Reinsberg

Erstellt am 21. April 2017, 05:00

von Elisabeth Leichtfried

Stephan Wachauer: „Will mit meinem Werk irritieren“. Komponist Stephan Wachauer und Chorleiterin Daniela Faschingleitner über nächtlichen Handy-Gesang, Novalis‘ Naturphilosophie und einen energiegeladenen Chor.

Stephan Wachauer  |  Elisabeth Leichtfried

Der aus Gresten stammende Jazzpianist Stefan Wachauer widmete seine erste Messkomposition, die „Messe des Lebens“, dem Reinsberger Chor inwendig woarm. Am 29. April feiert das Werk seine Uraufführung. Die NÖN führte mit dem Komponisten und Chorleiterin Daniela Faschingleitner vorab ein Gespräch über das Werk für Chor, Jazzband, Streichquintett und Sprecher – und durfte bei den Proben dabei sein und so einen ersten Einblick in die Messe gewinnen.

Was hat Sie dazu bewogen, die Messe des Lebens zu komponieren?

Stefan Wachauer: Am wichtigsten war mir, für den Chor inwendig woarm und die Reinsberger die Bedingungen zu schaffen, um Kultur entstehen zu lassen. Ich wollte einmal Danke sagen, für alles, was hier unentgeltlich passiert und wovon ich als Musiker unglaublich profitiert habe.

Wie fühlt man sich, wenn jemand für den eigenen Chor ein solches Werk verfasst?

Daniela Faschingleitner: Als Chor fühlen wir uns da natürlich geehrt. Wir arbeiten schon lange und intensiv mit Stefan zusammen. Ich kenne ihn, seit er vierzehn Jahre alt war. Seitdem ist er ein wichtiger Begleiter unseres Chores. Wir haben uns immer gegenseitig inspiriert. Stefan hätte sich für sein erstes großes Werk ja auch einen Profi-Chor aussuchen können, der das professionell auf die Bühne bringt. Aber er nahm uns. Wir geben unser Bestes, um dieser Ehre gerecht zu werden.

Wachauer: Einen Profi-Chor wollte ich nie. Ein Chor lebt und fällt mit seiner Führung, und Daniela als Chorleiterin erfüllt den Chor mit dieser so fantastischen Energie, die sie hat. Die Energie von inwendig woarm ist wirklich einzigartig. Das sage ich als jemand, der schon mit vielen Chören und Bands zusammengearbeitet hat.

Findet man die Widmung „Reinsberger Messe“ auch in den Stücken selbst, haben die Lieder auch inhaltlich einen Bezug zu Reinsberg?

Faschingleitner: Nein, die Widmung zeigt sich nicht in den einzelnen Stücken. In den Liedern geht es Stefan um andere Themen.

Welche Themen sind das?

Daniela Faschingleitne  |  Elisabeth Leichtfried

Wachauer: Ein wichtiges Thema ist die Eigenverantwortung – die des Einzelnen in unserer Gesellschaft, in unserer westlichen Welt. Die Frage ist, wie wir Verantwortung übernehmen und ob wir überhaupt Verantwortung übernehmen können. Daneben sind Gott und Glaube Themen: Wo ist der Glaube, wo ist der Alltag, wo berührt sich das, wo gibt es Widersprüche – das will ich ansprechen.

Faschingleitner: Stefan sieht sein Werk auch als Reaktion auf die Politik und auf unser derzeitiges Leben in der kapitalistischen westlichen Welt.

Wachauer: Genau. Wenn beispielsweise der Nestle-Konzern auf Kosten der Menschen in Entwicklungsländern große Profite mit abgefülltem Trinkwasser macht, sollte das geändert werden. Aber wegen der herrschenden Gewinnorientierung funktioniert das in Wahrheit nicht. Dieser Widerspruch regt mich auf, ich kann aber nichts ändern, habe ich das Gefühl. Ich gebe in meiner Messe auch keine Lösung vor, wie das gehen würde. Es geht mir nur darum, dass jeder einzelne Verantwortung übernimmt und das reflektiert, was er macht, und das, was andere machen. Vielleicht führt das zu einer Lösung.

Der Chor kennt die Messe ja schon. Kommt diese Botschaft auch rüber? Ist das auch das, was beim Zuhörer ankommt?

Faschingleitner: Für mich selbst spiegelt die Messe die verschiedenen Emotionen, in denen wir uns im Leben befinden, wieder – von freudigen Melodien zu wieder anderen Stimmungen. Zwischen diesen Emotionen sind wir in unserem Leben oft hin- und hergerissen. Die Messe ist ein Durchleben dieser Emotionen. Ich weiß nicht, ob man alle Texte und alle Passagen, die Stefan vermitteln will, wirklich genau so versteht, wie er sich das gedacht hat, zumal die Lieder auch in mehreren Sprachen – Englisch, Latein und Deutsch – verfasst sind. Aber es gibt bei der Messe Zwischentexte, die von Veronika Mauler gelesen werden. Dabei handelt es sich um Impulse und Betrachtungen sowie Denkanstöße zu den Stücken.

Was soll die Messe des Lebens beim Publikum bewirken?

Wachauer: Auf alle Fälle wollte ich Irritation erreichen. Das ist mir ganz wichtig. Ich glaube, dass man auf eine andere Art gar niemanden erreichen kann. Dabei hilft mir die Sustentio, eine rhetorische Figur, die mir in der Literatur schon immer gefallen hat, und die ich auch in der Musik gerne anwende. Das ist ein Spiel mit den Erwartungen: Wenn der Zuhörer erwartet, dass jetzt etwas Bestimmtes kommen muss, dann kommt gerade das nicht. Das ist auch ein Mittel, durch das man „aufwacht“.

