Erstellt am 29. Oktober 2015, 06:02

von NÖN Redaktion

Wenn Gedächtnis und Alltag nicht mehr so funktionieren. 22.000 Niederösterreicher leben mit Demenz. 2050 werden es doppelt so viele sein. Um sich auf die Zukunft vorzubereiten, wird in NÖ an einer Demenzstrategie gearbeitet.

Menschen mit Demenz fällt es schwer, bei einer Uhr die richtige Uhrzeit einzuzeichnen.  |  NOEN, Konstantin Sutyagin / Shutter- stock.com
Eines Tages kommt eine Frau in die Apotheke. Der Apotheker kennt sie und bemerkt daher, dass etwas nicht stimmt, und fragt nach. Sie erzählt, dass ihre Mutter schon wieder zu einem Treffen nicht aufgetaucht ist. Sie ist verärgert. Der Apotheker rät ihr, dass sie ihrer Mutter einen Kreis aufzeichnen soll. In diesen soll die Mutter dann wie bei einer Uhr die Zahlen und die aktuelle Uhrzeit hineinzeichnen. Das aber schafft diese nicht wie gewohnt …

Der Uhrentest, das verrät www.gesundheit.gv.at , „hat eine hohe Aussagekraft und wird neben dem MMSE häufig zur Abklärung eines Demenzverdachts angewendet.“ MMSE bedeutet übrigens Mini-Mental State Examination. Bei dem etwa zehnminütigen Test werden vor allem Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Orientierung untersucht. Er hilft dabei herauszufinden, wie weit die Demenz fortgeschritten ist.

NÖ arbeitet an Demenzstrategie

In Niederösterreich leben Schätzungen zufolge 22.000 Menschen mit Demenz. Im Jahr 2050 werden es 44.000 sein. „Daher ist es nötig, eine Strategie zu entwickeln, wie wir damit umgehen“, so Landeshauptmann-Stellvertreter Wolfgang Sobotka beim Symposium „Leben mit Demenz“ an der IMC-Fachhochschule Krems.

„Die NÖ Landes-Zielsteuerungskommission hat beschlossen, eine Projektgruppe mit der Erarbeitung eines Planes für den stufenweisen Ausbau, Vernetzung bestehender Behandlungs- und Betreuungsstrukturen und Optimierung der Demenzversorgung zu beauftragen“, so Sobotka.

Doch was bedeutet Demenz überhaupt? Und welche Demenzformen gibt es? Die häufigste Form ist Alzheimer. „Die Patienten sind hauptsächlich über 75“, so Josef Marksteiner vom Krankenhaus Hall. Es gibt aber viele weitere Demenzformen. Wie die alkoholbedingte Demenz, die schon häufig unter 65 auftritt.

Oder eine Demenz, die schon mit 55 beginnen kann. Bei Überlegungen, was es in Zukunft für die Betroffenen braucht, ist unter anderem auch diese Vielfalt ein wichtiger Aspekt. Schließlich: „Unterschiedliche Erkrankungen haben unterschiedliche Bedürfnisse“, so Marksteiner.

Frühe Behandlung verzögert Krankheit

„Demenzerkrankungen können nicht geheilt werden, jedoch kann eine frühe Diagnose und Behandlung das Fortschreiten der Krankheit verzögern“, so Stefanie Auer, Professorin für Demenzforschung an der Donau-Uni Krems.

Daher macht es Sinn, bei Verdacht abklären zu lassen, ob es sich um Demenz handelt. Auch Angehörige sollten aufmerksam sein, wenn ältere Menschen sich Sorgen um ihr Gedächtnis machen. „Ernst nehmen!“, rät Auer.

Denn: Wenn ältere Menschen sich sehr mit Demenz beschäftigen, kann das ein Hinweis sein, dass sie betroffen sind. Für Betroffene ist es übrigens wichtig, dass man sich gemeinsam mit der drohenden Demenz auseinandersetzt, dass sie aktiviert werden, ihr Alltag spannend gestaltet wird …

„Am Anfang ist der Mensch durchaus fähig zu arbeiten.“ Dann aber wird es zunehmend schlimmer. „Bis der Mensch aller Fähigkeiten beraubt wird, die ihm lieb und teuer sind“, so Auer.

Eine Herausforderung für Angehörige

Und so ist es nicht nur für den Betroffenen schwierig, sondern auch eine Herausforderung für die Angehörigen, so Landesrätin Barbara Schwarz. Sie müssen sich auf eine neue Situation einstellen. Eine Situation, in der es passieren kann, dass man gemeinsam zu Mittag isst, der Demenzbetroffene aber fünf Minuten später fragt, wann endlich gegessen wird und weitere fünf Minuten später wieder …

80 Prozent der Betroffenen leben zu Hause. Meist mit Unterstützung der Angehörigen. Und: „Es gibt mobile Hauskrankenpflege“, so Schwarz.

