Erstellt am 18. April 2016, 09:32

von Sandra Sagmeister

Josef Breznik: "Kritik soll motivieren". Am 22. April (19.30 Uhr), sind im Stadttheater die beliebtesten Sätze aus den berühmtesten Sinfonien zu hören. Das Sinfoniekonzert dirigiert Franz Josef Breznik.

Franz Josef Breznik posiert vor seinem Vornamensvetter Franz Josef I. - die Gedenktafel mit den Erbauern und Verantwortlichen des Stadttheaters hängt im Foyer des Stadttheaters.  |  NOEN, Sagmeister

Seit vier Jahren gibt es im Jahr ein sinfonisches Konzert im Stadttheater. Ein Experiment, das in den ersten Jahren nur schwach angenommen wurde, aber die Besucherzahlen steigen. Initiator und Chefdirigent Franz Josef Breznik lässt sich nicht beirren und motiviert sein Orchester zu Größerem.

NÖN: Sie erarbeiten gerne schwierige symphonische Stücke. Wie ist das Echo?
Breznik: Im ersten Jahr waren vier halb voll, im zweiten und dritten Jahr war es schon ein bisschen mehr und heuer werden sicher noch mehr kommen. Wir haben voriges Jahr Mahlers Lied von der Erde gespielt, ein außergewöhnliches Riesenstück, da waren 75 Orchesterleute auf der Bühne. Faktum ist aber, interessiert hat es niemanden. So etwas in Baden zu spielen ist schwierig und es findet kaum Erwähnung.

Und trotzdem gibt es heuer wieder ein Sinfoniekonzert?
Ja, wir spielen aus berühmten Sinfonien die bekanntesten Stücke. Wir haben schon die Moldau gespielt, Beethovens Fünfte. Mit großer Besetzung, nicht mit Kurkonzertbesetzung, sondern volle Kanne!

Dabei kann Baden doch stolz sein auf sein Orchester?
Ja, wir sind in Niederösterreich das größte Theater mit eigenem Orchester im Jahresbetrieb. Wir bespielen einen Bereich, der viel größer ist als Wien. In Wien gibt es vier große Orchester, wir sind für Niederösterreich eigentlich das Landesorchester. Es wäre deshalb schön, wenn wir mehr Unterstützung bekämen.

Wie motivieren Sie ihr Orchester?
Die Motivation ist ja schon da, wenn die Musiker merken, dass eine Anerkennung da ist. Die Motivation geht weniger von mir aus. Demotivierend wirkt, wenn das Orchester auf etwas hin arbeitet, und dann sitzt niemand im Zuschauerraum. Mein Orchester aber für die Musik z.B. von Mahler zu motivieren ist kein Problem.

Das Orchester der Bühne Baden wird also ein bisschen verkannt und man glaubt, dass ihr eh nur Operette spielen könnt.
Unser Orchester kann alles spielen, dass da nur einer Operette spielen kann, den gibt es nicht. Jeder Geiger bei uns hat gelernt, zum Beispiel Mozartkonzerte zu spielen.

Was ist die größte Herausforderung des Dirigenten?
Jeder versucht in seinem Beruf eine Sprache zu finden, die verständlich ist. Jeder versucht sich irgendwie auszudrücken, ich als Dirigent, jeder andere Künstler, jeder Schuster oder Kleidermacher. Wir haben alle die selbe Aufgabe. Jeder versucht etwas mitzuteilen, um sein Gegenüber zu erreichen, das ist die ureigenste Aufgabe eines denkenden Menschen. Ich als Dirigent hab halt den Beethoven vor mir und möchte mit dem Beethoven etwas erzählen.

Wie wichtig ist der Dirigent für sein Orchester?
Für mich ist der Beruf des Dirigenten eine Aufgabe, so wie der Beruf Lehrer auch, das sind für mich überhaupt die wichtigsten Menschen der Gesellschaft, sind aber super schlecht bezahlt im Verhältnis zu Bankdirektoren, die kein Mensch braucht. Die verzocken nur unser Geld.

Wie entdecken Sie die Musik?
Man tut sich leichter, wenn man das Wesen des Komponisten kennt. Ich weiß, dass Mozart ein sehr verspielter und verrückter Mensch war, der ist mir näher, da krieg ich mehr mit, was dahinter steckt. Der Beethoven ist schwieriger, der war ein großer Geist und wusste unheimlich viel. In Mahlers Musik erkenne ich jüdischen Humor genauso wie seinen Schmerz und seine Traurigkeit. Wenn man den Hintergrund des Komponisten kennt, kennt man auch die Musik besser.

Was ist für Sie die Quintessenz Ihrer Arbeit?
Die Arbeit des Dirigenten ist ungefähr so, als wenn man ein Buch heraus gibt, da mache ich mir auch Gedanken, wie groß ist die Schrift, wie schaut der Einband aus, und so weiter. Das ist im Grunde die Aufgabe eines Dirigenten. Alles was ich tue dient dazu, um etwas klarer zu machen und wieder Verwirrung zu stiften. Verwirrung stiften ist ein wichtiger Punkt, weil Klarheit führt oft nur zu einem Pseudoverstehen, Verwirrung führt aber dazu, dass die Menschen vielfältiger denken müssen.

Ärgern Sie sich manchmal über Kritiken?
Ich ärgere mich manchmal grün und blau über die Art, wie über etwas geschrieben wird. Kritiker kritisieren oft so, als wäre es die allgemeine Meinung, ohne zu postulieren, dass es ihre eigene Meinung ist. Musik hört man und nimmt sie wahr. Wenn einer meint, er verstehe etwas von Musik, ist es meist nur eine Demonstration von Wissen. Für mich zählt nur das Kriterium: Gefällt mir oder Gefällt mir nicht. Für mich ist Kritik eine ethische Aufgabe, wenn ich jemanden in meinem Orchester kritisiere, dann tue ich das, damit er sich verbessert. Kritisieren ist für mich immer motivieren, die Frage ist nur, ob man es schafft, das Negative aus der Kritik raus zu kriegen.