Erstellt am 05. November 2015, 05:02

von Christian Eplinger

Nach zwölf Jahren wieder zurück an den Start. Eine Operation der damals zwölfjährigen Tochter Susanne im Jahr 1999 hat das Leben der Familie Zach für immer entscheidend verändert.

 |  NOEN, Eplinger

Statt sich an Familienglück und vielleicht sogar Enkelkindern zu erfreuen, sitzt Franz Zach in seinem schönen Einfamilienhaus in Steinakirchen und ist fast am Ende seiner Kräfte. Seit nunmehr zwölf Jahren führt er einen unglaublichen juristischen Kampf gegen das Landeskrankenhaus Graz beziehungsweise die steirische Krankenanstaltengesellschaft (KAGes).

Die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz ist jener Ort, an dem seine heute 29-jährige Tochter Susanne in den Jahren 1999 und 2000 mehrmals operiert worden ist. Damals als zwölfjähriger, quicklebendiger Teenager, der gerne „Weust a Herz hast, wie a Bergwerk“ von Reinhard Fendrich gehört hat. Fast sarkastisch aus heutiger Sicht.

Stand doch eine Herzoperation am Beginn des langen Leidensweges von Susanne Zach und ihrer Familie. Denn nach „mehreren Behandlungsfehlern“, wie es Zachs Privatgutachter sehen, oder einer „Verkettung unglücklicher Umstände nach einer Infektion“ wie es die Grazer Spitalsärzte sehen, ist Susanne Zach schwer behindert – trotz zig Therapien und Nachoperationen im Wiener AKH und in Deutschland.

Vor drei Wochen, am 13. Oktober, feierte Susanne Zach ihren 29. Geburtstag, in ihrem Kopf ist sie aber eine Zwölfjährige geblieben. Ihr linkes Bein ist steif, ihre Hand kann nicht greifen. Sie ist kaum aufnahmefähig, hört schlecht, ihre Augen sind halb blind. Ein Temperaturempfinden fehlt ihr. Wenn es kalt ist, zittert ihr Körper, aber sie merkt es nicht.

„Susi braucht Betreuung rund um die Uhr“

„Nach den ersten Operationen war Susi zuerst ganz, dann halbseitig gelähmt. Sie war auch lange im Wachkoma. Aus dem Rollstuhl ist sie mittlerweile draußen. Sie hat die Sonderschule absolviert und besucht nun die Lebenshilfe in Merken-stetten. Aber ohne 24-Stunden-Pflege ist ein Leben für Susi nicht mehr vorstellbar“, schildert Franz Zach.

Der steirische Zahnarzt ist mit seiner Familie – Susanne hat noch zwei kleinere Geschwister im Alter von elf und zehn Jahren – 2002 aus Leibnitz nach Steinakirchen übersiedelt und hat hier eine freie Kassenstelle als Zahnarzt angenommen.

Seit heuer im Sommer lebt Franz Zach alleine mit seiner Tochter und deren 24-Stunden-Pflegekraft in seinem Einfamilienhaus in Steinakirchen. Seine Frau Gabriele hat die nervliche Belastung nicht mehr verkraftet und ist mit den beiden jüngeren Kindern wieder in die Steiermark gezogen. „Nicht nur wegen Susi und den vielen Belastungen im Alltag, sondern vor allem auch wegen mir und meinem verbissenen Kampf gegen die Mühlen der Justiz. Aber ich kämpfe um eine gesicherte Zukunft unserer Tochter“, sagt Franz Zach im NÖN-Gespräch.

Seit Dezember 2003 wird verhandelt, kein Urteil

Den Glauben an den österreichischen Rechtsstaat hat er mittlerweile allerdings verloren. Seit 2003 zieht sich das Zivilrechtsverfahren – eines der längsten in Österreichs Justizgeschichte. Und bisher gibt es noch immer kein einziges Urteil. Denn auch das im Vorjahr vom Landesgericht Graz gefällte Teilurteil wurde mittlerweile vom Oberlandesgericht schon wieder aufgehoben.

Somit heißt es am 3. Dezember für Franz Zach zurück an den Start. Dann beginnt in Graz die Neuaufnahme des Prozesses. Wahrscheinlich auch wieder mit einem neuen Richter. Dem mittlerweile Fünften. Der erste gab den Akt auf, weil er neue Aufgaben bekam, die zweite Richterin wurde ans Oberlandesgericht berufen, der dritte wurde auf Drängen von Zachs Anwälten abberufen.

Vier Jahre lang hatte dieser den Prozess verhandelt, ehe im Dezember 2009 das Oberlandesgericht Graz überraschend entschieden hatte, der Zivilrichter hätte sich als befangen erklären müssen. Denn mit der beklagten Partei, der KAGes, hat der Herr Rat öfter zu tun in seinem bezahlten Nebenjob bei der ärztlichen Schiedskommission.

x  |  NOEN, privat
Eine der vielen Optiken, die in diesem Fall „nicht schön sind“, wie selbst Ulrich Leitner, Vizepräsident des Oberlandesgerichtes Graz, gegenüber dem Kurier bereits zugegeben hatte. Denn schon die einstige Untersuchungsrichterin im Strafjustizverfahren war die Tochter eines berühmten ehemaligen Grazer Klinikarztes und der Gutachter zur Erstbeurteilung des Falles ist am LKH Graz als Herzspezialist tätig. Auch wurde nur ein Grazer Gerichtsmediziner um eine Expertise gebeten und keine zweite Meinung von außen eingeholt. Die Staatsanwaltschaft Graz stellte daraufhin ihre Ermittlungen wegen Verdachts eines Kunstfehlers ein.

