Erstellt am 05. Dezember 2014, 00:00

Von der Herbergssuche Marias. Eine Weihnachtsgeschichte von Ingrid Altermann.

 |  NOEN, BilderBox-Wodicka (BilderBox - Wodicka)
Delikatessen Anni Lenz. Gebleichte Lettern auf dunklem Email. Als Bisamberg vor mehr als einem halben Jahrhundert noch der kleine, beschauliche Weinort im Norden vor Wien war, gab es hier bereits ein Feinkost-Geschäft, das vermutlich einen Vergleich mit dem mondänen Mohren am Graben nicht scheuen musste: Roastbeef – auf den zart-rosa Punkt gegart, Käse, der in Frankreich blau werden durfte, Baguette, das duftete wie Parfum aus noch echten Backstuben, fang-frischen Fisch aus dem Waldviertel, selbst gemachter Liptauer in allen Schärfegraden. Bedient wurde die Kundschaft, die nicht selten Schlange bis hinaus auf die Straße stand, von freundlichen Damen in gestärkten, blütenweißen Mänteln.

Bei Anni Lenz konnte man aber auch Baugründe vermittelt bekommen – oder Haushalthilfen. Man durfte sich Kochtöpfe ausborgen – und anschreiben lassen. Am Sonntag gab es sogar ein heimliches „Hintaus“. Anna Lenz hat nämlich ein ganzes Leben lang über ihrem Geschäft gewohnt. Ging Milch, Butter oder Brot aus – einmal kurz die Kreuz-Klingel betätigt – schon bekam man, was immer man wollte. Dann brach die Zeit der Super-Markt-Dämonen an. David gegen Goliath. Anni Lenz wollte nicht aufgeben.

Weil das mit dem Aufgeben hätte so gar nicht in ihr Lebens-Konzept gepasst – welches sie mir im Advent 2008 in einer sehr persönlichen Liebesgeschichte erzählt hat: „Haben Sie schon einmal von der Herbergssuche Marias gehört?“ Dann begann sie – damals schon 88-jährig – mit brüchiger Stimme zu erzählen: „Josef war meine Lebensliebe, die unter schwierigsten Bedingungen ihren Anfang nahm. 1942 haben wir während eines Fronturlaubes geheiratet. Am Standesamt in Floridsdorf – dann in Mariazell. Mit nichts im Gepäck als Hoffnung – und Liebe. Eine schlichte Trauung im Dom der Muttergottes. Ende des Front-Urlaubes. Josef musste zurück in den Krieg – kämpfte im Kaukasus. Seine Spur verlor sich. Sechs Jahre lang habe ich auf ein Lebenszeichen gewartet. Keine Karte, keine Nachricht. Offiziell galt mein Mann längst schon als vermisst.“

Dann, Anfang Dezember 1947 im Advent begann die alte Tradition der Herbergssuche Marias. „Die Marienstatue kam zu den Nachbarn. Wir beteten gemeinsam. Ich war sehr traurig. Da schaute unser Pfarrer in sein Buch und sah, dass die Maria ab 20. Dezember bei uns zu Gast sein sollte. Er sagte zu mir: „Anni, schau nicht so unglücklich. Wenn die Maria zu dir kommt, wird auch dein Mann wieder hier sein!“ Natürlich hab ich ihm nicht geglaubt, weil ich ja schon so lange vergeblich gewartet hatte.“ Radiomeldung vom 20. Dezember 1947, 6 Uhr früh: Der 33. Gefangenentransport ist auf dem Wiener Südbahnhof eingetroffen. Mit dabei: Josef Lenz.

P.S.: Anni Lenz ist im Mai 2010 in Bisamberg verstorben, nachdem sie den Krieg mit ihrem kleinen Geschäft gegen Goliath endgültig verloren hatte.
 

Alle Geschichten des NÖN-Adventkalenders sind den folgenden beiden Büchern entnommen:

Hat das Christkind Hosen an?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Heitere Weihnachtsgeschichten für große Kinder.
21 Euro, 192 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

 
Es gibt ihn doch, den kleinen Unterschied! Und er wurde auch schon hinlänglich und in allen nur erdenklichen
Facetten erforscht. So sind Frauen zum Beispiel eher Rechtshänderinnen und seltener farbenblind. Ihr Sehfeld ist größer als das der Männer. Männer sehen dafür schärfer. Frauen können einzelne Finger gezielter bewegen. Männer werfen und fangen besser, sind im Durchschnitt um zehn Prozent größer, um 20 Prozent schwerer und um 30 Prozent stärker als Frauen, besonders am Oberkörper ...

Eine ganz wesentliche Frage wurde freilich bislang noch nie gestellt: Wie unterscheiden sich Frauen und Männer in ihrer Auffassung vom Christkind?

Dieses letzte aller noch verbliebenen Weihnachtsgeheimnisse aufzudecken, ist die Mission des dritten Bandes der erfolgreichen Christkindanthologie. Nachdem sich in den Vorjahren Journalistinnen aus ganz Österreich himmlischen Lifestyle-Themen gewidmet haben und Fragen nachgegangen sind wie "Ist das Christkind wirklich blond?" oder "Lebt das Christkind hinterm Mond?", offenbaren uns nun Österreichische Top-Journalisten ihr ganz persönliches christkindliches Verständnis. Sie bescheren uns tief(sinnig)e Einblicke mit ihren Betrachtungen zu "Hat das Christkind Hosen an?" Manch einer mag so weit gehen, zu fragen: Ja, ist es am Ende etwa gar ein Mann ...
 

Lebt das Christkind hinterm Mond?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Noch mehr heitere Weihnachtsgeschichten.
21  Euro, 180 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg


Das Leben ist voller Christkindmomente. Weißt du, wo das Christkind wohnt? Hinterm Mond? Und doch kommt es so weltoffen und geistreich daher, ist so fest verortet im Hier und Jetzt. Es ist da, immer dann, wenn es uns gelingt, anderen eine Freude zu machen, jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern oder einfach nur für einen Augenblick innezuhalten und zuzuhören.

Das Leben ist voller berührender, lustiger, tiefgründiger, verworrener, liebenswerter, stimmiger, unglaublicher, fantastischer ... Christkindmomente. Es gilt nur sie aufzuspüren. Viele davon wohnen in uns, sind eingeschrieben in unser gemeinsames Gedächtnis. Wie die langen, nicht enden wollenden Stunden erwartungsvoller Vorfreude, die sich dann im Nachhinein vielleicht als die schönsten erweisen. Wie die Freude am Schenken, die oft um so vieles größer ist, als die darüber, beschenkt zu werden. Wie die eingespielten Traditionen und Bräuche, die wir zeitlebens mit Inbrunst verwünschen, obwohl wir doch genau wissen, nicht ohne sie sein zu wollen.

Journalistinnen und Medienfrauen aus ganz Österreich geben rund um die schönste Zeit des Jahres genüsslich ihre höchst persönlichen Begegnungen mit dem Christkind preis und da ist es dann eigentlich ganz egal, in welch himmlischen Sphären es in den kurzen Atempausen dazwischen abhängt.