Erstellt am 16. Mai 2017, 01:53

von Christian Eplinger

Sonderschul-Diskussion: „Jedem Kind seine Chance geben“. Schulleiter, Lehrer- und Elternvertreter sowie Politiker geben ASO-Abschaffungsplänen der Ministerin einen Korb.

Ein klares und breites Nein zu den im Zuge der Bildungsreform von Ministerin Sonja Hammerschmid ebenfalls diskutierten Abschaffungsplänen der eigenen Sonderschulen bis 2020 kommt aus dem Ötscherland. Hier plädiert man für die Wahlfreiheit der Eltern.

Aktuell besuchen im Scheibbser Bezirk 33 Kinder die Allgemeine Sonderschule in Scheibbs, weitere sechs Kinder eine an die Schule in Gresten angeschlossene ASO-Klasse und 36 Kinder die Sonderschule in Rogatsboden. Parallel dazu werden knapp 80 Kinder im Bezirk integrativ mit Stütz- und Begleitlehrern unterrichtet. Für diese Begleitlehrer müssen allerdings derzeit die Gemeinden die Ressourcen zur Verfügung stellen.

„Wir haben bei uns im Bezirk ein gemischtes System, das bestmögliche Chancen für die Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf oder erhöhten Förderbedarf für ihren bestmöglichen Einstieg ins spätere Leben bieten kann. Das lassen wir uns sicher nicht zerstören“, betont ÖVP-Landtagsabgeordneter Anton Erber, der zu diesem Thema am Freitag eine Pressekonferenz mit Schulleitern, Lehrer- und Elternvertretern und Kommunalpolitiker einberufen hatte.

Dass es auch in Niederösterreich Handlungsbedarf gibt – Niederösterreich hat drei Mal so viele Sonderschul-Standorte als Oberösterreich – sieht Renate Lengauer, die Leiterin der ASO und des Zentrums für Inklusiv- und Sonderpädagogik Scheibbs, schon. Allerdings nicht im Scheibbser Bezirk.

Scheibbser Bezirk ist bereits „Modellregion“

Denn dieser sei schon einen Schritt weiter als viele andere Regionen. „Wir sind mit unserer Aufteilung im Bezirk praktisch eine Modellregion. Es muss sowohl als auch geben. Denn es gibt gelungene Inklusion durch integrativen Unterricht, aber für manche Kinder ist das zu wenig“, weiß Lengauer.

„Eine normale Klasse war unvorstellbar“

Das bestätigte auch der Wanger Bürgermeister Franz Sonnleitner, selbst betroffener Elternteil. „Unser heute 19-jähriger Sohn Michael wurde als gesunder Zwilling geboren, hatte aber zehn Tage nach seiner Geburt eine Gehirnschwellung und wurde so schwerst behindert. Nach fünfeinhalb Schuljahren in der damals noch geführten ASO-Klasse in Steinakirchen wechselten wir in die Sonderschule Rogatsboden, wo Michael richtig aufblühte. In einer normalen Integrationsklasse wäre er auf der Strecke geblieben. So ist er mittlerweile in eine Lebenshilfe-Werkstätte übernommen worden und hat sich bestmöglich entwickelt“, berichtete Sonnleitner. Auch der aktuelle Elternvereinsobmann der Sonderschule Rogatsboden, Helmut Wallner, weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig diese Wahlfreiheit für die Eltern ist: „Unsere Kinder haben keine Lobby, aber in Einrichtungen wie in Rogatsboden die bestmögliche Förderung und Betreuung.“

„Es gibt einfach Kinder, die besondere Förderungen, Therapien und Betreuung brauchen. Da geht es nicht um Verhaltensauffälligkeiten, sondern um echte sonderpädagogische Intensivbetreuung. Die kann es nur in einigen eigenen Schulen in konzentrierter Form geben. Das ist ähnlich wie im Spitalswesen“, ist Franz Winter, Direktor der Sonderschule Rogatsboden, überzeugt.

Eine Lanze für die Allgemeinen Sonderschulen bricht auch Pflichtschullehrer-Gewerkschafter Martin Traxler: „Dieses besondere Förderungs-Angebot ist wichtig. Daher sollen auch in Zukunft beide Formen – integrativer Unterricht und die eigene Sonderschule – existieren.“

Das generell mehr Ressourcen für besonderen Förderbedarf ausgeschüttet gehören, dafür plädieren die Bürgermeister Christine Dünwald, Waltraud Stöckl und Martin Ploderer. Denn finanziell sei es oft eine Gratwanderung für die Gemeinden. „Keiner von uns will einer Mutter oder einem Vater absagen müssen wegen der Kosten einer Stützkraft. Aber hier wälzen Bund und Länder erneut Kosten auf die Gemeinden ab. Das kann nicht das Ziel sein. Denn das einzige Ziel, das zählen darf, sind die bestmöglichen Entwicklungschancen für alle Menschen. Und bei fehlenden Ressourcen leiden alle Seiten“, sind sich die drei Bürgermeister einig.

 

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