Erstellt am 24. September 2015, 18:30

Porsche-Chef Matthias Müller soll neuer VW-Chef werden. Porsche-Chef Matthias Müller soll übereinstimmenden Berichten zufolge Volkswagen aus der Krise steuern.

Verkehrsminister Alexander Dobrindt  |  NOEN, APA (epa)

Der 62-Jährige habe eine Mehrheit im Aufsichtsrat, sagte eine mit den Beratungen vertraute Person am Donnerstag zu Reuters. Müller soll die Aufklärung des Skandals um manipulierte Abgaswerte vorantreiben und Vertrauen für Volkswagen zurückgewinnen. Volkswagen wollte sich dazu nicht äußern.

Laut dpa hat Müller die besten Chancen auf die Nachfolge von Martin Winterkorn. Das berichtete die Deutsche Presseagentur unter Berufung auf Konzernkreise. Die Mitglieder des Aufsichtsratspräsidiums hätten sich am Donnerstagnachmittag auf Müller geeinigt, berichteten auch "Handelsblatt" und "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Die Personalie solle am Freitag offiziell verkündet werden.

Der Aufsichtsrat von VW tagt am Freitag in Wolfsburg, um die Spitzenpersonalie zu beschließen und die Aufarbeitung des Abgas-Desasters in die Wege zu leiten, das am Mittwoch den langjährigen VW-Chef Winterkorn seinen Job gekostet hatte. Insidern zufolge werden wegen des Skandals noch mindestens drei hochrangige Konzern-Manager ihren Hut nehmen müssen.

Die Affäre erreichte am Donnerstag unterdessen eine neue Dimension: Der Wolfsburger Konzern räumte nach den Worten von Deutschlands Verkehrsminister Alexander Dobrindt ein, auch in Europa bei Tests die Abgaswerte von Dieselfahrzeugen manipuliert zu haben. Ein VW-Sprecher verwies auf eine Mitteilung vom Dienstag, wonach weltweit bis zu elf Millionen Fahrzeuge von Unstimmigkeiten in den Messwerten betroffen sein könnten. Dazu gehöre auch Europa. "Und Deutschland auch, das haben wir schon zugegeben." Eine Aufschlüsselung der Stückzahlen nach Marken, Ländern und Modellen solle bald bekannt gegeben werden.

Dobrindt sagte in Berlin: "Es wurde uns mitgeteilt, dass auch in Europa Fahrzeuge mit 1,6- und 2,0-Liter-Dieselmotoren betroffen sind von den in Rede stehenden Manipulationen." Er bezog sich dabei auf Angaben der von ihm eingesetzten Untersuchungskommission, die überprüfen soll, ob die betreffenden Fahrzeuge konform mit deutschen und europäischen Regeln gebaut und geprüft worden sind. Die Kommission war bereits in Wolfsburg vor Ort. Der Minister ließ offen, ob die VW-Fahrzeuge nun aus dem Verkehr gezogen werden müssen. Die genaue Zahl der betroffenen Pkw sei noch unbekannt. Zugleich kündigte er an, die angeordneten Abgas-Nachprüfungen würden auch auf andere Marken als VW ausgedehnt.

Des zuerst in den USA aufgedeckte Skandal hat bei VW ein regelrechtes Erdbeben ausgelöst: Nach Reuters-Informationen sollen die beiden Entwicklungschefs der Marken Audi und Porsche, Ulrich Hackenberg und Wolfgang Hatz ihren Hut nehmen. Auch VW-US-Chef Michael Horn soll seinen Posten räumen. VW lehnte einen Kommentar ab. Hackenberg war 2007 zusammen mit Winterkorn von Audi nach Wolfsburg gewechselt. Er gilt als Erfinder des Baukastensystems, das Volkswagen derzeit bei immer mehr Marken einführt.

Wegen der Bedeutung des US-Geschäfts sei angedacht, im Konzernvorstand ein eigenes Ressort zu schaffen, sagten zwei mit den Beratungen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Kandidat für den Posten sei Skoda-Chef Winfried Vahland. Eine dritte Person sagte, Vahland solle Horn in den USA ersetzen. Unmittelbar vor der Aufsichtsratssitzung würden mehrere Varianten diskutiert.

Der Betriebsrat will in den kommenden Tagen mit dem Vorstand über die finanziellen Zusatzlasten durch den Abgas-Skandal sprechen. "Hierbei werden wir uns auch darüber unterhalten müssen, wie wir unserem Effizienzprogramm einen Turbo verpassen, um die Milliardensummen, die wir jetzt verlieren werden, zu kompensieren", schrieb Betriebsratschef Bernd Osterloh in einem Brief an die Belegschaft, der Reuters vorlag.

Nun wurde auch noch bekannt, dass VW bereits im April in den USA versucht hat, die Abgas-Manipulationen durch einen verdeckten Rückruf von Dieselautos zu beheben. Der Konzern forderte Halter von VW- und Audi-Fahrzeugen auf, ihre Autos in die Werkstätten zu bringen, um eine neue Software aufzuspielen. Diese sollte die Abgas-Emissionen optimieren und die Effizienz des Motors steigern. Ein Sprecher der kalifornischen Emissionsschutzbehörde sagte, das Schreiben sei Teil einer landesweiten Rückrufaktion von VW gewesen.

Am vergangenen Freitag hatte die US-Umweltbehörde EPA mitgeteilt, dass VW in Modellen der Jahre 2009 bis 2015 eine Software zur Umgehung von Emissionskontrollsystemen verbaut habe. Das Programm erkennt, ob das Auto auf einem Teststand läuft und reguliert den Motor so, dass Grenzwerte eingehalten werden. Im Normalbetrieb liegen die Werte jedoch bis zu 40 Mal höher als vorgegeben. VW hat die Abgasmanipulationen in den USA zugegeben. Für den Konzern könnte dies eine Strafe von bis zu 18 Mrd. Dollar (16,1 Mrd. Euro) nach sich ziehen.

Inzwischen sind in den USA mindestens zwei Dutzend Klagen in sieben Bundesstaaten gegen VW eingereicht worden. Die Anwälte argumentieren damit, dass Volkswagen die Kunden getäuscht habe, die mehr gezahlt hätten, um vermeintlich umweltfreundliche Autos zu fahren. Ein Anwalt will die Klagen bei einem US-Bundesgericht in Kalifornien zusammenfassen. Das Gericht von Bezirksrichter Fernando Olguin hat Erfahrung mit Klagen gegen Autobauer: Toyota erklärte sich 2012 in einem Vergleich zur Zahlung von 1,1 Mrd. Dollar bereit, um eine Sammelklage wegen Problemen mit Fußmatten und klemmenden Gaspedalen beizulegen. Hyundai und Kia zahlten 255 Mio. Dollar, weil sie einen zu niedrigen Benzinverbrauch angegeben hatten.