Erstellt am 02. Dezember 2014, 00:00

Zauberhafte Verkehrskontrolle. Adventgedanken von Franziska Lipp.

 |  NOEN, bilderbox
Es ist kurz vor ein Uhr morgens. Und zwei Tage vor Weihnachten. In den Bergen fällt der Schnee vom nächtlichen Himmel, genau so, wie es sich gehört. Nicht diese lächerlich kleinen, nassen Flocken, die man aus den Großstädten kennt, sondern große, kristallförmige Schneeflocken: Weiß und bedächtig fallen sie auf die Windschutzscheibe und werden stetig von den leise ziependen Scheibenwischern über den Rand geschoben.

Die weißen Gipfel im Salzburger Pinzgau reflektieren das wenige Licht dieser Winternacht: Es sind kaum Autos auf den Straßen. Alle haben jetzt zu tun: Sie schmücken den Christbaum, verpacken die letzten Geschenke oder liegen längst in ihren Betten. Und träumen davon, dass es das Christkind wirklich gibt. Ein alter Volvo mit mehr als 290.000 Kilometern unter der Motorhaube schnurrt durch die winterliche Nacht. Langsam, gemächlich – wie das alte schwedische Autos scheinbar immer schon tun. In ihm: ein Zauberer.
 
Auf dem Nachhauseweg von seinem letzten Engagement vor Weihnachten. Und guter Dinge: Die Hotelgäste waren bester Laune gewesen, der Auftraggeber ebenso. Gemeinsam hatten sie noch auf das bevorstehende Fest angestoßen. Dann war er ins Auto gestiegen, voll Vorfreude auf die ruhigen Festtage. Nun rollt er gemächlich über die  schneebedeckte Fahrbahn, ein einziges Auto kommt ihm entgegen. Und der Nachhauseweg könnte so einfach, so schnell, so zügig und unkompliziert verlaufen, würde er da nicht dieses Winken am Straßenrand entdecken.

Ein roter Stab wird in der Luft geschwenkt. An dessen Ende hängt ein Arm und an dessen Ende wiederum ein ganzer Mensch: ein Polizist. Dein Freund und Helfer. Und der letzte Mensch, den er an diesem Abend noch sehen will. Resigniert geht der Mann, der nun kein Zauberer mehr ist, sondern nur noch ein nächtlicher Autofahrer, vom Gas, tippt auf die Bremse und lenkt den Wagen an den Straßenrand. Zeitgleich wogt ein rauschender Bach an Adrenalin durch seinen Körper: Bin ich zu schnell gefahren? Bin ich angeschnallt? Wo sind meine Papiere? Ist ein Gläschen Wein zu viel? Hätte ich doch meine Kennzeichenbeleuchtung reparieren lassen! Warum trage ich meine Brille nicht?

In dem Moment, in dem das Auto zum Stillstand kommt, er den Motor ausmacht, den Gurt löst und die Tür öffnet, setzt er anstandshalber und pflichtbewusst sein berufsbedingtes Lächeln auf: souverän, professionell. Sein linker Fuß versinkt sekundenschnell im Schneematsch. Kälte und Nässeschleichen sich im Handumdrehen durch die feine Ledersohle, die Zehen ziehen sich erschrocken zurück.

Die romantische Winternacht weicht der schnellen Erkenntnis, dass – wer Polizist ist – hart im Nehmen und keine Frostbeule sein darf. „Grüß Gott, die Papiere bitte“, raunzt der Polizist und lugt unter seiner Kappe hervor. Im dichten Schneetreiben ist sein Gesicht kaum auszumachen. „Grüß Gott, hier bitte“, sagt der Zauberer, anstatt „Du hast mir grade noch gefehlt“ und drückt ihm Führerschein und Zulassung in die Handschuhe. „Wo kommen‘S denn her?“, brummt der Beamte in die Nacht ohne den Blick zu heben. „Vom Zaubern aus dem Hotel vorn am Ortseingang“, antwortet der Zauberer zögernd, aber wahrheitsgemäß.

 Kurz hatte er überlegt, eine ganz und gar unverfängliche Antwort zu geben, wie etwa „Vom Fußball schauen“ oder „Vom Adventsingen meiner kleinsten Tochter“. Er kennt die unberechenbaren Reaktionen auf die Frage nach seiner Berufstätigkeit und scheut immer wieder davor zurück, sich als Zauberer auszugeben. Und so sucht er auch jetzt nach einer Regung in dem geröteten Gesicht seines Gegenübers. Derweilen inspiziert dessen Kollege den noch brummenden Volvo, der zu seufzen scheint.

