Gaming

Erstellt am 01. Oktober 2016, 05:00

von Wolfgang Zarl

Franz Sieder: Ein Anwalt der Menschen . Arbeiterpriester Franz Sieder geht in Pension. Verteilungsgerechtigkeit und Frieden waren Zeit seines Berufslebens wichtige Anliegen des streitbaren Priesters.

Bei der Pensionsfeier für Franz Sieder, 1. Reihe (hockend): Max Bramberger (Betriebsseelsorge Amstetten), Christine Weninger (KAB), Bruno Ertl (KAB), Karl Ebner (St. Stephan), Erwin Burghofer; 2. Reihe (stehend): Maria Ertl, Hermann Gleich (ÖGB), Pfarrer Peter Bösendorfer, Weihbischof Anton Leichtfried, Johann Grabenschweiger (St. Stephan), die SP-Gemeinderätinnen Margit Huber und Regina Öllinger, Gerhard Mallek, Franz Sieder, Helmut Novak (ÖGB), Nationalrätin Ulrike Königsberger-Ludwig, Walter Schwandl (FSG), Christian Pichler (ÖGB) und Gisela Zipfinger (Betriebsrätin der Firma Initial).  |  NOEN, Wolfgang Zarl

„Franz Sieder ist Kaplan und Anwalt für die Würde jedes Menschen“, betonte der St. Pöltner Weihbischof Anton Leichtfried anlässlich der Pensionierungsfeier des 77-jährigen Betriebsseelsorgers aus Amstetten. „

„Wichtiger Türöffner und Brückenbauer“

Die Diözese St. Pölten kann dankbar und stolz auf einen Priester sein, der sich so tatkräftig für die Anliegen, Sorgen und Nöte der Arbeiterschaft einsetzt“. Sieder sei, so Leichtfried, gerade dort unterwegs, wo die Kirche sonst wenig präsent sei und somit ein „wichtiger Türöffner und Brückenbauer“.

Unverwechselbar: Franz Sieder mit seiner roten Vespa.  |  Zarl

Bei einem Festakt in Gaming wurde Sieder in den Ruhestand verabschiedet, 40 Jahre übte er die Funktion als Betriebsseelsorger aus. Arbeiterkammerpräsident Markus Wieser hob vor allem den Einsatz Sieders in den Fragen von Verteilung und Gerechtigkeit hervor.

Auch viele weitere Bekannte und Wegbegleiter aus Kirche und Gewerkschaft würdigten den „roten Kaplan“, der sein Leben ganz in den Dienst der „Verkündung des Evangeliums in der Arbeitswelt“ gestellt hat. Sieder gilt als großer Aussöhner zwischen Arbeitswelt, Sozialdemokratie und Kirche. Frieden ist ihm weltweit gesehen ein zentrales Anliegen und dies bringt er jährlich auch in seinen Predigten bei den Friedensgottesdiensten im Wiener Stephansdom zum Ausdruck.

Inspiriert und fasziniert haben den Amstettner Geistlichen in seiner Jugend die französischen Arbeiterpriester, von denen es zeitweise über 1.000 gegeben hat. „Sie wollten die Botschaft des Evangeliums nicht durch Worte, sondern durch Handeln zu den Arbeitern bringen. Arbeiterpriester müssen glaubwürdig sein“, sagt Sieder. Gerade deshalb arbeitete er auch selbst in vielen Betrieben mit, um die Lebenswirklichkeit der Beschäftigten kennenzulernen: in einer Wäscherei, bei den Böhlerwerken und in einem großen Hendl-Betrieb. Sieder wünscht sich, dass die Anliegen der Arbeitswelt noch stärker in der Pastoral berücksichtigt werden. Der Einsatz für Gerechtigkeit ist für ihn da das zentrale Element. Mit Papst Franziskus hat Sieder „eine große Freude, weil er genau das lebt und dazu aufruft, an die Ränder der Gesellschaft hinauszugehen.“

Lange weiße Haare und eine rote Vespa

Franz Sieder gilt im Mostviertel und darüber hinaus schon ein wenig als lebende Legende – nicht zuletzt ob seines markanten Erscheinungsbildes: lange weiße Haare und eine rote Vespa. Sieder ist kompromisslos für die Armen und Unterdrückten da, gilt in politischen Fragen als streitbar und ist wahrscheinlich einer der letzten wirklichen Arbeiterpriester. Berühmt sind seine handgeschriebenen Plakate, die er immer wieder am Amstettner Bahnhof platziert und auf denen er Missstände gnadenlos anprangert. Viele Passanten lesen die sozialkritischen Botschaften dort.

Ein großes Publikum erreichte Sieder auch immer wieder mit seinen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen sowie ethischen Veranstaltungen. Der 77-Jährige hielt unzählige Predigten und Reden zu sozialer Gerechtigkeit aus Sicht des christlichen Glaubens. Einige davon sind in den zwei Büchern „Gegen den Strom“ gesammelt. Im Mostviertel ist der Geistliche auch durch sein Wirken als „Aushilfspriester“ für Gottesdienste bekannt.