Erstellt am 10. August 2016, 05:00

von Christian Eplinger

„Tun wir, reden alleine ist zu wenig“. Erber, Gruber und Deisl über die Themen Landesausstellung, Nachhaltigkeit, Ortsumfahrung, Arbeitsmarkt und Asylwerber.

JS

NÖN: Vor einem Jahr herrschte reges Treiben im Scheibbser Bezirk. Die Landesausstellung lockte knapp 300.000 Gäste ins „Ötscher:Reich“. Heuer ist davon zumindest nur mehr wenig zu spüren. War die Landesausstellung zu wenig nachhaltig?

Renate Gruber, SPÖ  |  JS

Renate Gruber: Der Hype ist heuer natürlich etwas geringer. Dennoch wirkt die Landesausstellung auf mehreren Ebenen nachhaltig. Von der Laubenbachmühle über die Ötscherbasis in Wienerbruck bis hin zu Neubruck sind Dinge geschaffen worden, die wir uns als Region alleine auf keinen Fall leisten hätten können.

Auf der anderen Seite hat man mit den vielen Ötscher:Reich-Stationen schon Punkte, die auch heuer von Einheimischen und Touristen gut besucht werden. Und als dritter Aspekt ist der Zusammenhalt in der Region und zwischen den Tälern, den Bürgermeistern und den Bürgern ein viel stärkerer geworden. Eine Bindung, die sicher auch nachhaltig weiterhin hält. Man geht Themen gemeinsam an.

Karoline Deisl: Ich habe keine Zahlen dazu, aber rein vom Gefühl her glaube ich nicht, dass die Wirkung der Landesausstellung nachhaltig ist. Es wäre sicher vieles nicht möglich gewesen ohne die Landesausstellung, aber ob jede Investition auch sinnvoll war, ist ein anderes Thema.

Anton Erber: Die Landesausstellung hat uns wieder zur Nummer eins bei den Nächtigungszahlen in der Region gemacht. Eine Nachhaltigkeit sieht man alleine in Neubruck mit freiem Auge. Da ist richtig Geld in die Hand genommen worden, das ein Privater sich nie hätte leisten können. Für die Zukunft sind die handelnden Personen gefordert. Wir hatten mit der Landesausstellung einen starken Impuls. Was jetzt daraus gemacht wird, liegt an den Unternehmern und Landwirten, die direkt in die Landesausstellung involviert waren, und an den Vorstandsmitgliedern der Neubruck Immobilien GmbH. Wie nutzen sie ihre neue Bekanntheit und ihre neuen Kontakte?

Gruber: Ich bin sowohl bei der NIG im Vorstand als auch im Naturpark und da macht die Arbeit jetzt richtig Spaß. Wir haben etwa beim Naturpark durch die Landesausstellung neue Möglichkeiten bekommen und mit Florian Schublach jetzt einen Mann, der eigens dafür abgestellt ist. Das ist ein unglaublicher Qualitätsschub für die Region. Ich bin überzeugt, dass wir genau durch den Impuls Landesausstellung wieder höhere Nächtigungs- und vor allem Besucherzahlen auch im Sommer haben werden – und das auf Dauer gesehen.

In Wieselburg wird gerade ein neues Hotel gebaut. Aber nicht nur das. Hier haben auch die Bauarbeiten für die Ortsumfahrung begonnen – wird sie ein Segen oder ein Fluch für Wieselburg? Und was kann sie dem Bezirk wirklich bringen?

Deisl: Die Umfahrung ist für Wieselburg sicher ein Segen. Wir ersticken teilweise am Verkehr. Ich bin aber nach wie vor der Meinung, dass die Variante nicht die optimale ist. Aber da ist der Zug vor Jahren abgefahren – egal, wer da seine politischen Finger im Spiel hatte. Für die Wieselburger Unternehmen wird die Umfahrung sicher keinen Nachteil mit sich bringen, weil der, der nach Wieselburg einkaufen oder in ein Lokal fahren will, fährt sowieso. Und das Geschäft mit dem Durchzugsverkehr ist sicher kein so großes, dass die Vorteile nicht überwiegen würden.

