Erstellt am 22. September 2015, 09:32

von Robert Knotz

Im Freien lauert gefährliches Erbe. Kampfmittelsucher Andreas Hermann warnt vor explosiven „Souvenirs“ aus dem Zweiten Weltkrieg.

Eine Gewehrgranate im Vergleich zu einem Finger: Nur wenige Zentimeter groß aber bei unsachgemäßer Handhabung tödlich. Der Zünder ist an der linken Stirnseite deutlich sichtbar und explodiert bei der kleinsten Berührung.  |  NOEN, privat

„Im Wald und auf den Feldern des Bezirks liegen noch einige gefährliche Souvenirs aus dem 2. Weltkrieg“, berichtet Kampfmittelsucher Andreas Herrmann von der Matzener Firma EOR-Kampfmittelortung im NÖN-Exklusivinterview. Seiner Ansicht nach gibt es kaum noch Überlieferungen von Daten und Fakten: „Die unmittelbaren Zeitzeugen werden immer weniger. Je länger die Zeit verstreicht, desto geringer ist die Zahl der Menschen, die über die Standorte des gefährlichen Erbes Bescheid wissen.“

Dabei handelt es sich nicht nur um Blindgänger, oft wurde von den Soldaten auf der Flucht vor den russischen Besatzern bewusst Munition zurückgelassen. Auch eventuelle Versager – Munition, die wegen technischer Defekte nicht abgefeuert wurde – wurden einfach in der nächsten Grube oder Senke entsorgt. Befinden sich Fliegerbomben in etwa sechs bis acht Metern Tiefe, so ruhen die Granaten und andere Kampfmittel in lediglich ein bis eineinhalb Metern – und wandern langsam, aber kontinuierlich an die Oberfläche.

Munition wandert an die Erdoberfläche

„Die Ursache für dieses Phänomen ist unklar. Es könnte mit der Witterung oder Erdanziehungskraft zusammenhängen. Jährlich wandern die Kampfmittel um 1,5 Zentimeter in Richtung Erdoberfläche. Eine Gefahr für Landwirte – sie ackern mit ihren Geräten die Erde um, wenden die Kampfmittel, bewegen diese und ziehen sie an die Oberfläche“, warnt Hermann. Und weiter: „Diese Dinger sind nicht ungefährlich. Unter verschiedensten Zündern gibt es viele mit Feder-Mechanismus. Die Federn sind oft eingerostet und da genügt nur eine kleine Bewegung, um eine Explosion auszulösen.“

Als gegen Ende des Krieges die russischen Besatzer der March immer näher rückten und die Munition immer spärlicher wurde, sollen laut Hermann noch vier Güterwägen a 20.000 Stück minderwertiger Granaten an die Front geliefert worden sein. Die Zahl der Blindgänger – abgefeuerte Munition, die nicht zur Explosion kam – war entsprechend hoch.

„Es gab so gut wie keine Aufzeichnungen über die Kampfhandlungen selbst. Tatsache ist allerdings, dass beide Seiten aus vollen Rohren feuerten. Mehrere Tonnen an Munition wurden verschossen. Prinzipiell kann im nördlichen Niederösterreich überall eine Belastung vorliegen. Die Kampfhandlungen zogen sich von der March ausgehend in breiter Front in Richtung Bisamberg und Korneuburg.

Während die Amerikaner genau Buch führten, gab es bei den Russen nur ungenaue bzw. gefälschte Tagesprotokolle. Daraus lässt sich nicht herausfiltern, wo es eventuell noch gefährliche Relikte gibt. Darüber hinaus erfolgte nach dem Krieg keine flächendeckende Suche nach Kampfmitteln. Es wurde lediglich direkt an der Oberfläche gesucht“, berichtet der Sprengstoff-Fachmann.

Geringste Bewegung - tödliche Auswirkung

Die Gesetzeslage in Österreich ist laut Hermann klar geregelt: „Jeder Grundbesitzer ist für Kampfmittel auf seinem Grund selbst verantwortlich. Er haftet auch für Personen- oder Sachschäden, die durch explodierende Blindgänger entstanden sind, das nennt sich Baugrundrisiko. Die Entsorgung oder Vernichtung von aufgefundenem Kriegsmaterial trägt die Republik. Der Entminungsdienst der Polizei birgt nur freigelegte Kriegsrelikte“, so der Experte.

Die Suche – es gibt drei verschiedene Methoden, die der Fachmann allerdings nicht genau beschreiben will – kostet entgegen anderslautender Meldungen etwa einen Euro pro Quadratmeter. Wird man fündig, so muss das Kampfmittel freigelegt werden. Erst danach wird der Entminungsdienst verständigt, der das Relikt dann beseitigt. Hermann warnt ausdrücklich vor eigenmächtigen Handlungen: „Es liegen auch viele Gewehrgranaten herum, die kaum größer als ein Kugelschreiber sind. Als Zünder dient ein kleiner Stift an der Stirnseite, dieser könnte durch Korrosion schon locker sein. Die geringste Bewegung kann tödliche Auswirkungen für den Finder haben.“

Zur Freude des Kampfmittelsuchers hat sich die Gemeinde Dürnkrut entschlossen, aktiv nach gefährlichen Resten des Krieges suchen zu lassen. Der gemeindeeigene Wald ist geräumt und gilt als sicher. Nähere Infos im Internet unter www.eor-kampfmittelortung.at .