Erstellt am 22. September 2015, 15:22

von Susanne Müller

Bruck: Spontane Hilfe für 128 Menschen. Brucker zeigten mit beispielloser Aktion ihre Hilfsbereitschaft. Sie holten einmal 86 und einmal 42 Flüchtlinge ins Pfarrzentrum.

Gabriele Jüly mit Lukas Neuwirth, Clemens Ehlers und zwei Familienvätern, die mit ihren Frauen und Kindern in Bruck versorgt wurden.  |  NOEN, privat

Nachdem in der Vorwoche die Grenzen zu Deutschland plötzlich dichtgemacht worden waren und Tausende Flüchtlinge in Österreich festsaßen, spitzte sich die Lage besonders im Osten des Landes dramatisch zu. Notquartiere wurden verzweifelt gesucht. Die Brucker Unternehmerin Gabriele Jüly hatte davor schon in Nickelsdorf unterm Flugdach geholfen.

„Ich bin da so reingestolpert. Eigentlich war ich nur dort, weil wir dort die Entsorgung übernommen haben“, erzählt Jüly. Vor Ort konnte sie dann gar nicht anders, als zu helfen. An den folgenden Tagen brachte sie abends ihre Kinder zu Bett und machte sich dann auf den Weg nach Nickelsdorf, um die Nacht über dort auszuhelfen.

Als am Montagabend der strömende Regen einsetzte, war für Jüly klar: „Wir müssen etwas tun.“ Gemeinsam mit ihrer Mutter Annemarie Jüly wandte sie sich an Mesner Gernot Ehlers. Schnell war man sich einig: Im Pfarrhof wird ein Notquartier eingerichtet (die NÖN berichtete).

„Die Leute waren alle so erschöpft“

Es wurden Matratzen und Decken organisiert und gespendet. „Es sind ganz viele Brucker gekommen, um zu helfen“, erzählt Jüly. Von der Pfarre, aber auch Außenstehende, die den Aufruf auf Facebook gelesen hatten oder über Bekannte informiert worden waren, waren binnen kürzester Zeit zur Stelle. Die Pfadfinder brachten Feldbetten, Gastronomie-Betriebe wie Harrachkeller, Krupbauer oder der Grieche spendeten Essen. „Das hat eine Eigendynamik bekommen, so etwas habe ich noch nie erlebt“, ist Jüly noch immer begeistert von der Welle der Hilfsbereitschaft. Binnen zwei Stunden war die Schlafstätte im Pfarrhof fertig hergerichtet.

„Dann sind wir mit gut 15 Privat-Autos im Konvoi nach Nickelsdorf gefahren. Dort hat es sich im strömenden Regen furchtbar abgespielt. Man ist kaum durchgekommen“, erzählt Jüly. Vor Ort haben die Helfer Familien mit kleinen Kindern in die Autos geholt. Zum Teil waren die Babys nicht älter als drei Monate.

„Ein kleiner Bub aus Syrien ist mir schon am Weg zum Auto in meinen Armen eingeschlafen. Die Leute waren alle so erschöpft“, so Jüly. Zurück in Bruck konnten sich die völlig durchnässten Familien erst einmal duschen, aufwärmen und mit Essen stärken. „Wir konnten ihnen am Anfang nur Suppe zu essen geben, weil sie so ausgehungert waren, dass sie etwas anderes gar nicht vertragen hätten“, erzählt Jüly.

Alle wollen weiter nach Deutschland

Kurze Zeit später schliefen die 44 Erwachsenen und 42 Kinder friedlich in den beiden Pfarrsälen und konnten sich ein wenig von den Strapazen erholen. „Rechtlich gedeckt war das alles nicht“, weiß Jüly. Und das wurde schließlich auch von der Polizei festgestellt, die im Pfarrhof vorbeischaute. „Ich nehme das alles auf meine Kappe. Ich möchte nicht, dass irgendeiner von den Helfern deshalb Schwierigkeiten bekommt“, so Jüly. Und von denen gab es viele. Gut 60 Menschen aus Bruck und der Umgebung waren in der Vorwoche im Pfarrhof im Einsatz. „Es sind ganz viele Jugendliche gekommen, um mit den Kindern zu spielen. Das war berührend“, so Jüly.

Der Großteil der Flüchtlinge hatte Deutschland als Ziel. „Nur drei haben einen Asylantrag in Österreich gestellt“, so Jüly. Bürgermeister Richard Hemmer setzte sich schließlich dafür ein, dass die Familien bis zu einer möglichen Weiterreise in einer Unterkunft des Roten Kreuzes in Wien bleiben können. Dorthin wurden sie Mitte der Woche gebracht. Jedoch nicht, ohne sich vorher überschwänglich bei den Helfern zu bedanken. „Alle haben geweint. Das war die ärgste Geschichte in meinem ganzen Leben“, so Jüly.

Doch es dauerte nicht lange, bis die Helfer erneut ausrückten. Am Sonntagabend war wieder ein Konvoi von zehn Autos nach Nickelsdorf unterwegs und holte 42 Menschen nach Bruck. Der große Kreis der Unterstützer war sofort wieder an Bord. „Die Gäste wollen alle weiter nach Deutschland. Sie sind über Serbien, Mazedonien, Kroatien und Ungarn gekommen. Viele mit Booten übers Meer“, erzählt Jüly.