Erstellt am 15. Juni 2016, 03:00

von Gerald Burggraf

Johannes C. Hoflehner: „Wehmut hab‘ ich hinter mir“. Noch-Intendant Johannes C. Hoflehner im NÖN-Gespräch über seine Zeit im Theater Forum Schwechat.

Der 52-jährige Wiener Johannes C. Hoflehner leitete 16 Jahre lang das Theater Forum Schwechat.  |  NOEN, Foto: Gerald Burggraf

NÖN: In wenigen Tagen ist es soweit. Was machen Sie noch bis zu Ihrem Abschied Ende Juni?
Johannes C. Hoflehner: Im Grunde ist es die Übergabe, die sehr komplex ist. Da gibt es viele Details, natürlich kennen diese auch meine Mitarbeiter. Allerdings ist es schon besser, wenn diese von Geschäftsführer zu Geschäftsführer weitergegeben werden.
 
Wie gehen Sie an ihren Abschied heran? Überwiegt Wehmut oder die Vorfreude auf etwas Neues?
Hoflehner: Wehmut habe ich schon deutlich hinter mir gelassen. Es ist in gewisser Weise auch eine Erleichterung, denn die letzten Jahre waren schon eine ziemliche Belastung. Das für mich ja mit ein Grund, warum ich diesen Vertrag nicht verlängern wollte.
 
Ein weiterer Grund war ja auch die Forderung nach einem zweiten Geschäftsführer. Der wurde Ihnen verwehrt, nun sind es doch zwei Chefs. Was sagen Sie dazu? Nehmen Sie das persönlich?
Hoflehner: Was lehrt uns das? Es lehrt, dass die Politik frühzeitig auf die Meinung von Fachleuten hören sollte. Dann hätten sie sich viele Umwege und Sackgassen erspart. Für mich ist das klar, dass das so kommen musste. Den anderen aber nicht.

Die Anforderungen sind zu groß geworden.

Geht ein Betrieb wie das Theater Forum heutzutage überhaupt noch mit nur einem Geschäftsführer? Oder braucht es zwei?
Hoflehner: Aus meiner Sicht ist es in der jetzigen Situation nicht mehr auf Dauer machbar gewesen. Die Anforderungen sind zu groß geworden. Man müsste den Spielbetrieb reduzieren, was wir auch gemacht haben. Von ursprünglich 110 Vorstellungen sind wir auf knapp 90 zurückgegangen. Eigentlich aber immer noch zu viel. Weil vor allem die administrativen Arbeiten sehr groß sind. Die Stadtgemeinde ist in diesem Fall aber unschuldig.
 
Genau diese Doppelführung haben Sie ja gefordert.
Hoflehner: In der richtigen Konstellation hätte ich schon weitergemacht. Wobei man schon auch sagen muss, dass 16 Jahre eine lange Zeit sind. Ich habe viel bewegen können, im Theater und der Stadt Schwechat. Irgendwann sagt man einmal, es ist ausgereizt. So lange die Stadtgemeinde Schwechat noch solvent war, wäre für mich auch die Option gewesen, diese Theater weiterzuentwickeln. Es gab auch immer wieder Ideen, wie das Satirestudio, das aus Kostengründen wieder gestrichen wurde. Da ist noch viel drinnen und natürlich kostet das „manpower“ und Geld. Ich sehe auch keine Möglichkeit das Haus weiterzuentwickeln. Und der Verwalter meiner Ideen will ich nicht werden, dazu fühle ich mich noch zu jung und zu dynamisch.

Manuela Seidl ist frisch und voller Energie.

Kann das Theater Forum dennoch weiterhin eine Institution in Schwechat sein?
Hoflehner: Absolut. Ich bin aber nicht der Typ, der sagt, wir haben das Satirefestivals und zwei Eigenproduktion im Jahr und das ist es. Ich habe über die 16 Jahre immer versucht etwas neues in das Theater hineinzubringen. Sei es durch Innovationen in der Kooperation, mit Gastspielen oder Satirestudio-Projekt, wo wir eine Autorenwerkstätte eingerichtet haben. Aber auch mit dem Satirefestival, so kleiner Highlights. Das wäre noch ausbaufähig, das wäre zwar nicht mi wahnsinnig vielen Kosten verbunden, aber mit den aktuellen Ressourcen nicht. Oder auch die Kinder- und Jugendtheaterschiene. Das ist auch eingeschlafen, wegen Desinteresse aus der Politik.
 
Ist bei diesen Themen mit der neuen Geschäftsführung trotzdem etwas möglich?
Hoflehner: Jetzt geht das Theater einmal so weiter wie bisher. Manuela Seidl hat in kürzester Zeit einen sehr ansehnlichen Spielplan aus dem Boden gestampft. Sie ist frisch und voller Energie, das ist ein guter Ansatz. Mal schauen wie lange das anhält.
 
