Gänserndorf

Erstellt am 22. September 2016, 06:00

von Jürgen Nemec

ITA: Projekt für Jugendliche mit Behinderung. ITA, ein tolles Projekt für Jugendliche mit Behinderung, fristet in der Bezirkshauptstadt weitgehend ein Schattendasein.

Die Gartengruppe ist fleißig am Werken, Richard Prossenitsch (r.) spendet Bio-Knoblauch, sehr zur Freude von Standortleiterin Eva Marcher (l).  |  NOEN

Ronald spuckt. Eigentlich weiß er sich ja durchaus zu benehmen. Doch eigentlich bringen pubertäre Hoch-Zeit und eine von Kamerablitzen und Fotoposen durcheinandergewirbelte Raum-Zeit selbst die beste Kinderstube ins Wanken.

Unter der professionellen und empathischen Betreuung von ITA können Lamas zu ausgezeichneten Therapietieren werden.  |  Nemec

Aber auf die Familie ist Verlass, sie steht pflichtbewusst ein, paradiert adrett und der Schnappschuss für die Presse ist vollbracht. Ronald und seine Artgenossen sind Lamas mit der ehrenvollen Aufgabe, selbst ein Stück weit Lehrmeister zu sein für ein ganzheitliches, leiblich-personales, haptisches Horizont-Aufspannen einer vertrauensbasierten Beziehungsfähigkeit und Bezugsverbundenheit.

Ronald und seine Artgenossen gehören zur „Individualisierten Teilausbildung“ (ITA) für Jugendliche mit Behinderungen bzw. Beeinträchtigungen, die in Gänserndorf-Süd ein großartiges Integrations- und Förderprojekt für rund 40 betreute Personen bietet – und trotz eines einzigartigen Konzepts weitgehend ein Schattendasein abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit führt.

Einblick gibt es beim Tag der offenen Tür

Aber vielleicht ändert sich das ein wenig mit dem nun kommenden „Tag der offenen Tür“, der am 6. Oktober zwischen 9 und 14 Uhr unter dem Motto „Erntedank“ unter anderem mit einer Tierschau und der Verkostung hauseigener, hausgemachter Bioprodukte Einblicke in diese einmalige Therapie-, Arbeits- und Bildungsstätte gewährt.

„Die Jugendlichen werden hier vom ersten Tag an in die betrieblichen Strukturen eingebunden. Hier erhalten sie die Möglichkeit, durch die Tätigkeit in und mit der Natur kreative, handwerklich-produktive und kommunikative Potenziale, soziale Kompetenzen und eine selbstbewusste Persönlichkeitsstruktur zu stärken, an ihrer autonomen Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Mitbestimmung zu arbeiten. Dabei werden alle praktischen Aktivitäten von Bildungselementen, der Wissensvermittlung und -vertiefung in Unterrichtseinheiten begleitet“, skizziert Standortkoordinatorin Eva Marcher das Projekt ITA.

Therapie mit Lamas, Pferden und Schafen

Die Therapie-, Ausbildungs- und Arbeitsstätte, an der rund zwölf Betreuer tätig sind und die es als Förderprojekt für Jugendliche und junge Erwachsene bis 30 Jahren mit Behinderungen seit dem Jahr 2000 gibt, ist in fünf modulare Gruppen unterteilt.

In der Tierpflege eröffnen der Bezug zu Therapietieren wie Pferden, Lamas oder Schafen, die Bewältigung der damit verbundenen Aufgaben wie Boxenpflege und Fütterung sowie die haptische Begegnung mit den Tieren therapeutische Zeit-Spiel-Räume, die gerade durch ihre Unmittelbarkeit, durch ein alles Begriffliche überschreitendes leibliches Be-Greifen und Berühren bahnbrechend für die Förderung von Selbstvertrauen und Selbstwahrnehmung sein können.

Klare Aufgabenstrukturen und das aufbauende Erspüren von Vertrauensverhältnissen falten einen Raum der Aufmerksamkeit, Anerkennung und Achtung aus, der die Autonomie und Weltoffenheit der Jugendlichen nachhaltig stärkt.

Täglich vegetarisches Mittagsmenü

Eine andere Gruppe widmet sich etwa dem biologischen Gartenbau und der Grünlandpflege, wobei alle praktischen Tätigkeiten durch den Fachunterricht vertieft werden. Die Jugendlichen kochen – im Rahmen einer weiteren Gruppe – täglich ein von ihnen zusammengestelltes vegetarisches Mittagsmenü und sind vom Einkauf bis zum Servieren der Speisen in die Aufgabenstruktur eingebunden.

„Knofi“ fördert das ITA-Projekt

Und da kommt auch der „Knofi“ ins Spiel: Gemeint ist nicht nur der hauseigene Anbau dieser so gesunden Gewürz- und Heilpflanze, sondern auch ein engagierter Förderer des Projekts selbst, Bio-Bauer Richard Prossenitsch aus Zwerndorf, dessen Bio-Knoblauch längst zur regionalen und überregional bekannten Top-Marke gereift ist.

„Ich bin von ITA schlicht begeistert und finde die Idee, Menschen gerade durch das kreative und nachhaltige Arbeiten mit der Natur und mit Tieren zu fördern, einfach großartig“, so Prossenitsch. Der „Knofi“ hat sich deshalb kurzerhand entschlossen, der ITA-Küche den Jahresbedarf an Bio-Knoblauch zur Verfügung zu stellen und errichtete zudem eine Spende für den Kauf eines Servier- und Geschirrwagens.

Apropos Unterstützung: Eine solche kann ITA gut gebrauchen, schließlich fehlt auf dem Areal bis heute ein für die gemeinsame Zusammenkunft aller nutzbarer Aufenthalts- und Speiseraum. Damit Ronald nun aber wirklich keinen Grund mehr hat, zu spucken …