Erstellt am 14. Oktober 2015, 05:02

von Karin Maria Heigl

Endstation Sehnsucht. Ein Schicksal / In Wieselburg bekommen Flüchtlinge eine warme Mahlzeit und einen sicheren Ort zum Schlafen. Am Ziel sind sie noch nicht: Noura (30) will zu ihren Eltern in die Niederlande.

Die 30-jährige Noura und ihr 38-jähriger Bruder Shukri (links im Bild) haben die syrische Stadt Aleppo vor zwei Monaten verlassen. Sie hatten dort keinen Strom und kein fließendes Wasser mehr. Auf der Flucht aus dem Kriegsgebiet haben sie sich mit dem 21-jährigen Iman aus Damaskus angefreundet, der so wie sie, zu seinen Eltern in die Niederlande will.  |  NOEN, Karin Maria Heigl

Am Dienstagabend um zirka 21.30 Uhr treffen wieder zwei Busse mit Flüchtlingen in Wieselburg ein. Die meisten von ihnen sind erschöpft und hungrig. Dank der großartigen Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationen (Rotes Kreuz, Caritas und Bundesheer) bekommen die 108 Asylsuchenden innerhalb kürzester Zeit eine erste Versorgung, einen Platz zum Schlafen und eine warme Mahlzeit.

Die Nacht verläuft ohne Zwischenfälle, viele schlafen nur einige Stunden. Beim Frühstück am nächsten Morgen kommen die Flüchtlinge mit vielen Fragen zu den freiwilligen Helfern. Schnell wird klar, dass die Menschen, die nur für eine Nacht in Wieselburg sind, schon viel erlebt haben. Hinter jedem Gesicht steht eine ganz persönliche Geschichte.

So wie bei der 30-jährigen Noura und ihrem älteren Bruder Shukri. Die beiden sind seit fast zwei Monaten auf der Flucht. In ihrer Heimatstadt Aleppo (Syrien) zeigt sich der Krieg von einer bitteren Seite. „Es kümmert niemanden, dass da Menschen leben“, erzählt die junge Christin. Tag und Nacht wird bombardiert. „Man kann nur im Haus sitzen und hoffen, dass keine Bombe einschlägt“, sagt sie. Ein normales Leben und ein normaler Alltag mit Arbeit und Schule sind dort schon längst nicht mehr möglich.

15 Länder in wenigen Wochen passiert 

Noura war als Sekretärin in einer Schule beschäftigt, sie spricht sehr gut Englisch und berichtet, dass rund um ihren Arbeitsplatz Panzer positioniert waren und die Schule vor zwei Jahren aus Sicherheitsgründen geschlossen wurde. Ihre Eltern sind zu dieser Zeit aus Syrien weggegangen und über sehr gefährliche Fluchtwege auf Booten nach Europa gekommen. Sie leben seither in den Niederlanden, wo mittlerweile auch ihre beiden Schwestern um Asyl angesucht haben.

Noura und ihr Bruder Shukri haben in den vergangenen Wochen fünfzehn verschiedene Länder passiert. „Es war eine sehr harte Reise, weil wir nicht immer so gut behandelt wurden wie hier in Österreich. So sauber wie in diesem Camp war es überhaupt noch nirgends. Ich habe drei Tage lang kein Wasser mehr getrunken, weil es keine Toiletten gab. Aber ich muss sagen, dass wir in Kroatien und Ungarn trotzdem noch Glück hatten. Wir sind dort gut behandelt worden –auch wenn es nicht so schön war wie hier“, erzählt die junge Syrerin und lächelt dabei.

Die Gastfreundschaft, der sie hier in Österreich begegnet, weiß sie ganz besonders zu schätzen: „Wir hatten es nicht immer so gut. In Serbien und Mazedonien wurden Speisen nur vor laufenden Kameras der Presse ausgegeben. Kaum waren die Journalisten weg, hieß es, es gäbe nichts zu essen.“ Noura erzählt diese Episoden, weil sie nach ihren Eindrücken gefragt wird. Und weil sie verdeutlichen will, wie dankbar sie ist, dass sie und die vielen anderen Flüchtlinge in Wieselburg so gut umsorgt werden.

„So gut wie hier ging es uns nirgends. 
In Serbien gab es nur vor laufenden Kameras
etwas zu essen.“
Die 30-jährige Noura erzählt Erlebnisse ihrer Flucht.

Trotzdem macht sie sich viele Gedanken, Sorgen quälen sie und über allem steht die Frage, ob sie und ihr Bruder bis zu den Eltern nach Holland kommen werden. „Ich bin optimistisch, aber er hat sehr viel Angst“, sagt Noura und zeigt auf den 21-jährigen Imad. Ihn haben die Geschwister Noura und Shukri auf dem Weg hierher kennengelernt. Die Eltern von Imad sind ebenfalls in den Niederlanden und die Sehnsucht, sie wieder zu sehen treibt dem Burschen Tränen in die Augen: „Mein Vater ist ein sehr alter Mann. Er braucht mich“.

Die drei jungen Leute überlegen kurz, ob sie auf eigene Faust mit dem Zug weiterreisen sollen, entscheiden sich dann aber doch dafür, mit dem Flüchtlingsbus weiterzufahren. Noura zeigt sich auch beim Abschied optimistisch: „Wir haben es durch fünfzehn Länder geschafft und das nehme ich als gutes Omen. Meine Sehnsucht nach meiner Familie ist groß und ich bete jeden Tag, dass wir uns bald wiedersehen.“