Erstellt am 20. März 2016, 05:04

von NÖN Redaktion

Architektin Ulrike Hausdorf im Gespräch. Architektin Ulrike Hausdorf ist in der Planung von neuen Ortskernen und deren Wiederbelebung tätig.

Ulrike Hausdorf studierte Architektur an der Technischen Universität Wien und erlangte ihr Diplom im Jahr 1996. Sie bildete sich durch diverse Workshops weiter und unternahm Architekturreisen nach Brasilien, Kalifornien, Indien, China, Mexiko und West-Europa. Sie arbeitet für das Architekturbüro »Hadler bis Hausdorf« und ist Lehrende an der TU-Wien.  |  NOEN, Privat

NÖN: Gerade in Niederösterreich ist das Aussterben der Geschäfte im Ortskern ein großes Problem. Gibt es für Architekten eine Möglichkeit, dagegen vorzugehen? Welche Projekte hat Ihr Architektenbüro betreut, um Ortskerne wiederzubeleben?
Ulrike Hausdorf: Die Belebung der Ortskerne ist eine der wichtigsten Aufgaben in Niederösterreich. Gleichzeitig haben sich im dicht bebauten Wiener Umland neue Zentren herausgebildet, die den alten Zentren gleichwertig gegenüberstehen.

Das Know-how von Architekten kann hier an vielen Stellen helfen. Zum einen können sie auf raumplanerischer Ebene steuernd eingreifen und die Ortskerne in einen größeren Kontext einbinden. Zum anderen können sie durch intelligente Gestaltung des öffentlichen Raums (Straßen, Plätze, Grünflächen) die Ortskerne als Aufenthaltsort wieder attraktiver machen. Gerade heute hat das „Urbane“ wieder Hochkonjunktur, und Plätze mit Cafés in gewachsenen, alten Orts- und Stadtkernen sind sterilen Einkaufszenren immer überlegen.

Ein Beispiel dafür ist der Ortskern von Leobersdorf: Hier war der Rathausplatz jahrzehntelang nicht mehr als ein Parkplatz, und die Hauptstraße vom Durchgangsverkehr dominiert. Mit der Umsetzung unserer Idee für die Wiederbelebung des Ortskerns wurde der Platz zu einem vielfältig benutzbaren Raum für alle Bürger.

Platz und Hauptstraße wurden mit einem „steinernen Teppich“ belegt und mit Bäumen begrünt, für die Hauptstraße wurde erstmals eine Begegnungszone mit einer Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h nach dem Prinzip des „Shared Space“ konzipiert. Seit Fertigstellung des Projektes haben sich zehn neue Handelsbetriebe im Ortskern angesiedelt, und der Platz wird rund ums Jahr für verschiedenste Veranstaltungen genutzt.

Ihr Büro „Hadler bis Hausdorf“ hat einen Sitz in Kaltenleutgeben am Land und einen in der Stadt Wien. Wo unterscheidet sich die Raumnutzung zwischen Stadt und Land? Wo ähneln sie sich?
Da sowohl Wien als auch das Wiener Umland zur Zeit stark wachsen, verschwimmen die Unterschiede zusehends. Wir halten es für enorm wichtig, in Niederösterreich zwischen ländlichen Regionen und städtischen Regionen zu unterscheiden. Die Raumnutzung im Waldviertel ist völlig anders als jene im südlichen Wiener Umland, das sich inzwischen als durchgehendes, städtisches Siedlungsband von der Wiener
Stadtgrenze bis Guntramsdorf darstellt.

Hier ist es daher wichtig, dass die Raumplanungen in Wien und Niederösterreich koordiniert werden. Kooperationen wie das Stadt-Umland-Management, an dessen Projekten wir beteiligt sind, sind ein Ansatz in die richtige Richtung.