„Ham‘S was trunken?“, lässt der Polizist nicht locker und verbirgt weiterhin jede Regung. Scheint aber einen Alkotest bei einem Mann, der sich als Zauberer ausgibt, nicht für undenkbar zu halten. „Ein Glas Rotwein“, gibt der Zauberer zu, anstatt zu sagen: „Pack’ dich zusammen, ich will nach Hause“. „Und wie waren die Leute heute so drauf, als Sie gezaubert haben?“ sagt der Polizist, hebt den Kopf und blickt ihm geradewegs in die Augen. Und plötzlich huscht da ein Lächeln über sein Gesicht. Grade so, als hätte es jemand hingezaubert. Zum ersten Mal fehlen dem  auberer die Worte. Überraschung liegt in der Luft. Erstaunen. „Gut war’s“, antwortet er zaudernd, aber wieder mit fester Stimme. „Viel los ist halt jetzt vor Weihnachten, aber die Leute sind gut drauf.“

„Und was zaubern’S da so?“, die Augen des Beamten funkeln neugierig unter der Kappe, die zuvor so undurchdringbar erschien. Mit einem Mal ist das Gesicht eines kleinen Jungen zu erahnen, der noch ans Christkind glaubt. Und der die Zauberei nicht verdächtig, sondern einfach nur magisch findet. Der als Kind vor Weihnachten durchs Schlüsselloch spähte, um einen Blick aufs Christkind zu erhaschen. Der noch staunen konnte, wo andere eine Erklärung verlangten. Der sogar jetzt noch an Zauberei zu glauben scheint und Spaß daran hat, nicht alles mit seinem Verstand zu begreifen. Sondern die Dinge aus dem Herzen erfasst. Und die Welt einfach nur sieht, ohne sie zu hinterfragen.

Der Zauberer erkennt seine Chance, verschwendet keinen Gedanken mehr an die nassen Lederschuhe und die kalten Füße. Er öffnet den Kofferraum, schiebt den Verbandskasten zur Seite, denkt: „Meine Warnweste hab ich auch nicht dabei“. Und holt ein Päckchen Karten hervor. Dann beginnt er zu zaubern. Mitten in der Nacht. Mitten auf der Straße. Mit einem Polizisten, der sich für einige Minuten in einen kleinen Jungen verwandelt und für ein paar Kunststücke seine Pflicht vergisst. Für einen Moment hält der Flockenwirbel inne. Grade da, wo das Kunststück seine magische Wirkung entfaltet. Würden der Zauberer und der Polizist in diesem Augenblick die Köpfe heben und zum Himmel blicken, würden sie die Umrisse des Christkinds in den Wolken erkennen. Inmitten einer Winternacht kurz vor Weihnachten in den Bergen hat es heimlich geschmunzelt.
 

Alle Geschichten des NÖN-Adventkalenders sind den folgenden beiden Büchern entnommen:

Hat das Christkind Hosen an?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Heitere Weihnachtsgeschichten für große Kinder.
21 Euro, 192 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

 
Es gibt ihn doch, den kleinen Unterschied! Und er wurde auch schon hinlänglich und in allen nur erdenklichen
Facetten erforscht. So sind Frauen zum Beispiel eher Rechtshänderinnen und seltener farbenblind. Ihr Sehfeld ist größer als das der Männer. Männer sehen dafür schärfer. Frauen können einzelne Finger gezielter bewegen. Männer werfen und fangen besser, sind im Durchschnitt um zehn Prozent größer, um 20 Prozent schwerer und um 30 Prozent stärker als Frauen, besonders am Oberkörper ...

Eine ganz wesentliche Frage wurde freilich bislang noch nie gestellt: Wie unterscheiden sich Frauen und Männer in ihrer Auffassung vom Christkind?

Dieses letzte aller noch verbliebenen Weihnachtsgeheimnisse aufzudecken, ist die Mission des dritten Bandes der erfolgreichen Christkindanthologie. Nachdem sich in den Vorjahren Journalistinnen aus ganz Österreich himmlischen Lifestyle-Themen gewidmet haben und Fragen nachgegangen sind wie "Ist das Christkind wirklich blond?" oder "Lebt das Christkind hinterm Mond?", offenbaren uns nun Österreichische Top-Journalisten ihr ganz persönliches christkindliches Verständnis. Sie bescheren uns tief(sinnig)e Einblicke mit ihren Betrachtungen zu "Hat das Christkind Hosen an?" Manch einer mag so weit gehen, zu fragen: Ja, ist es am Ende etwa gar ein Mann ...
 

Lebt das Christkind hinterm Mond?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Noch mehr heitere Weihnachtsgeschichten.
21  Euro, 180 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg


Das Leben ist voller Christkindmomente. Weißt du, wo das Christkind wohnt? Hinterm Mond? Und doch kommt es so weltoffen und geistreich daher, ist so fest verortet im Hier und Jetzt. Es ist da, immer dann, wenn es uns gelingt, anderen eine Freude zu machen, jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern oder einfach nur für einen Augenblick innezuhalten und zuzuhören.

Das Leben ist voller berührender, lustiger, tiefgründiger, verworrener, liebenswerter, stimmiger, unglaublicher, fantastischer ... Christkindmomente. Es gilt nur sie aufzuspüren. Viele davon wohnen in uns, sind eingeschrieben in unser gemeinsames Gedächtnis. Wie die langen, nicht enden wollenden Stunden erwartungsvoller Vorfreude, die sich dann im Nachhinein vielleicht als die schönsten erweisen. Wie die Freude am Schenken, die oft um so vieles größer ist, als die darüber, beschenkt zu werden. Wie die eingespielten Traditionen und Bräuche, die wir zeitlebens mit Inbrunst verwünschen, obwohl wir doch genau wissen, nicht ohne sie sein zu wollen.

Journalistinnen und Medienfrauen aus ganz Österreich geben rund um die schönste Zeit des Jahres genüsslich ihre höchst persönlichen Begegnungen mit dem Christkind preis und da ist es dann eigentlich ganz egal, in welch himmlischen Sphären es in den kurzen Atempausen dazwischen abhängt.