Bruck an der Leitha

Erstellt am 24. August 2016, 05:54

von Susanne Müller

Windholz: „Wir schaffen das“. In einer Podiumsdiskussion wurde in der Brucker Stadthalle auf aktuelle Brennpunkte zum Thema Asyl eingegangen.

Bürgermeister Richard Hemmer.  |  NOEN

„Ich glaube, es ist immer wieder nötig, über das Thema zu informieren und zu diskutieren“, leitete SP-Bürgermeister Richard Hemmer den zweiten großen Info-Abend in der Stadthalle zum Thema „Asyl & Integration“ ein.

Gemeinsam mit dem Verein „Unser Bruck hilft“ hatte die Gemeinde Persönlichkeiten eingeladen, die wahrscheinlich wie nur wenige andere den Überblick über die derzeitige Flüchtlingssituation haben. „Momentan haben wir 84.000 Menschen in Österreich in der Grundversorgung. Das ist etwa eineinhalbmal das Happelstadion. Wenn wir damit nicht fertig werden, haben wir tatsächlich ein Problem“, brachte Ferdinand Maier, Generalsekretär von „Österreich hilfsbereit“ auf den Punkt, worin sich alle am Podium einig waren.

„Wir hören dauernd, es gibt eine Krise. Wenn man das lange genug hört, glaubt man es am Ende wirklich“, betonte auch Peter Windholz von „Unser Bruck hilft“, dass die derzeitige Anzahl von Asylwerbern im Land kein Problem darstellen dürfe, und zeigte sich überzeugt: „Wir schaffen das.“

„Wachsende soziale Ungerechtigkeit“

Kritik übten sie daher an der Regierung, die die Situation weder im Vorjahr noch heuer gut gemanagt habe. „Die Entwicklungen waren vorhersehbar. Der Iran betreut schon seit 30 Jahren drei Millionen Flüchtlinge. Allein in Istanbul leben mehr Syrer als in ganz Europa. In Österreich hat letztes Jahr das System nicht funktioniert“, so Martijn Pluim vom International Centre for Migration Policy Development (ICMPD). Dem schloss sich auch Erich Fenninger, Bundesgeschäftsführer der Volkshilfe, an: „Wenn wir dort (z.B. im Libanon; Anm.) geholfen hätten, wären weniger zu uns gekommen. Die Österreichische Regierung hat die Situation nicht gut gemanagt.“

Im Zuge der Podiumsdiskussion, die von Römerland-Carnuntum-Geschäftsführer Bernhard Fischer moderiert wurde, widmete man sich aber auch der Frage, warum dieses Thema für so viel Unruhe sorgt. Wirklich schwierig geworden sei die Situation durch eine „Debatte, die Migration, Terrorismus und Religion vermischt“, so Pluim.

Erich Fenninger führte das Unbehagen vieler Menschen bei der Thematik vor allem auf die „wachsende soziale Ungerechtigkeit“ zurück: „Die Ungleichheit auf der Welt war noch nie so groß. 62 Menschen haben so viel Geld wie die untere Hälfte der Weltbevölkerung“, so Fenninger. Dem schloss sich auch Stadtchef Hemmer an, der betonte: „Es fehlt am Bewusstsein, dass wir alle im selben Boot sitzen. Wir alle gehören zu den 90 Prozent, die weniger als die oberen 10 Prozent haben.“

Weniger Konflikte  in kleinen Gemeinden

Was das viel diskutierte Thema Integration angeht, sprach sich etwa Fenninger für verpflichtende Deutschkurse aus, betonte aber: „Ich kann nicht immer sagen ‚integrier dich’, aber in Wirklichkeit meine ich ‚schleich dich’.“ Er plädierte daher für den Begriff „Interkulturalität, denn es geht nur darum, respektvoll miteinander umzugehen“. Für eine „Integrationsoffensive“, heruntergebrochen auf die Gemeinden, sprach sich Maier aus. Genau dafür wünschte sich Stadtchef Hemmer mehr finanzielle Mittel. „Allerdings gehen gerade jetzt die Ertragsanteile rapide zurück. Was ist denn das für ein Signal?“

Eine Umfrage unter 2.200 Bürgermeistern, von denen 900 teilgenommen haben, zeigte jedenfalls: „Wer Flüchtlinge aufgenommen hat, ist gelassener und lösungsorientiert. Je kleiner die Gemeinde, umso weniger Konflikte gibt es. Und es gibt Handlungsbedarf beim Thema Arbeit“, so Maier. Für Peter Windholz ist jedenfalls klar, dass man die Menschen, die hilfesuchend nach Bruck kommen, weiterhin unterstützen wird.

„Wir versuchen, Strukturen aufzubauen, und wir haben jede Menge Ideen. Und wir sind immer auf der Suche nach Freiwilligen.“ Viele von ihnen waren auch im Publikum. Kritische Fragen, wie sie im Vorfeld von vielen erwartet worden waren, blieben jedoch so gut wie aus.

Am Podium

Richard Hemmer: Bürgermeister von Bruck (SP), sprach sich im Vorjahr als einer der ersten Bürgermeister dafür aus, Asylwerber in der Gemeinde aufzunehmen. Seither wurde Bruck für das Engagement in der Flüchtlingsbetreuung ausgezeichnet und beispielhaft vor den Vorhang gebeten. Vor einem Jahr hat die Gemeinde erstmals zu einer Informationsveranstaltung dieser Art geladen. In der Vorwoche fand der zweite große Infoabend statt. Beide wurden auch live auf Youtube und Facebook übertragen.

Peter Windholz: Obmann des Vereins „Unser Bruck hilft“, der im Vorjahr gegründet wurde, um zum einen Asylwerbern und Asylberechtigten in Bruck und zum anderen Bedürftigen aus Bruck Unterstützung zukommen zu lassen.

Erich Fenninger:  Bundesgeschäftsführer der Volkshilfe, Sozialarbeiter und Menschenrechtsaktivist. Gründete im September 2015 „solidART for refugees“, eine Initiative von Künstlern und Intellektuellen, die unter anderem das große Solidaritätskonzert für Asylsuchende „Voices for Refugees“ am Wiener Heldenplatz organisierte.

Ferdinand Maier: ÖVP-Nationalratsabgeordneter und Generalsekretär des Österreichischen Raiffeisenverbandes. Generalsekretär von „Österreich hilft“, jenem Verein, der unter der Leitung von Christian Konrad vor allem bei der Quartiersuche für Asylwerber aktiv ist.

Martijn Pluim: Direktor der „Eastern Dimension“ im „International Centre for Migration Policy“, einer europäischen Organisation, die sich mit dem globalen Phänomen der Migration beschäftigt, mit Sitz in Wien und Brüssel. Lebt in Bruck.

Lorenz Wachter:  Amt der NÖ Landesregierung, Abteilung Staatsbürgerschaft und Wahlen, die für die Grundversorgung für Asylwerber zuständig ist und somit auch für die Suche nach und Verteilung von Quartierplätzen.