Erstellt am 19. November 2015, 05:33

von Christian Eplinger

Home sweet Home: Bei den Scharners zu Besuch. Mittlere Wöglerin 12. So lautet die neue Adresse von einem der bisher international erfolgreichsten österreichischen Fußballer.

Eines der eher seltenen Familienfotos der Scharners, von links: Paul und Marlene mit dem eineinhalbjährigen, in Deutschland geborenen Timotheus (»Timi«), dem zwölfjährigen Constantin (dem einzigen in Österreich geborenen Scharner-Nachwuchs), dem zehnjährigen Benedict (in Norwegen geboren) und dem siebenjährigen Paul Pius, der in England zur Welt kam.  |  NOEN, Raimund Bauer
Am 22. August 2014 ist Paul Scharner mit seiner Familie in das neu errichtete Haus in der Gemeinde Wienerwald eingezogen. 6.000 Quadratmeter Grünfläche umgibt das auf einem Sonnenhang in 480 Meter Seehöhe liegende Haus.

Ein schlichtes Einfamilienhaus im Tiroler Holzbaustil nach Plänen des Purgstallers Walter Brandhofer, keine hypermoderne Villa. Auch steht kein Ferrari in der Einfahrt, sondern ein Renault-Family-Van. „Alles andere würde nicht zu uns passen“, verrät der 40-fache Teamspieler, der mit der Austria österreichischer Meister und Cupsieger wurde, mit Bran Bergen den norwegischen Cup holte, 221 Meisterschaftsspiele in der englischen Premier League spielte und als bisher einziger Österreicher 2013 mit Wigan Athletic den englischen FA-Cup gewann. Am 1. September 2013 hat er seine aktive Kickerlaufbahn in Hamburg bei HSV beendet.

Paul Scharner könnte sich Luxus leisten, tut es aber nicht. „Bodenhaftung war mir immer sehr wichtig. Der Luxus, den ich mir leiste, ist, dass ich mir jetzt seit dem Ende meiner Karriere Zeit für meine Familie und den Hausbau genommen habe. Ich hatte das erste Jahr gar nichts mit Fußball zu tun. Es ist wunderbar, wie bewusst ich das Heranwachsen von Timi erlebe und wie viel Zeit ich mit meinen anderen Buben verbringen kann. Wir genießen das Familienleben jetzt ganz bewusst. Die Familie steht für uns ganz stark im Mittelpunkt“, sagt der 35-Jährige.

„Wichtig war uns Nähe zu Wien oder Salzburg“

Dass die Scharners nach zehn Jahren Wanderschaft, die sie von Purgstall nach Wien, Salzburg, Norwegen, England und schließlich Hamburg gebracht hat, hier im Wienerwald in einer ganz kleinen Ortschaft sesshaft geworden sind, ist ein Zufall. Sowohl für Marlene als auch Paul Scharner stand allerdings fest, dass sie sich bei der Rückkehr nach Österreich irgendwo in Stadtnähe und nicht unmittelbar in ihrer Heimatgemeinde Purgstall ansiedeln würden.

„Es war nur kurz ein Thema, aber wir sind durch die letzten Jahre die Stadtnähe gewohnt. Daher kam für uns eigentlich nur die Umgebung von Salzburg oder Wien in Frage. Außerdem bekommt man durch die Wanderjahre eine andere Einstellung. Da ist nicht so wichtig, wo dein Haus steht, solange du dich richtig darauf einstellst und bereit bist, dich hier einzuleben. Das hat etwa in Hamburg perfekt gepasst und hier jetzt auch“, erzählt Marlene Scharner. Seit elf Jahren ist die 35-jährige Kulhanek-Tochter mit Paul verheiratet.
Die Entscheidung für den Wienerwald traf Paul im Rahmen eines Länderspiels in Wien. „Wir hatten einen Nachmittag frei.

x  |  NOEN, Raimund Bauer


Ich habe diese Announce gelesen, bin hierher gefahren, habe mich auf eine alte Bank gesetzt, den Blick in die Ferne schweifen lassen und die herbstlichen Sonnenstrahlen genossen. Da wusste ich, das wird unser Baugrund“, erzählt Paul Scharner, der beim Hausbau selbst fleißig Hand angelegt hat. „Der wichtigste Mann war aber mein Vater. Der war unser Polier vor Ort“, ist Paul seinem Vater Josef sehr dankbar.

