich ganz egal, in welch himmlischen Sphären es in den kurzen Atempausen dazwischen abhängt.