Erber: Wieselburg ist die am stärksten wachsende Gemeinde und Region im Bezirk. Wieselburg ist gut aufgestellt. Diese positive Entwicklung geht sicher weiter bergauf. Unsere große Herausforderung ist, wie es mit der gesamten Region weitergeht. In Wahrheit haben wir südlich des Grubbergs nur Landwirtschaft und den Tourismus. Da müssen wir schauen, dass die Leute so schnell wie möglich hinkommen. Sonst wählen sie andere Destinationen. Daher ist die Umfahrung über Wieselburg hinaus eine Notwendigkeit für die Region. Nur dann können touristische Angebote ausgebaut oder Projekte wie ein Weltcuprennen am Hochkar angedacht werden.

Gruber: Ich finde es einen absoluten Segen, vor allem natürlich auch für die Gemeinden im Süden unsers Bezirks. Ich weiß, wie sehr die Gäste oft jammern, wenn sie von einer Ampel zur anderen durch Wieselburg viel Zeit benötigen. Und Wieselburg selbst? Die Stadt ist so gut aufgestellt, dass auch in Zukunft noch sehr viel tun wird.

Der Bezirk ist seit Jahren bei den Arbeitsmarktzahlen konstant im Spitzenfeld. Und dennoch hat man 732 Arbeitslose. Rund ein Drittel davon sind über 50 Jahre alt. Gibt es dafür Lösungen?

Anton Erber, ÖVP  |  JS

Gruber: Da bin ich dort, dass es in der Gesellschaft ein Umdenken geben muss. Lehrlinge, aber auch ältere Arbeitskräfte, müssen wieder ein höheres Ansehen genießen. Ein Arbeitnehmer mit über 50 Jahren sollte eigentlich eine Arbeitskraft sein, auf die ich als Unternehmer auf keinen Fall verzichten kann. Hier geht es auch um Erfahrung und Beständigkeit. Dass ein Über-50-Jähriger teurer kommt als ein junger Arbeitnehmer, ist so und auch völlig in Ordnung. Wir sind aber im Bezirk ohnehin in einem gelobten Land mit einem guten Mix aus Industriebetrieben und Klein- und Mittleren Unternehmen. Die meisten sehen ihre Arbeitskräfte, egal welchen Alters, als wichtigen Bestandteil ihres Erfolgs. Daher auch die guten Zahlen.

Erber: Den Unternehmern ist heute ein guter Mitarbeiter mehr wert als alles andere. Es ist manchmal gar nicht mehr so leicht, einen guten Mitarbeiter zu bekommen. Aber wir haben eine zu hohe Belastung des Faktors Arbeit. Vor allem die für uns typischen KMUs müssen sich nach der Decke strecken. Die Unternehmer wären durchaus bereit, ihren Mitarbeitern höhere Gehälter zu zahlen, aber bei den Lohnnebenkosten ist das einfach nicht drinnen. Außerdem bedarf es eines Bürokratieabbaus. Wie viele Genehmigungen und Auflagen notwendig sind, um ein Unternehmen anzumelden, ist ein Wahnsinn. Wir brauchen ein Klima, wo Leute zum Unternehmertum ermutigt werden, Leistung und Erfolg Spaß machen und nicht Neid, Argwohn und Bürokratie dominieren.

Deisl: Bei den steigenden Arbeitslosenzahlen der Über-50-Jährigen beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn einerseits wird das Pensionsantrittsalter immer weiter in die Höhe gesetzt, aber andererseits bekommt man ab 50 immer schwerer eine Beschäftigung. Speziell im Handel ist es extrem. Da wird es über 40 Jahre schon schwer. Hier nimmt man lieber mehrere junge flexible Teilzeitkräfte, die für das Unternehmen billiger sind als eine ältere Mitarbeiterin, die Vollzeit beschäftigt ist. Vielleicht muss man hier spezielle Lösungen für die Lohnnebenkosten suchen, denn alleine die Förderungen scheinen zu wenig zu sein.