Viele Gemeinden haben Dorferneuerungsvereine. Bürgerinnen und Bürger wollen sich vermehrt in die Gestaltung des Heimatortes einbringen. Welche Erfahrungen haben Sie mit Bürgerwerkstätten gemacht? Wie funktioniert da die Zusammenarbeit mit den Ortsbewohnern?
Hausdorf: Wir haben hervorragende Erfahrungen mit Bürgerbeteiligung gemacht. In allen Gemeinden, für die wir ortsplanerisch tätig waren, haben wir mit den Bewohnern zusammengearbeitet: Sowohl informierend in Form von Planungsausstellungen und Informationsveranstaltungen, bei denen Feedback und Ideen der Bürger eingeholt wurden, als auch kooperativ in Form von intensiven Bürgerworkshops, in denen die Bewohner selbst Ideen entwickeln konnten. Der Bürgerworkshop Ende 2015 in Kaltenleutgeben brachte unter begeisterter Beteiligung von mehreren Hundert Bürgern eine Fülle von Ideen, die jetzt in die weitere Planung einfließen.

x  |  NOEN, Hertha Hurnaus

Auch jene Menschen, die im städtischen Bereich wohnen, wollen nicht auf Grünflächen verzichten. Welche Konzepte können hier vonseiten des Architekturbüros umgesetzt werden?
Bei der Versorgung mit Grün- und Freiflächen zählt vor allem die Qualität. Wenn Grünflächen gut erreichbar, gut benutzbar und gut gestaltet sind, müssen sie nicht riesig sein. Wichtig ist es, auch im direkten Wohnumfeld Freiflächen bereitzustellen, etwa Gärten , Balkone und Dachterrassen. Ein solches Angebot verringert auch das Verkehrsaufkommen, weil Bewohner nicht ständig mit dem Auto „ins Grüne fahren“ müssen.

Ebenso sind gemeinschaftliche Freiflächen und öffentliche Freiflächen wichtig, die der nachbarschaftlichen Begegnung und dem öffentlichen Leben dienen. Dies können sowohl befestigte Plätze als auch begrünte Parks sein.

Unser Büro hat beispielsweise bei der Wohnanlage Ortsstrasse in Vösendorf (48 Wohneinheiten) die Qualitäten von Einfamilienhäusern in den Geschoßwohnbau übersetzt: Jede Wohnung erstreckt sich über zwei Geschoße und hat mindestens zwei zugeordnete private Freiräume wie Gärten, Balkone, Terrassen und Dachterrassen. So kann das Bedürfnis nach Grün gestillt werden, ohne dass die Landschaft durch „Einfamilienhausteppiche“ zersiedelt wird.

In Niederösterreich ist die Nachfrage nach Einfamilienhäusern hoch. Viele bauen selber und ziehen einen Architekten hinzu. Wie viel Architekt braucht die Planung eines Einfamilienhauses? Wo gehen hier die Trends hin?
Gerade beim Einfamilienhaus können Architekten enorme Hilfe leisten, indem sie die Fülle an Wünschen, die auf das Eigenheim projiziert werden, in eine ideale räumliche Form bringen, die auch Kosten spart. Gerade in der Raumaufteilung gibt es immenses Potenzial, das bei Häusern „von der Stange“ völlig ungenutzt bleibt. Hier kommt es oft schon in den ersten Gesprächen mit Bauherren zu „Aha“-Erlebnissen.

Da die Grundstückspreise durch den hohen Zuzug in Wien und im Wiener Umland ständig steigen, können Architekten Lösungen anbieten, wie man auch auf ungünstigen Parzellen großzügig, hell und mit der gewünschten Privatheit wohnen kann.

x  |  NOEN, HERTHA HURNAUS

Hadler bis Hausdorf

Das Architekturbüro „Hadler bis Hausdorf“ mit Sitz in Kaltenleutgeben und seit Februar letzten Jahres auch mit Sitz in Wien wurde im Jahr 2000 gegründet.

Neben Kosten und Ökologie liegt der Schwerpunkt der „Hadler bis Hausdorf“-Architekten immer auch auf dem verantwortungsvollen und mutigen Beitrag zur Baukultur.