Frau Seidl haben Sie gerade erwähnt. Der zweite Chefsessel geht an Daniel Truttmann. Wie stehen Sie zu diesem Duo? Ist es eine gute Lösung?
Hoflehner: Wenn man sich überlegt, dass die Ausschreibung für eine Einzelgeschäftsführung war und dann hat man plötzlich eine Doppelgeschäftsführung. Wo sich plötzlich zwei Menschen die Arbeit teilen müssen, muss jeder für sich selbst entscheiden, ob das eine saubere Lösung ist. Oder eine Notlösung. Wenn sich die beiden füreinander entscheiden, so wie es derzeit aussieht, kann das schon eine gute Sache sein. Der Weg dorthin war für mich schon eher fragwürdig.

Mir ist es Anliegen, dass dieses Haus weiter besteht.

Wirkt diese Lösung auf Sie wie das Zurückfallen in alte Gewohnheiten in der Stadtpolitik?
Hoflehner: Ich glaube, dass der Hauptgrund ist, dass es nun zwei Geschäftsführer gibt, dass es das Land NÖ gefordert hat. Das Vier-Augen-Prinzip ist ein wesentliches Merkmal in der Sicherheit einer GesmbH-Geschäftsführung ist.
 
Verlassen Sie Schwechat dennoch ohne Groll?
Hoflehner: Für diese Konstellation, dass ein Beamter Co-Geschäftsführer wird, wäre ich nicht zu haben gewesen. Weil ich das einfach ungerecht finden. Wenn das Vorhaben aus irgendeinem Grund scheitert, hat der Beamte immer die Möglichkeit weiterbeschäftigt zu werden und der andere hat nicht diese Sicherheit.
 
Wie ist Ihr Kontakt zu beiden?
Hoflehner: Ich übergebe es freundschaftlich und habe mit Frau Seidl, die ja aktiv ist, wenn es um künstlerische Fragen geht. Ich habe sie möglichst viel unterstützt, aber sie hat natürlich selber viel eingebracht. Sie ist eine kompetente Person. Mir ist es Anliegen, dass dieses Haus weiter besteht.

Ich konnte das Haus neu konzipieren.

Wenn Sie auf 16 Jahre zurückblicken, was ist Ihnen in Erinnerung geblieben?
Hoflehner: Sehr viel. Im Großen und Ganzen war es wirklich so, dass ich dieses Haus neu konzipieren konnte. Programmatisch, inhaltlich und sogar vom Gebäude her. Wir sitzen hier auch in einem neuen Teil, oder das Foyer und Bistro. Ich habe das Haus von Grund auf erneuert und strukturiert. Ich bin froh, als Theaterdirektor solche Möglichkeiten hatte zu gestalten.
 
Und inhaltlich?
Hoflehner: Etwa dass das Satirefestival so eingeschlagen hat – ein riesiger Erfolg. Einige wirklich schöne Theaterproduktionen sind entstanden. Ich denke da etwa an die „Ahnfrau“ oder die „Tellerstücke“, als wir das Haus bis in den Keller runter als Stationentheater bespielt haben.
 
Der große Abschluss war nun die letzte Eigenproduktion. War das ein persönlicher Abschied?
Hoflehner: Ja absolut. Das war auch mein Statement, für die Theaterarbeit, die ich die letzten Jahre gemacht habe. Wir schließen jetzt übrigens auch eine der besten Saisonen überhaupt, was die Auslastung und der durchschnittlichen Einnahmensituation, betrifft ab. Die Besuchszahlen sind aber natürlich weniger, weil wir ja auch weniger Vorstellungen hatten. Genaue Zahlen gibt es aber noch keine.

Ich verdränge schlechte Erfahrungen sehr schnell.

Die Querelen um die Besetzung hatten damit scheinbar keine Auswirkungen auf den Betrieb.
Hoflehner: Nein, da das alles so spät war, war die erste Hälfte der Saison gar nicht betroffen. Und die zweite Hälfte auch nicht wirklich. Dem Publikum ist es im Grunde genommen ja auch egal, die wollen einen schönen Theater- oder Kabarettabend verbringen. Der Laden muss funktionieren und hier ein gut eingespieltes Team arbeitet.
 
Die Mitarbeiter sind also auch immer bereitwillig mitgezogen.
Hoflehner: Ja, so loyale Mitarbeiter kann man sich nur wünschen.
 
Gibt es auch Dinge, die sie nicht umsetzen konnten?
Hoflehner: Ich hätte gerne das Satirestudio weitergeführt, aber das ist doch ein teureres Entwicklungsprojekt gewesen. Wir haben da an mit Autoren an einer Theaterform gearbeitet, die innovativer ist. Sprich kleine klassische Komödie, sondern mit modernen Theaterformen eine gesellschaftskritische Unterhaltung geboten wird. Das war im Grunde genommen auch eine Art Forschungsprojekt. Vor knapp zwei Jahren mussten wir es aber abbrechen.
 