Doch nicht immer reicht das. Für Betroffene, die nicht mehr zu Hause leben können, gibt es in NÖ Heimen spezielle Angebote, wie Wohngruppen, Erinnerungsecken, in denen Gegenstände aus vergangenen Zeiten zu finden sind wie etwa alte Bügeleisen, die Möglichkeit, den eigenen Lehnstuhl von Zuhause mitzubringen usw.

„Das Alleine-Leben zu Hause mit Demenz ist ungünstiger als im Heim“, glaubt Franz Kolland vom Institut für Soziologie. Weil Betroffene, wenn sie alleine leben, nicht ausreichend stimuliert werden können. Er denkt übrigens auch, dass ein Umdenken in der Gesellschaft nötig ist.

Demenz vorbeugen

Viele von Demenz Betroffene gibt es übrigens auch im Krankenhaus. „Der Anteil demenzkranker Patienten im Krankenhaus liegt bei über 10 Prozent“, so Christian Bürger von der Bewohnervertretung, NÖ Landesverein für Sachwalterschaft. Auch hier will man vorbereitet sein. Daher: „Demenz ist ein besonderer Schwerpunkt in der Fortbildung“, so Landesrat Karl Wilfing.

Doch nicht nur NÖ, Krankenhäuser, die Gesellschaft und andere können sich auf Demenz einstellen. Auch jeder Einzelne kann sich mit dem Thema auseinandersetzen und vorbeugen. Dabei gilt: „Alle Risikofaktoren fürs Herz gelten auch fürs Gehirn“, so Josef Marksteinerl. Wenn man also Diabetes, Bluthochdruck, zu wenig Bewegung usw. in den Griff bekommen könnte, könnte man auch die Betroffenen-Rate senken, glaubt er.

Ebenfalls wichtig sind soziale Kontakte, geistig fordernde Tätigkeiten usw. Damit beginnen sollte man im Idealfall nicht erst im hohen Alter. Sondern: „Die beste Zeit ist zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr.“

Tipps für Angehörige

  • Informieren Sie sich gründlich über Alzheimer! Je mehr Sie wissen, desto sicherer sind Sie im Umgang mit dem Erkrankten. Bei der MAS-Alzheimerhilfe gibt es Ratgeber und Broschüren: 06132 / 21410, verein@mas.or.at

  • Versuchen Sie nicht, den Betroffenen zu ändern! Nehmen Sie ihn so an, wie er ist! Er lebt mehr und mehr in seiner eigenen Welt. Für ein respektvolles Miteinander ist es oft notwendig, in seine Welt „einzutauchen“.

  • Wenn er bestimmten Aufgaben im Haushalt oder bei der Körperhygiene noch nachkommen kann, dann lassen Sie ihm diese. Aber: Sichern Sie mögliche Gefahrenquellen wie Gas- oder Elektrogeräte, Treppen & glatte Badewannen.

  • Vertraute Menschen, Dinge und Erinnerungsstücke sind für Demenz-Kranke wichtiger als die Gegenwart. Besonders wichtig ist auch eine klare Tagesstruktur: regelmäßiges Aufstehen und Zu-Bett-Gehen, regelmäßige Mahlzeiten, Spaziergänge und Besuche bei Freunden. Aktivität und Pausen …

  • Menschen mit Alzheimer brauchen eine einfache, überschaubare und unkomplizierte Umwelt: Hinweisschilder in der Wohnung, gut lesbare Uhren und Kalender, ausreichende Beleuchtung …

  • Oft ist man dazu geneigt, der betroffenen Person wieder und wieder zu erklären, dass seine Vorstellung der Dinge falsch ist. Das führt meist zu Konflikten. Versuchen Sie, Konflikte durch Ablenkung und Zuwendung zu lösen oder zu vermeiden.

  • Reagieren Sie gelassen auf Ängstlichkeit oder Aggressivität und nehmen Sie sie nicht persönlich. Meistens sind die Betroffenen nur ratlos oder verunsichert.

  • Wenn Sie sich Erholungspausen verschaffen oder Ihren eigenen Interessen nachgehen, ist das kein Grund für Schuldgefühle. Nur, wenn Sie sich selbst wertschätzen und pflegen, haben Sie ausreichend Energie, um Ihre Angehörigen auch über einen längeren Zeitraum versorgen zu können. Und: Holen Sie sich Hilfe von außen.

  • Mehr Tipps gibt es bei der MAS-Alzheimerhilfe unter MAS-Tipps (im Bereich „Betroffene“):  www.alzheimer-hilfe.at


Buchtipps

  • Reinhard Pohanka, „Alzheimer – Demenz. Therapien, wichtige Adressen, Unterstützung“, Verlagshaus der Ärzte, 196 Seiten, 14,90 Euro, Ratgeber insbesondere für Angehörige von Demenzpatienten

  • Wenzel Müller, Peter Dal-Bianco, „Alzheimer. Diagnose, Verlauf, Behandlung. Experten und Betroffene berichten. Basiswissen für den Alltag“, Verein für Konsumenteninformation, 240 S., 19,60 Euro