Erstellt am 18. April 2016, 08:41

Energieeffizienz ist das Schlüsselwort. Energieexperte Günther Brauner ist überzeugt: „Niederösterreich hat schon viel gemacht in Richtung nachhaltige Entwicklung“. Beispiele sind die eNu, das Energieeffizienzgesetz und die Energiebuchhaltung in den Gemeinden.

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Energieexperte Günther Brauner über die Energiewende, das Energiesparen, den Studiengang Energy Innovation an der Donau-Uni Krems und den Sinn von EU-Verordnungen.

NÖN: Welche Vorteile und Potenziale haben Wasserkraft, Windkraft, Photovoltaik & Biomasse?
Brauner: Die Wasserkraft hat in Österreich noch zwölf Terrawattstunden Potenzial und hat einen Vorteil: Sie ist gleichmäßig.
Die nächste Energieform, die jetzt schon technisch sehr reif ist, ist die Windenergie. Diese hat heute eine sehr große Leistung von bis zu zehn Megawatt.
In diesem Bereich gibt es eine sehr interessante Entwicklung in Richtung größere Rotoren bei kleineren Generatoren.
Der Vorteil ist, dass diese längere Zeit im Jahr Energie machen und man dann weniger Netz und Speicher braucht. Der Windausbau ist das Hauptentwicklungsgebiet der Erneuerbaren Energien, weil die Wasserkraft an die Grenze kommt. Die Photovoltaik sollte man auch nur auf Dächer und Fassaden setzen, denn wir brauchen die Landschaft für andere Zwecke – nämlich für Nahrungsproduktion und Landschaftserhalt.
Und dann gibt’s noch die Biomasse, die hat auch Potenzial. Aber man kann damit keine Großkraftwerke betreiben für die Stromerzeugung.

Wie sehen die thermischen Kraftwerke (Anm.: diese erzeugen Wärme durch Verbrennen von fossilen Brennstoffen wie Kohle oder Erdgas) der Zukunft aus?
Brauner: Die fossile Energie werden wir weiter brauchen, um Lücken zu füllen, wenn kein Wind und keine Sonne da sind. Das ist auch billiger, als Langzeitspeicher zu bauen. Die Kraftwerke müssen aber zeitmäßig flexibler werden, denn die regenerative Energie hat künftig Vorfahrt. Wir müssen auch die Laufwasserkraftwerke und die Pumpspeicher ausbauen, entsprechend den ökologisch noch verfügbaren Potenzialen.

Worauf konzentriert sich die Forschung aktuell?
Brauner: Regenerative Energiequellen sind technisch und wirtschaftlich reif: Das heißt: Photovoltaik, Wechselrichter, Batterien und Windgeneratoren kann man fabrikfertig bestellen. Was heute das Hauptgebiet der Forschung ist: Wie kann man ein Energiesystem so bauen, dass es vermehrt mit regenerativer Energie funktioniert? Das Smart Grid z. B. stellt eine Technologie dar, dezentral die regenerative Erzeugung und den Verbrauch in Siedlungen und Gebäuden so zu automatisieren, dass über das ganze Jahr die Versorgung sichergestellt ist.
 
Was ist das große Problem am Speichern von Energie?
Brauner: Der Langzeitspeicher. Wir haben dazu eine Forschungsuntersuchung gemacht:
Österreich 2050 als Energieinsel. Da ist herausgekommen: Österreich hat genügend Potenzial, um energieautark zu werden. Das Problem: Die letzten zehn Prozent Energie, die müssten langfristig gespeichert werden. Dazu müssten wir hundert Mal so viele Pumpspeicher wie heute haben. So viele Täler und Berge haben wir gar nicht.

Was sind die Vorteile Österreichs / Niederösterreichs im Vergleich zu anderen Ländern in Europa?
Brauner: Österreich hat einen großen Vorteil: 2020 werden hier über 70 Prozent des Stromes aus Erneuerbaren Energien gemacht. Und wir werden auch 80 Prozent erreichen. Wir haben sehr viel Wasserkraft und somit die geringsten Probleme in Europa. Norwegen auch. Die größten Probleme haben Spanien und Deutschland. Die müssen sehr viel Wind und Photovoltaik ausbauen. In Österreich liegt die zukünftige Forschung bei der Energieanwendung. Im Gebäudebereich bei energieeffizienten Gebäuden.

