Erstellt am 16. September 2015, 11:55

Bauernhöfe kooperieren mit Sozialträgern. „Green Care“ macht Bauernhöfe zu viel mehr, als sie bisher waren. Sie können auch Sozial- und Betreuungseinrichtung sein.

Am Dreierhof in Maria Anzbach leben auch glückliche Hühner, die für Therapien eingesetzt werden, wie zum Beispiel bei ADHS, dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Im Bild Lukas Hieret mit Mutter Eva Hieret, Andrä Rupprechter und Sophie Karmasin sowie Rosemarie Hieret. Fotos: Eduard Riedl  |  NOEN, NÖN/Eduard Riedl

Leben, arbeiten, ausbilden, betreuen, helfen – all das ist auf landwirtschaftlichen Betrieben möglich. All das beschreibt, was „Green Care“ kann. Und all das wird bereits auf vielen Betrieben in Niederösterreich gelebt. „„Green Care“ – wo Menschen aufblühen“ wurde 2011 von der Landwirtschaftskammer Wien initiiert. Ziel ist es, den Bauernhof für soziale Dienstleistungen in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Pflege, Betreuung und Beschäftigung zu nutzen.

„Es gibt derzeit rund 130 landwirtschaftliche Betriebe in Niederösterreich, die bereits das Beratungsangebot der Landwirtschaftskammer NÖ zum Thema ,Green Care‘ genutzt haben. Und viele praktizieren das, was wir unter ,Green Care‘ verstehen, bereits seit vielen Jahren“, so Josef Hainfellner, der „Green-Care“-Beauftragte für NÖ. Ziel ist es, in Kooperation mit Sozialträgern und Institutionen den landwirtschaftlichen Betrieb auch als soziale Einrichtung zu nutzen. „„Green Care“ schafft Arbeitsplätze, erhöht die regionale Wertschöpfung und verbessert die Wirtschafts- und Kaufkraft im ländlichen Raum“, bringt es Andrä Rupprechter, Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, auf den Punkt. Die Schwerpunkte können hier ganz unterschiedlich sein, erklärt Hainfellner. So kann der Bauernhof als Arbeitsort für behinderte Menschen oder Jugendliche, die keine reguläre Lehrstelle finden, genutzt werden. „Auch als Lebensort für ältere Menschen oder Menschen, die beispielsweise im Anschluss an eine psychiatrische Rehabilitation Hilfe im Alltag benötigen, ist ein Bauernhof ideal geeignet“, so Hainfellner.

Eine Backstube, die vielen Menschen hilft

Sozial engagieren und Menschen helfen – das hat sich auch Familie Hieret aus Maria Anzbach zum Ziel gesetzt. Auf ihrem Dreierhof, wo es schon länger eine voll funktionsfähige, aber in letzter Zeit nur sehr sporadisch genutzte Backstube gibt, ist heute der Arbeitsplatz von acht Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderung.

In Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Verein „Jugend am Werk“ werden auf der Hofbäckerei täglich Brot und Semmeln hergestellt. Und damit werden am Hofe Hieret gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Denn bei Creen Care entsteht im Idealfall eine Win-win-Situation – für den landwirtschaftlichen Betrieb, eine soziale Einrichtung und die Bevölkerung im Umkreis, wie Josef Hainfellner erklärt: „Die Backstube bedeutet auch für die Region eine Stärkung der Nahversorgung mit wertvollen Lebensmitteln in starker Vernetzung mit Konsumenten, die hier abseits von anonymen Produkten eine Beziehung zu den Produzenten aufbauen können.“ Weiters ergibt sich ein neuer Geschäftszweig für Betriebe, die die „Green Care“-Aktivitäten in ihren landwirtschaftlichen Alltag integrieren. Und zu guter Letzt profitiert auch der Verein „Jugend am Werk“ von der Kooperation.

„Green Care“: Weiteres Standbein für Bauern

Die Idee kam der Familie nach einer Exkursion in die Niederlande, wo „Green Care“ schon länger ein Begriff ist. Eva und Toni Hieret haben sich schon immer als Pioniere in der landwirtschaftlichen Entwicklung gesehen, und so war die Idee für die „soziale Backstube“ geboren.

