Erstellt am 11. Dezember 2014, 00:01

Zeit der Überraschung. Eine Weihnachtsgeschichte von Manfred Baumann.

 |  NOEN, Erwin Wodicka
Ich mag Weihnachten. Denn ich liebe Überraschungen. Und Geheimnisvolles. Das Schöne am Geheimnisvollen ist ja, dass es, wie der Name schon sagt, voll von Geheimnissen ist. Und echt Geheimnisvolles bleibt auch so. Rätselhaft. Wunderträchtig. Weihnachtlich.

Ich sehe heute noch manchmal dieses silbrige Etwas vor mir, das ich damals beim Spähen aus dem Fenster in der Dämmerung zwischen den verschneiten Obstbäumen entdeckt hatte. Ein kurzes Aufblitzen, sternenhell, überirdisch. „Ich habe etwas im Garten gesehen!“ Mit diesem Satz stürzte ich in die Küche. „Ich glaube, das war das Christkind!“

Die Reaktion meiner Mutter war getragen von gutgespielter Überraschung: „Das Christkind? Was du nicht sagst!“ Aber in ihrem Gesicht hing auch dieses milde Eh-schon-wissen-Überlegenheits- Erwachsenenlächeln, das ich dann Jahre später auch bisweilen an mir selber feststellte.

Doch sie bemühte sich redlich, mir in allen Einzelheiten Auskunft zu geben auf meine dringlichsten Fragen: wie hell der Stern leuchtet, den das Christkind auf der Stirn trägt, wie viele Engel den goldenen Schlitten mit den Geschenken begleiten. Ich war ob ihrer Kenntnisse und präzisen Schilderungen bis ins kleinste Detail begeistert. Ich halte ihr auch zugute, dass sie einige Jahre später trotzdem nicht lange um den heißen Brei herumredete, als sie, von meinen Fragen in die Ecke getrieben, zugeben musste, wie das mit dem Christkind tatsächlich sei.

Und sie räumte in einem Aufwaschen auch gleich mit der angeblichen Existenz des Osterhasen auf, damit wir im Frühjahr nicht dieselbe Prozedur noch einmal vor uns hatten. Diese Offenheit war auch zu schätzen. Aber manchmal frage ich mich heute noch, ob ich damals zwischen den verschneiten Obstbäumen nicht doch ein silbriges Etwas ausgemacht hatte, das stark christkindhafte Züge trug. Meine Mutter hatte ja nicht aus dem Fenster geschaut, ich schon. Ich hatte mir später vorgenommen, auch meiner Tochter mit ähnlich auskunftsfreudiger Offenheit zu begegnen, wenn es so weit wäre.

Meine Tochter ist heute über dreißig. Doch sie war natürlich auch einmal in dem Alter, in dem ich ein silbriges Blitzen zwischen verschneiten Bäumen entdeckt hatte. „Papa …“ „Ja?“ „Darf ich dich was fragen?“ „Natürlich mein Schatz, frag nur.“ „Kannst du dann die Zeitung weglegen?“ Kurzes  innenhalten. Interesse bekunden. Ehrliches Interesse am Gegenüber ist wichtig für die kindliche Entwicklung. Dennoch Zeitung nicht gleich ganz weglegen. Etwas senken muss auch genügen.

„Also, mein Schatz, was willst du wissen?“ „Du, Papa, ist der Josef auch a schöner Depp?“ „Welcher Josef?“ „Na, der mit der heiligen Maria, du weißt schon?“  „Entschuldige, aber ich weiß jetzt nicht, was du da genau meinst. Warum sollte der heilige Josef ein schöner Depp sein?“ „Ja, weil er doch auch nicht gebucht hat!“ „Weil er was nicht hat?“ „Gebucht!!“ „Gebucht??“

„Aber Papa, denk doch nach: Wie wir heuer in Jesolo waren, und kein Platz frei war, da hast du gesagt: Wir hätten doch vorher buchen sollen. Weil wer nicht rechtzeitig bucht, is a schöner Depp …“ „Ja, und was hat das mit dem heiligen Josef zu tun?“ „Aber Papa! Wenn der heilige Josef vorher gebucht hätte, dann hätte er doch auch nicht mit der heiligen Maria von einem Gasthaus zum nächsten gehen müssen, weil nirgends ein Zimmer frei war in Bethlehem. Aber er hat nicht gebucht, also ist er auch a schöner Depp, so wie du!“

Einatmen. Ausatmen. Entspannen. Zeitung jetzt doch ganz weglegen.