Wie kann der Energieverbrauch gesenkt werden?
Brauner: Eine große Energiesenke sind die Gebäude, die zweite sind Fahrzeuge und Verkehr. 70 Prozent der Ölimporte in Österreich sind für den Verkehr. Wenn man diesen elektrisch machen würde, dann würden wir nur 15 Prozent des heutigen Elektrizitätsbedarfs zusätzlich brauchen, würden aber enorm viel fossile Energie einsparen. Elektrifizierung schafft automatisch Effizienz und Emissionsarmut.
Im Bereich der Gebäude müssen wir in Richtung Plusenergie-Gebäude gehen, die mehr nachhaltige Energie gewinnen als sie benötigen.

Effizienz ist das Schlüsselwort?
Brauner: Effizienz ist immer sinnvoll. Wenn ich effizient bin, brauche ich weniger Energie, weniger Windräder, weniger Photovoltaik, weniger Netz, weniger Speicher. Effizienz ist wichtig – Effizienz, aber auch Suffizienz. Effizienz heißt, dass ich Geräte nehme, die effizient sind, und sie in einer effizienten
Art nutze. Wenn man Effizienz und Suffizienz zusammenbringt, dann funktioniert es mit der nachhaltigen Energieversorgung. Suffizienz heißt, dass ich nur so viele Geräte in Betrieb habe, wie ich brauche und nicht
sage, anstelle einer Glühbirne nehme ich dann einen Kronleuchter mit hundert LED-Lampen.
Die Effizienzpotenziale sind riesig. In diese Richtung wird es in den nächsten Jahrzehnten enorme
Forschungsanstrengungen geben. Und die Installateure, die Hausbauer werden neue Beschäftigungsfelder finden. Die Energiewende hat die große Chance, wieder Vollbeschäftigung zu sichern.

Rechnet sich die Energiewende?
Brauner: Sie rechnet sich allein durch die vermiedenen Öl- und Gaskosten, und sie rechnet sich erst recht aufgrund der Beschäftigungseffekte, die man hat.

Ist man in Niederösterreich /Österreich auf dem richtigen Weg?
Brauner: NÖ hat schon viel gemacht in Richtung nachhaltige Entwicklung, da gibt’s etwa die eNu. Das erste Bundesland, das ein Energieeffizienzgesetz hat, ist Niederösterreich. Dann hat Niederösterreich die Energiebuchhaltung in Gemeinden eingeführt. Darauf aufbauend kann man gezielte Förderprogramme
auflegen und ist nicht auf Vermutungen angewiesen.

Tragen die Menschen die Energiewende mit?
Brauner: Der Wille ist politisch und in der Öffentlichkeit da, das Problem ist ein anderes:
Zwischen der Umsetzung und dem behaupteten Wollen ist eine große Differenz. Die Akzeptanz z. B. für Windkraftanlagen vor der eigenen Haustür ist gering. Niederösterreich und das Burgenland sind Länder, wo die Menschen im Vergleich zu anderen aber eine hohe Akzeptanz für regenerative Energie haben.

Was ist das Ziel des Lehrgangs Energy Innovation an der Donau-Uni Krems?
Brauner: Es ist wichtig, Management von nachhaltiger Energie, Wirtschaftlichkeit und Technologie zusammenzubringen. Wir müssen zum Gelingen der Energiewende durch Coaching und Management die Gemeinden und Bauträger davon überzeugen, dass sie nachhaltige Lösungen machen. Was wir an der
Donau-Uni wollen: Diese Wirtschaftlichkeit in den Vordergrund stellen und die erfolgreiche systemtechnische Umsetzung in Richtung Nachhaltigkeit bewirken.

Machen die viel diskutierten EUVorgaben – Stichworte Glühbirnen, Staubsauger (bei Letzteren darf die Leistung von neuen Geräten 1.600 Watt nicht mehr überschreiten, Anm.) – Sinn?
Brauner: Ja. Das ist vernünftig gewesen. Staubsauger, die hohe Leistung bringen, saugen nicht besser als die mit weniger Leistung. Ich muss sagen, die EU hat sehr vernünftige Regelungen.
 
Günther Brauner ist emeritierter Professor am Institut für Energiesysteme und Elektrische Antriebe an der TU Wien. An der Donau-Uni Krems unterrichtet er solare Energieversorgung und Elektromobilität. Er lebt in Wien und im Kamptal.