Und als Draufgabe hat die KAGes Ultraschallbilder von 1999 und 2000 trotz Gerichtsauftrages erst 2012 ausgehändigt – und auch das nur außerprozessual. In dem daraufhin von der Universitätsklinik München im Auftrag von Franz Zach erstellten Privatgutachten heißt es: 

„Es kann als gesichert gelten, dass bei sachgerechter Bewertung der echokardiographischen Bildgebung bereits am 28.10.1999 (...) die Diagnose einer Prothesenendokarditis hätte gestellt werden müssen, und bei daraus sachgerecht abgeleiteten Therapiemaßnahmen (...) die schweren septischen Komplikationen der Patientin mit Ausriss der Aortenwurzel, septischen Embolien, septischer Entgleisung der Gerinnung und schließlich Hirnmasseblutung, nicht aufgetreten wären.“ 2014 hatte die Richterin diese Gutachten allerdings zurückgewiesen, weil es zu spät eingebracht worden sei. Jetzt hofft Zach, dass das Gutachten bei der Neuaufrollung des Falles zugelassen wird.

Fast am Ende der Kräfte, psychisch und finanziell

„Es ist schon alles sehr kompliziert und ich bin auch schön langsam am Ende meiner psychischen und finanziellen Kräfte“, schildert Franz Zach, der schon um die 200.000 Euro an Anwalts- und Privatgutachterkosten in den Fall gesteckt hat. Dazu kommen weitere rund 200.000 für Therapien und Untersuchungen von Susanne Zach – die behindertengerechten Einbauten im Haus in Steinakirchen nicht berücksichtigt.

Hätte er das seinerzeit angebotene Vergleichsangebot der KAGes annehmen sollen? 400.000 Euro und dazu monatlich 2.000 Euro plus Therapie hatte die KAGes angeboten. Im Gegenzug sollte Zach die Klage zurückziehen und für immer darüber schweigen. „Das hört sich im ersten Moment gut an, aber Susi braucht für eine ganztägige Betreuung mindestens drei Kräfte.

Da ist das Geld schnell aufgebracht. Und wer weiß, wie lange der Pflegeregress hält? Heute ändert sich in der Politik sehr vieles sehr schnell. Ich muss an eine Zukunft von Susi denken, wenn wir nicht mehr da sind“, betont Zach und will jetzt öffentlichen Druck erzeugen. In den nächsten Wochen möchte er die Blogseite www.behandlungsfehler.cc eröffnen. „Ich will einfach Interessierte informieren, was so eigentlich nicht zu glauben ist“, sagt Franz Zach.


Die Chronologie

Am 23. März 1999 wurde die damals zwölfjährige Susanne Zach im Landeskrankenhaus Graz aufgrund eines angeborenen Turner-Syndroms mit Aortenwanderkrankung operiert. Sie bekam dabei auch eine Herzklappenprothese eingesetzt. In der Folge kam es an diesem Implantant zu einer bakteriellen Infektion.

Ab November 1999 musste Susanne Zach mehrmals an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde des Landeskrankenhauses Graz behandelt werden.

Am 30. Jänner 2000 kam es zu einer Überdosierung mit Blutverdünnern. Einblutungen in Niere und Darm wurden ausgelöst. Bereits im Vorfeld soll es laut Privatgutachten der Universitätsklinik München zu einem kompletten Ausriss der Aortenwurzel kommen sein, der vom Klinikum Graz nicht behandelt wurde.

Schließlich erlitt Susanne Zach am 2. Februar 2000 eine Hirnmassenblutung mit Dauerfolgen. Susanne Zach war zuerst ganz, dann halbseitig gelähmt, lag mehrere Wochen im Wachkoma auf der Intensivstation. Erst im Juli 2000 konnte sie das Spital in Graz verlassen. Ihr Vater Franz Zach brachte sie persönlich ins Wiener AKH, wo sie notoperiert wurde. Dass Susanne Zach heute noch lebt, beschrieben die Ärzte nach dieser Operation als Wunder.

Am 30. Dezember 2003, dem letzten Tag vor der Verjährung, brachte Franz Zach eine Zivilrechtsklage gegen das Landeskrankenhaus Graz beim Landesgericht Graz ein. Seitdem läuft das Verfahren. Am 23. Dezember 2014 fällte das Landesgericht für Zivilrechtssachen Graz ein Teilurteil, das am 14. Juli 2015 vom Oberlandesgericht Graz aufgehoben wurde, da „das Vorgehen des Erstgerichtes nicht nur verfahrensrechtlich unökonomisch, sondern im Sinne der dargestellten Judikatur auch unzulässig war“ (aus dem Urteilspruch). Am 3. Dezember 2015 startet der neue Prozess am Landesgericht Graz.