Loosdorf

Erstellt am 11. November 2017, 05:00

von Michael Unger

Gerhard Floßmann: Geschichte neu vermitteln. Kaum jemand hat sich um die Heimatkunde im Bezirk so verdient gemacht wie Historiker Gerhard Floßmann. Heimatbezug sieht er als Anker gegen Abwanderung.

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„Ich werde wohl der erste Pensionist mit Burn-out sein“, scherzt Gerhard Floßmann immer wieder. Vorträge, Führungen, Kurse, Stammtische, die Arbeit an Buchprojekten – der Terminkalender des Loosdorfer Historikers ist von einer vollen Arbeitswoche oft nicht weit entfernt. Alles ehrenamtlich, im Dienste der Heimatkunde. Dabei ist der ehemalige HTL-Lehrer eigentlich seit 16 Jahren im Ruhestand.

In den letzten Jahrzehnten hat sich kaum jemand um die Aufarbeitung der Geschichte des Bezirkes Melk derart verdient gemacht wie Floßmann. Der 76-Jährige hat die Historien von mehr Gemeinden zu Papier gebracht, als er auf einen Schlag aufzählen kann. Und dabei ist er bewusst vom früheren Stil solcher Werke abgegangen: „Chroniken waren früher ein Graus. Das waren nur abgeschriebene Aneinanderreihungen von Ereignissen, keine Vermittlung von Geschichte.“

„Chroniken waren früher ein Graus. Das waren nur abgeschriebene Aneinanderreihungen von Ereignissen.“Historiker Gerhard Floßmann

Floßmann hingegen legte den Schwerpunkt auf die Wirtschafts- und Sozialgeschichte und auf eigenständige Forschung. Schon früh schuf er einen Kreis von anderen heimatkundlich Interessierten um sich herum und organisierte Schulungen. Heute leitet er auch den vom NÖ Museumsmanagement angebotenen Lehrgang „Regional- und Heimatforschung“. Die Nachfrage ist groß. Nicht nur deshalb sieht er der Zukunft der Heimatforschung optimistisch entgegen. Vor allem die Digitalisierung sieht Floßmann als Riesen-Chance für sein Fach. Immer mehr Archivbestände werden über das Internet öffentlich zugänglich, jeder kann sich selbst von zuhause aus als Heimatforscher betätigen. Besonders hebt er auch die von ihm in mehreren Gemeinden mitbetreute Online-Plattform Topothek hervor. Auf dieser werden Fotos aus privaten Beständen hochgeladen und kategorisiert. So werden unzählige Interessierte direkt in die heimatkundliche Arbeit eingebunden.

Gerhard Floßmanns Motivation für sein ehrenamtliches Engagement ist es, gerade auch den nächsten Generationen einen Bezug zur Heimat und ein positives Heimatgefühl vermitteln zu wollen. Das ist für ihn eines der wichtigsten Instrumente gegen Abwanderung in die Städte, wenn auch natürlich kein Allheilmittel. „Wenn ich mich mit meinem Ort identifiziere, fühle ich mich da auch eher wohl. Junge wandern auch ab, weil sie keinen Heimatbezug mehr haben“, sagt er. Deshalb müsse die Heimatkunde auch in den Schulen einen größeren Stellenwert bekommen und lebendiger vermittelt werden.