Erber: Gerade im Handel sind ältere Mitarbeiter wichtig, da ja auch die Kundschaft immer älter wird. Da freuen sich die Unternehmer über gute Arbeitskräfte, die noch dazu im Alter sicher ausgeglichener sind als manch junge. Zudem gibt es gute Förderansätze. Darauf können wir aufbauen.

Gruber: Aber die Zahlen sprechen leider dagegen.

Karoline Deisl, FPÖ  |  JS

Deisl: Und für die Arbeitssuchenden ist es deprimierend. Immer wieder hört man, wie gut es ist, Erfahrung vorzuweisen, doch über 50 erhält man dann dennoch meist eine Absage – besonders im Handel.

Erber: Nur gerade beim Handel müssen wir uns alle auch selbst an der Nase nehmen. Überall fahren die Paketdienste und bringen den Leuten die Produkte, die sie über Amazon oder sonst einen Onlinehändler bestellt haben – meist noch dazu bei einem ausländischen Konzern. Und die zahlen praktisch keine Steuern.

Gruber: Nur das werden wir nicht ändern können. Das liegt im Trend der heutigen Zeit. Aber ich stimme zu, wenn es darum geht, bürokratische Hürden zu entflechten. Dabei geht es nicht nur um die Gewerbeordnung, sondern auch um die Bauordnung und mehr. Unsere Behörden – egal auf Bezirks- oder Gemeindeebene sind sicher sehr bemüht. Aber die Auflagen sind einfach oft viel zu hoch. Da müssen wir gemeinsam daran arbeiten – auf Landes- und Bundesebene.

Erber: Ja, dann tun wir. Reden ist zu wenig.

Ein Thema brennt derzeit den Bürgern vielerorts unter den Nägeln: Die Unterbringung von Asylwerbern. In manchen Gemeinden funktioniert das praktisch reibungslos (Gaming, Oberndorf) in anderen ist es der große Aufreger (Steinakirchen, Purgstall). Wie sollte man als Gemeinde an diese Thematik herangehen?

Erber: Beim Bund hat man seinerzeit unterschätzt, dass es sich bei dem Problem nicht nur um eine kurzfristige Welle handelt, sondern um ein langfristiges Phänomen. Jetzt steht man vor dem Problem der Unterbringung und Integration und da wiederum davor, dass die allerwenigsten langfristig hier bei uns auf dem Land bleiben wollen. Generell ist mit der Flüchtlingsbewegung eine Veränderung der Struktur verbunden – für manche auch eine Angst. Dazu kommen die Extremhaltungen in beide Richtungen. Jede Gemeinde ist gut beraten, aktiv an das Geschehen heranzugehen und für sich selbst gute und für die Bürger annehmbare Lösungen zu finden.

Gruber: Umso ruhiger und unaufgeregter ich die Thematik als Bürgermeister und Gemeinderat angehe, desto einfacher ist es. Das sehen wir in unserer Gemeinde, wo wir 25 Asylwerber haben. Wichtig dabei sind die ehrenamtlichen Helfer, die die Hauptarbeit bei der Integration leisten – von den Deutschkursen bis zur Arbeitsbeschaffung und der Erläuterung unserer Gesetze und Gewohnheiten.

Deisl: Der Wahnsinn ist, dass nach wie vor Asylbescheidverfahren zu lange dauern. Dazu kommt, dass Integration für mich nicht nur eine Holschuld, sondern auch eine Bringschuld ist. Sie müssen wollen. Man muss ihnen noch klarer vermitteln, wie die Gesetze und Umgangsformen in Österreich sind. Danach haben sich die Asylwerber auch zu richten. Für mich nicht tragbar ist, dass der Bund mit dem Durchgriffsrecht die Möglichkeit hat, die Eigenständigkeit einer Gemeinde praktisch auszuhebeln.

Gruber: Ich habe unsere Asylwerber von Beginn weg als sehr gastfreundlich erlebt. Aber ich bin bei dir, dass man ihnen klipp und klar die Spielregeln des Zusammenlebens in unserem Land vermitteln muss.