Nur 17 Kilometer von Wöglerin entfernt ist die 20.000 Einwohner-Stadt Mödling. Die beiden älteren Söhne Constantin (12) und Benedict (10) gehen dort in die Sportmittelschule. Paul Pius (7) besucht die Volksschule in Sittendorf. Alle drei kicken in den Nachwuchsteams des SV Wienerwald (Gebietsliga Süd/Südost). Paul Scharner ist dort bei der U9 und U14 Nachwuchstrainer. Der eineinhalbjährige Timotheus – alle vier sind übrigens in verschiedenen Ländern zur Welt gekommen – ist noch zu Hause bei Mama Marlene.

Und was schwebt dem Papa für seine berufliche Zukunft vor Augen? „Ich will gemeinsam mit Partnern ein gesamtheitliches Betreuungsmodell für Fußballer anbieten. Aber anders als bei normalen Spielermanagern sollen bei mir der Mensch und die Entwicklung seiner eigenen Persönlichkeit und Werte im Vordergrund stehen“, erklärt Scharner.

„Könnte es mir leisten, mich auf die faule
Haut zu legen. Nur das passt nicht zu mir.“
Paul Scharner

Maximal elf Spieler und sechs „Ersatzspieler“ will Scharner in seinen „Kader“ aufnehmen. „Mehr geht nicht, sonst kann man sich dem Einzelnen nicht richtig widmen“, sagt Scharner, der bei dieser Betreuung natürlich seine eigenen Erfahrungen von 17 Jahren Profifußball einbringen will. Erfahrungen, die er in den letzten beiden Jahren gemeinsam mit Co-Autor Lars Dobbertin auch in einem Buch aufgearbeitet hat. „Paul Scharner: Position Querdenker – Wie viel Charakter verträgt eine Fußballkarriere“ nennt sich das Mitte August erschienene Werk, das kommenden Donnerstag im Purgstaller Ramsauhof seine Österreich-Präsentation feiern wird.

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Auch am Fernsehbildschirm wird Paul Scharner bald wieder zu sehen sein. Am 23. November wird seine Sendung „Paul Scharner trifft“ erstmals im Rahmen von Sport & Talk aus dem Hangar-7 bei ServusTV ausgestrahlt werden. Scharner besucht österreichische Legionäre bei ihren Klubs in England. Den Beginn macht Johnny Ertl, der seit acht Jahren auf der Insel kickt und von den Fans von Portsmouth im September sogar in den Vereinsvorstand gewählt wurde.

„Es war irgendwie ein witziges Gefühl, wieder auf die Insel zurückzukehren und Orte zu besuchen, an denen ich selbst gespielt habe. Aber diese Gespräche haben mir sehr viel Spaß gemacht. Ich glaube, die Sendungen werden gut ankommen“, freut sich Scharner schon auf weitere Drehs in England.

Buchpräsentation

„Paul Scharner: Position Querdenker – Wie viel Charakter verträgt eine Fußballkarriere?“ von Lars Dobbertin, erschienen im Delius Klasing-Verlag. Mitte August präsentierte Paul Scharner sein Buch in Hambug, jetzt am Donnerstag, 19. November, findet im Ramsauhof in Purgstall die Österreich-Präsentation statt (19 Uhr). Neben Paul Scharner und Co-Autor Lars Dobbertin werden auch Marlene Scharner und Pauls Onkel Gerhard Plank Kapitel aus dem Buch lesen. Für die Moderation konnte Paul Scharner Ö3-Mikromann Tom Walek gewinnen. Der Eintritt ist frei. Anmeldung erbeten: ( 07489/2864 oder p.scharner@me.com