Die positiven Erinnerungen überwiegen also scheinbar.
Hoflehner: Ich muss gestehen, ich verdränge schlechte Erfahrungen sehr schnell. Ich habe in all den Jahren in Schwechat wirklich viele positive Kontakte geknüpft, die uns unterstützt haben oder wir einfach gut kooperiert haben. Auch die Zusammenarbeit mit dem Rathaus war eigentlich immer gut. Bei der neuen Regierung, ist aber von Anfang nicht so recht der Funke herübergesprungen und ich habe auch keine Beziehungsarbeit mehr geleistet, da ich ja sowieso weggehe.

Werde mir Nachdenkpause gönnen.

Schwechat war nun lange Jahre ihre berufliche Heimat. Wird man Sie noch hie und da antreffen?
Hoflehner: Ich denke schon.
 
Wie geht es mit Ihnen persönlich weiter?
Hoflehner: Ich bin jetzt drauf und dran mich zu erholen und Kraft zu sammeln. Innerlich bin ich ziemlich erschöpft und fühle mich abgekämpft. Ich werde mir mindestens ein halbes Jahr eine Nachdenkpause gönnen, ich dem ich auch Sachen nachholen werde, die ich versäumt habe. Etwas reisen oder mein ganzes Sozialsystem, welches doch sehr stark in Wien verortet ist, zu pflegen. Ich habe auch viele Ideen und es gibt Angebote, die überlegenswert sind. Ich hoffe aber, dass sich gar nicht so schnell etwas tolles auftut. Ich ein bisschen Zeit für mich finden, die ich seit meiner Studienzeit eigentlich nie hatte. Denn ich hatte immer ein Doppelleben mit Studium und Beruf. Das war aber einfach meine Arbeitswut und -lust, die ich hatte.
 
Wie zufrieden sind Sie mit dem, was Sie in Schwechat geschaffen haben?
Hoflehner: Das Erreichte ist bis über die Grenzen hinweg, in der Theaterwelt auf Anklang gestoßen. So ist etwa zu meinem Abschied in der wichtigsten Zeitschrift der Theaterwelt, der „Theater der Zeit“, ein Artikel erschienen. Darüber habe ich mich sehr gefreut.
 
Würden Sie sagen, dass das Theater Forum ein imagetechnischer Lichtblick ist?
Hoflehner: Natürlich erhoffe ich mir das und bekomme das teilweise mit. Etwa wenn man es vom Publikum hört. Wir haben das auch messen lassen. Alleine das Printausmaß, sprich wie viel über uns berichtet wurde, da ist ein Werbewert rausgekommen, der in etwa dem Dreifachen der Subvention der Stadt Schwechat entspricht. Wir reden hier von etwa 6.000 bis 8.000 Euro, und da kommt dann noch Radio oder Internet dazu. Wir haben sicher viel zum positiven Image beigetragen. Ich bin systemisch ausgebildet und arbeite auch so. Meine erste Frage lautet also immer, ob wir etwas für das Publikum und die Stadt positiv entwickeln können und nicht nur isoliert für das Theater.

Theater Forum ist mein „Kind“.

Einrichtungen wie das Theater Forum zielen in erster Linie auf das örtliche Publikum ab.
Hoflehner: Wir haben es zwar die letzten Jahre aus Kapazitätsgründen nicht mehr gemessen. Es war aber schon so, dass wir zwischen 45 und 50 Prozent Publikum aus Schwechat haben. Dazu 30 Prozent aus Wien und 20 bis 25 Prozent aus der Region. Wir sind hauptsächlich von Stadt Schwechat und Land NÖ finanziert und ich sehe das Theater als lokaler Kulturversorger.
 
Wie haben sich die Publikumszahlen verändert?
Hoflehner: Ich habe das Haus vor 16 Jahren als Haus mit kleinem Publikumskreis übernommen. Anfangs sind maximal 3.000 Leute gekommen, das stärkste Jahr waren 11.000 Besucher. Ich betrachte das Theater Forum schon als mein „Kind“, deshalb ist es mir auch ein Anliegen, dass es gut weitergeht.
 
Was wünschen oder raten Sie ihren Nachfolgern?
Hoflehner: Ich will gar nicht so viel raten. Ich kann beiden nur wünschen, dass sie zusammen mehr als nur die beiden Personen sind, die sie sind. Dass die Synergie der Zusammenarbeit einen neuen Drive gibt und neue Möglichkeiten entstehen, die ich alleine nicht schaffen konnte.