Erstellt am 10. Mai 2016, 07:54

von Michaela Fleck-Regenfelder

Alte Bilder und neue Blüten. Was im Wienerwald schon seit der Barockzeit blüht, zeigt jetzt ein prächtiger, botanischer Band.

»Borretsch« und »Borago« steht unter dem barocken Kupferstich aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Im Wienerwald ist das »Gurkenkraut« auch zweieinhalb Jahrhunderte später noch heimisch.  |  NOEN, Gerhard Wasshuber

Das Original hat 22 Kilo, vier Bände und 1.025 Abbildungen. „Phytanthoza iconographia“ heißt das Werk, das den Regensburger Apotheker Johannes Wilhelm Weinmann im 18. Jahrhundert so berühmt machte, dass Naturforscher Carl von Linné sogar eine Pflanzengattung nach ihm benannte. Und dass die Meissner Porzellanmanufaktur nach seinen Abbildungen ihr Porzellan bemalen ließ.

„Das war so, wie wenn heute ein neues iPad herauskommt“, meint Autor Gerhard Wasshuber. Nur: „Das kann man heute niemand mehr zumuten.“ Auch nicht, dass jemand zehn Jahre Arbeit in ein Buch steckt.

Bei Gerhard Wasshuber hat es immerhin fünf Jahre gedauert. „Die Blumen“, scherzt der gebürtige Wiener, der 2005 schon über die Wienerwaldklöster Klosterneuburg, Heiligenkreuz, Klein-Mariazell und ihre Umgebung geschrieben hat, „die Blumen rufen ja nicht an!“

Statt dessen hat der ausgebildete Drucktechniker in mühsamer Kleinarbeit und, „da ich ja kein Botaniker bin“, mit Hilfe von Botaniker, Ökologe und „Wissenschaftler des Jahres“ Georg Grabherr all jene Pflanzen ausgesucht, die in Weinmanns Ikonographie aus 1745, die heute in der Klosterbibliothek von Stift Heiligenkreuz aufbewahrt wird, vertreten sind. Und die auch 2016 noch „im Biosphärenpark Wienerwald“ blühen.

„So eine Gegenüberstellung hat es noch nicht gegeben.“
Autor Gerhard Wasshuber über „Blumen einst und jetzt“

Rund 90 Blumen sind das, von der Küchenschelle bis zur Hundsrose, vom Bocksbart bis zum Storchenschnabel, vom Knabenkraut bis zum Gänseblümchen und von der Akelei bis zur Zyklame. Geordnet sind die Pflanzen nach den Jahreszeiten, die erste ist das Schneeglöckchen, die letzte der Winter-Schachtelhalm.

Jede Pflanze wird mit einem kurzen Text – mit Namen, Standort, Blütezeit und regionalen Anmerkungen – beschrieben. Daneben informiert ein Auszug aus Johannes Wilhelm Weinmanns Ikonografie in barocker Schrift und barockem Stil über das botanische Wissen zum selben Gewächs aus dem 18. Jahrhundert. Und: Zu jeder Pflanze gibt es auch zwei Abbildungen. Eine als Abdruck der barocken Kupferstiche. Eine als originalgetreue Fotografie aus dem heutigen Wienerwald.

Eine „enorme Qualität“ hätten diese barocken Stiche, schwärmt Gerhard Wasshuber. Die wurden nicht nur von den besten Kupferstechern gemacht. Die wurden auch mit Eiweiß und Leim lackiert („in den Apotheken waren das ja Gebrauchsgegenstände“). Und die wurden „mühsamst Bogen für Bogen eingefärbt, aber nur die Konturen von Blättern und Blüten. Dann war es auch viel einfacher, sie mit einem spitzen Pinsel von Hand zu kolorieren“, erklärt Wasshuber, der diese Technik mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums für sein Buch eingehend erforscht hat.

Die modernen Blüten hat er „draußen in der Natur“ fotografiert, mit schwarzen Tafeln als Hintergrund und mit seinem Enkel als Helfer. Aus all dem hat der Pustet Verlag einen Prachtband mit „tollem Papier“ und insgesamt 180 Abbildungen auf 208 Seiten gemacht.

„Wir haben versucht, die Kultur der Barockzeit mit der Natur von heute zu verbinden“, sagt Gerhard Wasshuber. Und will auch „die Augen der Jugend“ dafür öffnen. Denn: „Das Buch ist nicht nur fürs Buchregal!“

„Blumen einst und jetzt“ von Gerhard Wasshuber, 208 Seiten, 36 Euro, Pustet Verlag.