Erstellt am 26. April 2017, 13:24

Wilde Wasser und weite Wege. Unverfälscht und ursprünglich – in den Ötschergräben im Mostviertel ist die Zeit scheint’s stehen geblieben. Und das ist schön, wie man bei einer Wanderung im Revier des Vaterberges, des Ötschers, feststellen kann.

Der Entschluss fällt spontan in den frühen Morgenstunden: Dieser ausnahmsweise schöne Herbsttag muss ausgekostet werden! Und zwar für eine Wanderung – klassisch, traditionell (wer war nicht als Schulkind hier?) in die Ötschergräben.

Von St. Pölten aus liegen sie ja fast vor der Haustür und sollen sich perfekt für einige Stunden Abschalten und Entschleunigen eignen – versprechen die Touristiker des Mostviertels. So viel sei jetzt schon verraten: Es gelingt! Denn die bewusste Langsamkeit stellt sich schon bei der Hinfahrt ein. Kurve folgt auf Kurve, Ortschaft auf Ortschaft, Traktor auf Traktor – einmal mit Blickkontakt zu einer Altbäuerin, die auf einer selbst gezimmerten Sitzbank hinten auf dem auch nicht mehr jungen Steyr ihr Platzerl gefunden hat. Sie lächelt milde und verschmitzt, so als wolle sie sagen: „Hier am Land gehen die Uhren eben anders. Runter vom Gas.“

Tiefe Schluchten

Die Wanderschuhe werden in Gösing an der Mariazellerbahn geschnürt. Auf der Sonnenterrasse des Alpenhotels – ein charmantes Haus mit Jahrhundertwende-Flair – noch einen Kaffee trinken macht Lust aufs Gehen. Der „Vaterberg“, wie die Einheimischen liebevoll ihren Ötscher (1.893 Meter) nennen, ist nämlich fast zum Greifen nah, quasi das Schlagobershauberl auf der Melange.

Los geht’s! Ums Hotel herum, am hauseigenen Pool vorbei, startet der Weg Nummer 13 bergab durch den Wald. Vorsicht! Der Boden ist durch den Regen der vergangenen Tage rutschig. Nach nur wenigen Minuten Gehzeit ist man mittendrin im dichten Märchenwald. Zu hören sind allein die Stille, der eigene Atem und noch ein paar Vögel. Nach rund einer Stunde kommt man zur Freude der doch ein wenig angespannten Oberschenkel zu einer Forststraße, die rechts weg und eben zum Erlaufboden und zum Eingang der Hinteren Tormäuer führt.

Stetiger Begleiter ist ab jetzt in diesem Teil des Naturparks Ötscher-Tormäuer die Erlauf. Einmal rechts, einmal links führt der schmale Pfad (genau schauen, wo man hintritt!) stromaufwärts an ihr entlang – ein Wanderweg, der die Orientierung glasklar wie das Wasser vorgibt. Staunen lassen die steil aufragenden und felsbewaldeten Schluchtwände.

Das historische Kraftwerk

Stierwaschboden bildet so etwas wie die fließende Grenze zwischen Tormäuern und Ötschergräben. Der Grand Canyon Österreichs werden Letztere genannt – seit Jahrtausenden formt das Wasser hier bizarre Felsformationen und tiefe, wirklich tiefe Gräben.

Die Mittagssonne sticht. In einer der Badebuchten dürfen die Füße ins Wasser des Ötscherbaches. Kalt? Nein. Eiskalt! Erfrischt erreicht man den Ötscherhias, eine urige Hütte. Der Radler erfrischt nochmals innerlich, das Speckbrot gibt Kraft. Seit 1937 können sich Wanderer hier stärken. Der Holzknecht Johann Mitteregger hat damals mit der Bewirtung begonnen. Und wieso der Name Ötscherhias? Zeitgenossen haben ihn einen „rechten Hiasl“ genannt, der hier in der Einsamkeit nie ein Geschäft machen würde. Sie haben sich allesamt getäuscht…

Schnell wird der Radler beim steilsten Stück der Tour gleich nach der Hütte rausgeschwitzt. Nach rund 20 Minuten bergauf wird es aber gemütlich. Auf festen Schotter- oder Waldstraßen wandert man vorbei am Erlaufstausee und weiter Richtung Endpunkt Mitterbach (4,5 Stunden Gehzeit vom Alpenhotel Gösing). Schritt für Schritt wird es lauter, nochmals durchatmen und Einsamkeit tanken, bevor man wieder mittendrin ist in der Zivilisation. Es ist 16.45 Uhr. In neun Minuten fährt die Mariazellerbahn von Mitterbach zurück nach Gösing. Und sie fährt pünktlich, zu pünktlich. Egal, Platz nehmen am Bankerl beim Bahnhof und sich Zeit nehmen zum Warten. In einer Stunde fährt ja ohnehin der nächste Zug auf schmaler Spur.

www.naturpark-oetscher.at
www.vorderoetscher.info
(Das behutsam renovierte Schutzhaus Vorderötscher am Ende der Ötschergräben lädt zur gemütlichen Einkehr.)
www.goesing.at
www.mariazellerbahn.at