„Weißt du, mein Schatz, damals war das noch nicht so, mit Reisebüro und Buchen. Das hat es damals noch gar nicht gegeben. Und außerdem hätte auch das Buchen dem heiligen Josef nichts genützt. Denn es waren ja Zimmer frei in Bethlehem, nur die beiden hatten kein Geld.“ „Genau wie wir!“ „Was heißt, wie wir?“ „Aber Papa. In dem Viersterne-Strandhotel in Jesolo war auch ein Zimmer frei. Doch wir haben es nicht genommen, weil es zu teuer war und wir nicht so viel Geld hatten.“

„Stimmt, mein Schatz. Wir hatten nicht genug Geld. Da hast du recht.“ So. Dem Kind recht gegeben. Gute Gelegenheit, wieder nach der Zeitung zu greifen. „Du, Papa?“ Zu spät. „Ja?“ „Wieso hast du nicht einfach mit der Mutti ‚Ach gebt uns Herberg heut‘ gesungen?“ „Aber mein Schatz, ich kann doch da nicht einfach mitten in der Nacht zu singen anfangen. Und außerdem hätte das doch gar nichts genützt. Deswegen hätten wir das Zimmer auch nicht bekommen. Wir hätten trotzdem Geld bezahlen müssen.“

„Warum?“ „Es kann doch heutzutage nicht einfach ein Gastwirt oder ein Hotelbesitzer sagen: Gut, du hast zwar kein Geld, aber du kannst hier gratis wohnen. Was glaubst du, was da los wäre?“ „Sind die Hotelbesitzer in Jesolo auch so hartherzig wie die Wirte damals in Bethlehem?“ „Aber mein Schatz, das hat doch nichts mit hartherzig zu tun. Das geht einfach gegen das Geschäft. Verstehst du?“

„Warum hätten die Wirte in Bethlehem das dann tun sollen? Das geht doch auch gegen das Geschäft?“ „Aber das ist doch etwas ganz anderes. Immerhin stand da die Mutter Gottes draußen, und es ging um das Jesuskind, also um Gott selbst.“ „Und das hätten die Wirte wissen müssen?“ „Was heißt wissen? Es ist einfach so, dass die Wirte ... Ich meine, die hätten denken sollen, es kann ja der liebe Gott selbst sein, der da anklopft, auch wenn er arm ist, und dann muss ich ihm natürlich ein Zimmer geben ...“ Kleine Falten auf ihrer Stirn. Sie denkt nach. Bingo. Diese Antwort hat gesessen. Zeitung langsam hochnehmen.

„Ich verstehe, Papa. Wenn also bei uns wieder wer anläutet, wie letztes Mal dieser arme Mann mit den Bildern, dann gebe ich ihm mein Zimmer und schlaf bei Mutti und dir – oder im Wohnzimmer ...“ „Nein, das machst du nicht! Auf keinen Fall.“ „Aber wenn es vielleicht der liebe Gott ist ...“ „Das ist ganz bestimmt nicht der liebe Gott.“ „Bist du sicher?“ „Ja, das war doch schon alles. Damals in Bethlehem. Das weiß man doch.“ „Bist du sicher? Weißt du das wirklich?“

„Ja, mein Schatz. Das weiß ich wirklich.“ „Aber du hast auch nicht gewusst, dass wir in Jesolo buchen sollen. Weißt du  Papa, oft kommst du auch erst nachher drauf!“ Warum hat sie sich nicht einfach ans Fenster gestellt, und versucht, zwischen verschneiten Obstbäumen ein silbriges Etwas auszumachen, das nach  Christkind ausschaut? Warum nicht?
 

