Scheibbs

Update am 23. September 2016, 10:02

von Christian Eplinger

Das Outing: Aus Klaus wurde Klaudia. Jahrzehntelang unterdrückte er seine Empfindungen und führte dennoch ein glückliches Familienleben. Jetzt kam das Outing: Ich lebe als Frau.

Klaudia Watzinger  |  Christian Eplinger

Klaus Watzinger war und ist ein Mensch, der in der Öffentlichkeit steht. Seit März 2001 ist er Kaufmännischer Direktor im Landesklinikum Scheibbs. Auch seinen privaten Lebensmittelpunkt hat der 47-jährige gebürtige Oberösterreicher und zweifache Familienvater schon damals nach Scheibbs verlegt. Doch seit wenigen Tagen ist Klaus Watzinger Geschichte. Denn aus Klaus wurde Klaudia. Ein mutiger Schritt, nach einem langen und alles andere als einfachen Weg.

In der Vorwoche empfing Klaudia Watzinger NÖN-Redakteur Christian Eplinger in ihrem Büro im LK Scheibbs zum Exklusiv-Interview – passend in Damenkleidung und entsprechend geschminkt –, um über ihre Unsicherheit und Ungewissheit, die lange unterdrückten Empfindungen, ein dennoch erfülltes Leben und das große Outing sowie dessen Folgen zu erzählen.

NÖN: Sie sind vor wenigen Tagen mit ihrem Outing in die Öffentlichkeit gegangen, haben neben Ihren Freunden auch die Belegschaft des Landesklinikums informiert. Jetzt gehen Sie noch einen Schritt weiter. Warum?
Klaudia Watzinger: Mit diesem sehr persönlichen Thema auch in den Medien öffentlich aufzutreten, konnte ich mir eigentlich anfangs überhaupt nicht vorstellen. Ich habe mich aber letztendlich anders entschieden, weil ich Nutznießer der Vorreiter war und bin, die Mut genug dazu gehabt haben und damit in früheren noch viel schwierigeren Zeiten den Boden für sehr viel Toleranz in der Öffentlichkeit geebnet haben. Daher möchte auch ich einen kleinen Beitrag leisten, gerade für Menschen, die jetzt oder in Zukunft ähnliche, sehr schwierige Zeiten durchmachen und ihnen damit helfen, den für sie richtigen Schritt zu wagen. Es kann und muss auch noch sehr viel für Toleranz, Akzeptanz und Gleichberechtigung in unserem Land passieren, was sich in vieler Hinsicht sehr positiv auswirken würde.

Wie wurde Ihr Outing von Ihrem unmittelbaren Umfeld und von Ihren Kollegen und Mitarbeitern aufgenommen?
Klaudia Watzinger: Ich habe damit gerechnet, dass der Großteil meiner Familie und Freunde weiterhin zu mir halten wird und ich hatte keinesfalls Bedenken wegen meiner Arbeit. Aber ich war dann doch sehr überrascht, als es so viele extrem positive Rückmeldungen gab. Es haben mich viele Bekannte angesprochen oder mir geschrieben, wie mutig sie diesen Schritt halten, mich unterstützen und mir alles Gute wünschen.

War letztendlich viel Mut für diesen Schritt nötig?
Klaudia Watzinger: In den letzten Monaten war eigentlich kein Mut mehr notwendig, um diesen Weg auch in der Öffentlichkeit zu gehen. Es war der nächste für mich logische und notwendige Schritt zu meinem Leben als Frau, den ich mir sehnlichst gewünscht habe. Ich bin sehr glücklich, diese Entscheidung getroffen zu haben und danke für den großartigen Zuspruch, den ich in den letzten Wochen erfahren durfte.

Bei Ihrem Outing haben Sie betont, dass Sie nicht transsexuell sind, sondern für Sie besser der Begriff Transidentität passt. Was ist da der Unterschied?
Klaudia Watzinger: Transsexualität ist der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechts zu leben und auch anerkannt zu werden. Eigentlich ist die von Geburt an aufgrund eindeutiger körperliche Merkmale zugewiesene Geschlechtsidentität falsch, daher passt der Ausdruck Transidentität besser. Eine eindeutige Ursache ist bis heute nicht bekannt. Es besteht von frühester Kindheit und ist von Betroffenen nicht beeinflussbar.

Wann haben Sie das erste Mal bewusst erkannt, dass Sie lieber eine Frau sein möchten als ein Mann?
Klaudia Watzinger: Ich habe schon von Kindheit an sehr gerne Mädchen- und Frauenkleider getragen. Aber damals habe ich nicht gewusst, was ich habe oder was ich bin. Es gab kaum Forschung und schon gar keine öffentlich verfügbaren Informationen darüber. Ich hatte auch Angst, mich an andere zu wenden. Genauso hatte ich Angst, etwas Falsches zu empfinden. Daher habe ich gelernt, meine Empfindungen anderen gegenüber zu unterdrücken. Später habe ich mich zwar intensiver mit möglichen Hintergründen beschäftigt, hatte aber noch nicht das Vertrauen, den Mut und wahrscheinlich noch nicht den nötigen Leidensdruck, mich an andere zu wenden.

Was hat dann doch den Umschwung gebracht, dass Sie sich letztendlich geoutet haben?
Klaudia Watzinger: Ich hatte ein sehr glückliches und erfülltes Leben, mit meiner Familie, meinen Freunden, meiner Ausbildung, meiner Arbeit und mit der Umgebung, in der ich leben darf. Trotzdem kam es durch die lange Unterdrückung meiner wahren Empfindungen vor zwei Jahren zu einem persönlichen Tiefpunkt. Damals wusste ich, dass ich mein Leben entscheidend ändern muss. Ich habe erstmals den Mut aufgebracht, mich an andere zu wenden und von Experten die Feststellung meiner Transidentität erfahren. Damit war der weitere Weg für mich genauso wie für den Großteil aller Betroffenen klar, nämlich als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben.

Gibt es einen Ratschlag, den Sie transidenten oder transsexuellen Menschen geben würden?
Klaudia Watzinger: Wenn man so empfindet oder auch wenn es die Eltern mitbekommen, dass ihre Kinder mit ihrer eigenen Identität Schwierigkeiten haben, dann sollte man sich so bald als möglich an einen Experten wenden. Die Gesellschaft steht dem immer offener gegenüber. Daher: Keine Angst.