Darüber hinaus wurde das Angebot am Hof durch „Tiergestützte Pädagogik“ sowie „Schule am Bauernhof“ erweitert. Damit trägt Familie Hieret nicht nur zur regionalen Wertschöpfung bei, sondern hat sich auch selbst ein weiteres Standbein auf ihrem Bauernhof geschaffen. Denn finanziert müssen die Projekte natürlich auch werden. Im Normalfall passiert das über den Sozialträger. Dieser wiederum bekommt – wie auch bisher – Beiträge von Angehörigen der betreuten Personen, Mittel aus Eigeneinnahmen oder dem Sozialbereich.
www.dreierhof.at

INFOS ZUM THEMA

https://noe.lko.at/
www.greencare-oe.at
Infos zum „Green Care“ Netzwerktreffen an der Agrarhochschule in Wien und dem „Green Care“ Masterlehrgang (europaweit der erste Masterstudienlehrgang):
www.agrarumweltpaedagogik.ac.at


Hof Schwechatbach: 
Marianne Edelbacher setzt auf ihrem Hof in Alland Tiertherapie um.
www.hof-schwechatbach.at

Verein Himmelschlüsselhof:
Betreuung von behinderten Menschen am Bauernhof in Texingtal.
www.himmelschluesselhof.net

Verein Silbersberg: 
Betreuung von behinderten Waisen in Gloggnitz und Schwarzau im Gebirge.
www.silbersberg.at

Doris Gilli – tiergestützte Therapie: 
Doris Gilli führt tiergestützte Therapie als Mitarbeiterin des psychosomatischen Zentrums Waldviertel durch. 
www.tiergestuetzt.at

Sonnenblumenhof:
Petra Hochrieder führt als AMS-Mitarbeiterin am eigenen Hof Seminare für Jugendliche durch.
www.sonnenblumenhof.at

Esperanzahof:
Am Esperanzahof wird unter der Leitung von Martina Kotzina tierunterstützte Pädagogik in der freien Jugendwohlfahrt gelebt.
www.esperanza.at

Verein Jugend am Hof:
Familie Trenker betreibt in Grametschlag bei Hochneukirchen einen Betrieb mit dem Schwerpunkt Jugend-Erlebnis-Pädagogik.
www.jugendamhof.at

Rootscamp:
In Stögersbach bei Bromberg veranstaltet Jürgen Schneider mit Karl Kowatschek Kinder-Ferien-Camps.
www.rootscamp.at

Reingard Winter-Hager:
Reingard Winter-Hager befasst sich vor allem mit Burn-Out-Prophylaxe und bietet mit Ursula Barth seit März 2014 Seminare am Sulzbachhof (Lunz am See) in Kombination mit Alpaka-Training.
www.soulsteps.at

Anna und Walter Gruber:
Der Meiselberghof in St. Corona am Schöpfl ist ein Erlebnisbauernhof mit liebevoller Tierhaltung. Hier kann man Kamele, Ziegen, Esel, Alpakas, Rentiere und vieles mehr hautnah erleben.
Herr Gruber ist ausgebildeter zertifizierter Natur- und Landschaftsführer. Es werden geführte Erlebniswanderungen mit Tierbegleitung für Kindergärten, Volksschulen und Private angeboten.
members.aon.at/meiselberghof

ARGE Chance:
Der Verein ARGE Chance in Mödling ist ein Social-Profit-Unternehmen und unterstützt Menschen bei ihrer beruflichen Integration. Unter anderem werden in einer ehemaligen Gärtnerei Gemüse und Kräuter angebaut. 
www.argechance.at

Verein Ökokreis:
Verein zur Förderung biologischer, ökologischer und sozialer Initiativen. Der Verein Ökokreis im Waldviertel setzt seit vielen Jahren in weiten Teilen das um, was unter dem Begriff „Green Care“ zu verstehen ist.
www.oekokreis.org

Biohof Linden: 
Familie Fehringer betreibt in Kematen an der Ybbs einen Mutterschafbetrieb in Kombination mit Weidegänsen. Lammspezialitäten werden direkt ab Hof vermarktet. Gleichzeitig sind beide Betriebsleiter Teilzeit-Mitarbeiter bei der Nö. Lebenshilfe.
Seit kurzem betreuen sie im Rahmen ihrer Tätigkeit auch eine Gruppe der Lebenshilfe stundenweise am eigenen Hof.
www.biohof-linden.at