Erstellt am 16. Juni 2016, 05:15

von Sandra Sagmeister

„Größe ist gefährlich“. Vom 2. Juli bis 8. August sind wieder rund 20 Meisterschüler aus der ganzen Welt in Baden zu Gast, um ihre Leidenschaft zur Liedkunst zu wecken.

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Seit 38 Jahren bildet das Franz-Schubert-Institut (FSI) Meisterschüler in der hohen Kunst des Liedgesanges aus, und das mit einem weltweit einzigartigen Konzept, hinter dem sein Gründer, der gebürtige US-Amerikaner und Philologe Deen Larsen steht: die Verbindung von Gesang, Literatur und Naturerfahrung. Larsen hat in den letzten Jahren auch einige internationale Kooperationen mit Universitäten in Kanada, London und Australien geknüpft und macht Baden so zum Zentrum der Lied-Interpretation.

NÖN: Wieso hält sich das FSI seit bald vier Jahrzehnten?
Deen Larsen: Es ist nichts für die Masse, das ist etwas ganz Individuelles. Die Leute, die sich da zu Hause fühlen und ein Herz haben für Schuberts Musik, die sind seelisch miteinander verwandt. Es gibt eine sehr große Schubertgemeinde auf der Welt, und wir sind ein kleines Teilchen davon.

Das war aber auch nie das Ziel des FSI, groß zu werden?
Larsen: Nein, es darf nicht groß sein, das hat Grillparzer schon gesagt, die Größe ist gefährlich.

Unsere Lebens- und Wirtschaftsmaxime besagt aber, immer größer zu werden. Ohne Wachstum kein Wachstum. Wie schaffen Sie es, klein zu bleiben?
Larsen: Das was wir machen, wäre nicht möglich, wären wir groß. Schon Goethe hat von seiner Arbeit gesagt, dass er damit nie populär werden wird. „Ich bin nicht Mozart“, hat er gesagt und so sind wir auch.

Das FSI macht vieles besonders, aber was ist für Sie das wichtigste Besondere?
Larsen: Es ist die Ursprünglichkeit, die Echtheit und Authentizität, die wir vermitteln, und wir versuchen diese Liebe, die dazu führt, transparent zu machen. Und dann können die Schüler in ihrem Gesang viel mehr geben und das spürt man. Das ist der Sinn des FSI. Und dieser Prozess darf nicht kompromittiert werden, entweder durch das Ego oder durch Geld.

Man darf diese liebevolle Energie aber nicht suchen?
Larsen: Denken wir an das Bogenschießen. Du kannst trainieren, so lange, bis du eins wirst mit dem Bogen. Sobald du aber in einen Wettbewerb kommst und du machst es nicht mehr um des Selbstwillens, sondern um einen Preis zu gewinnen, dann wird es daneben gehen. Die Konzentration und die Reinheit gehen verloren. Für die Kunst ist das auch tödlich. Wenn man sich von dem befreien kann, dann empfindet man eine Riesenfreude. Denn es geht nicht um dich. Das sind immer die ersten Worte, die ich im Kurs sage: „It’s not about you“. Man muss loslassen können.

Aber was soll man loslassen?
Larsen: Die Ängste, die falschen Konventionen, die Erwartungen, das dauernde fragen „Werde ich es schaffen“, „Werde ich bewundert“, „Werde ich ein Star“. Das macht die Sorgen und Ängste. Loslassen heißt, dankbar sein, dass man überhaupt da ist, und ein Teil ist. Es kommt immer auf das Ganzheitserlebnis an, ich spüre das ganz intensiv, etwas lebt durch mich im Moment, etwas ganz Tolles atmet durch mich, darum geht es.

Kann das jeder Mensch?
Larsen: Jeder Mensch kann diese Verbundenheit spüren.

Wenn man in einer stinkenden U-Bahn sitzt, wird es aber schwierig, das zuzulassen?
Larsen: Das fängt mit der Sonne an, mit Licht und Himmel. Einen Sonnenaufgang kann jeder Mensch beobachten, wenn er nur will, das versuchen wir auch mit den Studenten zu üben. Wenn man die Fähigkeit des Staunens verliert, dann ist schon ziemlich alles verloren, dann bleibt nur mehr die stinkende U-Bahn. Der Mensch ist zum Staunen da, man kann auch ein bisschen nachhelfen.

Wie kann man nachhelfen?
Larsen: In der Früh aufwachen und die Sonne begrüßen, dann lächelt man automatisch, du spürst diese unheimliche Kraft der Sonne, diese immense Wärme, in deiner Brust. Das ist wie ein Sinntrip.