Faschingleitner: Stefan kommt ja nicht nur von der Musik, sondern auch von der Germanistik, der Poesie. Das heißt, er denkt sich nicht nur bei jedem Ton etwas, sondern auch bei jedem Wort wird ganz genau überlegt. Er fragt sich immer, wie die Musik das ausdrücken kann, was die Worte gerade sagen.

Mit welchen Gedanken sollen die Zuhörer aus der Messe gehen?

Wachauer: Das ist mir ganz egal, mit welchen Gedanken sie hi-nausgehen. Hauptsache, sie denken sich irgendetwas. Wenn sie über nichts nachdenken, bei der Agape nach dem Konzert über Belanglosigkeiten plaudern, dann habe ich etwas falsch gemacht. Wenn die Zuhörer nicht irritiert sind, keinen Impuls haben, dann war es ein Fehlschlag.

Faschingleitner: Die Agape nach der Messe ist gerade dafür gedacht, dass die Leute über das Werk ins Gespräch kommen. Das wäre unser Wunsch. Wenn über das Werk gesprochen wird, dann ist es aufgegangen.

Hatten Sie beim Komponieren Vorbilder?

Wachauer: Musikalisch gesehen ist das für die Jazzmusik der European Jazz, der mich total in-spiriert hat. Miles Davis und das Zweite Miles Davis Quintet hört man sicher auch heraus, genauso wie die Jazzharmonik. Neben Jazz ist aber auch klassische Musik, angelehnt an Mozart und Schubert, zu hören. Und es gibt auch poppige Elemente. Die Konzeption war, und deshalb musste auch der Entstehungsprozess so lange dauern, die Stücke möglichst kontrastiv zu komponieren.

Faschingleitner: Es ist auch ein sehr bekanntes Volkslied eingebaut. Für die Zuhörer gilt es, das zu erkennen!

Wachauer: Außerdem ist die Verbindung vom Dramaturgischen mit der Musik ein wesentlicher Bestandteil. Novalis und die romantische Naturphilosophie hatten einen großen Einfluss auf das Werk. Dabei geht es darum, wie musikähnlich Sprache sein kann. Novalis sagt, wir müssen unsere Sprache musikalisieren.

Wie war der Schreibprozess? Hatten Sie die Messe von Anfang an als Ganzes im Kopf?

Wachauer: Von Februar 2016 bis Jänner habe ich daran gearbeitet. In diesem Zeitraum sind alle Lieder, bis auf eines, das es schon vorher gab, entstanden.

Wie kann man sich den Schreibprozess vorstellen?

Faschingleitner (lacht): Es konnte schon passieren, dass er mitten in der Nacht Melodien in sein Handy sang.

Wachauer (lacht auch): Ja, da habe ich einen Text musikalisiert und die Melodie kam mir in der Nacht. Da habe ich sie ins Handy gesungen. Viele Sachen habe ich nachträglich umgeschrieben, aber manche sind auch genau so geblieben. Manchmal passt es einfach genau so, wie es herauskommt.

Die Proben für die „Messe des Lebens“ laufen auf Hochtouren. Am Samstag, 29. April, ist um 19.30 Uhr, in der Pfarrkirche Reinsberg die Uraufführung. Am Sonntag, 30. April, gibt es um 19.30 Uhr in der Pfarrkirche Gaming eine weitere Aufführung. Tickets: Gemeindeamt Reinsberg,  |  Elisabeth Leichtfried

Gibt es in diesem kreativen Prozess des Komponierens auch so etwas wie Schreibblockaden?

Wachauer: Das war ja meine erste Messe. Vielleicht wäre es bei einer weiteren Komposition anders, aber bei der Messe des Lebens hatte ich so viele Ideen, was ich alles machen wollte und wie ich den Chor und die Streicher einsetzen wollte.

Faschingleitner: Stefan hatte das Gegenteil einer Schreibblockade. Es war eher so, dass er aus allen seinen Ideen gezielt auswählen musste.

Wachauer: Was ich beim Schreiben brauche, sind Deadlines. Ich hatte keine Zeit zum Schreiben, bevor ich nicht eine Deadline hatte. Die Deadlines kamen in diesem Fall von Daniela, die die Noten brauchte. Also ohne sie wäre das Werk gar nicht entstanden (lacht).

Faschingleitner: Auch für uns als Chor war es ein spannender Prozess. Wir haben gesagt, wir singen die Messe, ohne etwas darüber zu wissen. Die Proben begannen im Jänner. Ich habe die Noten Stück für Stück bekommen und es war immer spannend und überraschend, das nächste Stück zu entdecken. Wir haben uns auf das Projekt eingelassen, im Vertrauen darauf, dass es funktionieren wird.

Wie sind die Proben gelaufen?

Faschingleitner: Positiv! Bei manchen Stücken haben die Chormitglieder Stefan sofort herausgehört. Das Glück ist, dass wir im Chor schon so viele Sachen gemacht haben. Das Eröffnungslied der Messe beispielsweise funktioniert über die Sprache, und auch so etwas haben wir schon einmal gemacht. Nicht mit jedem Chor ist es so leicht möglich, sich auf etwas einzulassen. Manche Stücke sind rhythmisch sehr fordernd.