Alle Geschichten des NÖN-Adventkalenders sind folgenden Büchern entnommen:

Hat das Christkind Hosen an?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Heitere Weihnachtsgeschichten für große Kinder.
21 Euro, 192 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

 
Es gibt ihn doch, den kleinen Unterschied! Und er wurde auch schon hinlänglich und in allen nur erdenklichen
Facetten erforscht. So sind Frauen zum Beispiel eher Rechtshänderinnen und seltener farbenblind. Ihr Sehfeld ist größer als das der Männer. Männer sehen dafür schärfer. Frauen können einzelne Finger gezielter bewegen. Männer werfen und fangen besser, sind im Durchschnitt um zehn Prozent größer, um 20 Prozent schwerer und um 30 Prozent stärker als Frauen, besonders am Oberkörper ...

Eine ganz wesentliche Frage wurde freilich bislang noch nie gestellt: Wie unterscheiden sich Frauen und Männer in ihrer Auffassung vom Christkind?

Dieses letzte aller noch verbliebenen Weihnachtsgeheimnisse aufzudecken, ist die Mission des dritten Bandes der erfolgreichen Christkindanthologie. Nachdem sich in den Vorjahren Journalistinnen aus ganz Österreich himmlischen Lifestyle-Themen gewidmet haben und Fragen nachgegangen sind wie "Ist das Christkind wirklich blond?" oder "Lebt das Christkind hinterm Mond?", offenbaren uns nun Österreichische Top-Journalisten ihr ganz persönliches christkindliches Verständnis. Sie bescheren uns tief(sinnig)e Einblicke mit ihren Betrachtungen zu "Hat das Christkind Hosen an?" Manch einer mag so weit gehen, zu fragen: Ja, ist es am Ende etwa gar ein Mann ...

Lebt das Christkind hinterm Mond?

x  |  NOEN, zVg/Verlag Anton Pustet Salzburg

Noch mehr heitere Weihnachtsgeschichten.
21  Euro, 180 Seiten,
Verlag Anton Pustet Salzburg

Das Leben ist voller Christkindmomente. Weißt du, wo das Christkind wohnt? Hinterm Mond? Und doch kommt es so weltoffen und geistreich daher, ist so fest verortet im Hier und Jetzt. Es ist da, immer dann, wenn es uns gelingt, anderen eine Freude zu machen, jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern oder einfach nur für einen Augenblick innezuhalten und zuzuhören.

Das Leben ist voller berührender, lustiger, tiefgründiger, verworrener, liebenswerter, stimmiger, unglaublicher, fantastischer ... Christkindmomente. Es gilt nur sie aufzuspüren. Viele davon wohnen in uns, sind eingeschrieben in unser gemeinsames Gedächtnis. Wie die langen, nicht enden wollenden Stunden erwartungsvoller Vorfreude, die sich dann im Nachhinein vielleicht als die schönsten erweisen. Wie die Freude am Schenken, die oft um so vieles größer ist, als die darüber, beschenkt zu werden. Wie die eingespielten Traditionen und Bräuche, die wir zeitlebens mit Inbrunst verwünschen, obwohl wir doch genau wissen, nicht ohne sie sein zu wollen.

„Steht das Christkind vor der Tür? Das Licht-ins-Dunkel-Weihnachtsbuch“

x  |  NOEN, Verlag Anton Pustet

Barbara Brunner,  Caroline Kleibel, 144 Seiten, 22 Euro, Verlag Anton Pustet

Steht das Christkind vor der Tür? Aber ja doch! Alle Jahre wieder wollen wir das Christkind oh so fröhlich hereinbitten und voller Vorfreude willkommen heißen. Die Tür zu wunderbaren Weihnachten öffnen uns dieses Mal Menschen, die wir alle kennen und schätzen. Menschen, die in ihrem Leben schon viel erreicht haben, was zählt. Uns wiederum reicht das von ihnen Erzählte.

In diesem stimmungsvollen Sammelband geben Künstlerinnen und Künstler, Medienschaffende und prominente Persönlichkeiten ihre denkwürdigsten Weihnachtserinnerungen preis. Einmal heiter, dann wieder besinnlich, nostalgisch und zuweilen auch durchaus kritisch.  Sind die Türen erst einmal weit offen, bleiben auch die Herzen nicht verschlossen. Mit dem Kauf jedes einzelnen Buches unterstützen Sie die Aktion Licht ins Dunkel!