Groß-Enzersdorf

Erstellt am 12. August 2016, 05:00

von Ulla Kremsmayer

Drei Jahre Schulzeit in den Ferien nachholen?. NÖN-Reporterin Ulla Kremsmayer berichtet über den Alltag mit den bei ihr untergebrachten Flüchtlingen. Diese Woche: Lernschwierigkeiten und Drama in der Community.

Gute Miene zum bösen Spiel: Abdul und Aladin tun sich schwer, das auf der Flucht verpasste Lernpensum aufzuholen.  |  UK

Es klingt so leicht, ja, in den Ferien werden wir ein bisserl Lernprogramm machen – lesen, schreiben und rechnen üben. Abdul und Aladin kommen ja schon in die vierte Klasse. Das schaffen wir schon, kein Problem.

Sie sprechen schon sehr gut Deutsch, manchmal wie ein Wasserfall, viel zu viel, zu schnell, manchmal auch recht anstrengend – doch der Teufel schläft eben im Verborgenen: Es hapert nicht nur bei den Artikeln, sie kennen auch noch keine Fälle, keine Vergangenheit und keine Zukunft.

Schuleinstieg direkt in der dritten Klasse

Und beim Rechnen fehlt es an allem – aber im Sommerübungsheft sollten wir schon dividieren, das geht sich nicht aus. Aladin war zuvor noch nie in der Schule, er hat seine ersten Schuljahre auf der Flucht und in Camps verbracht, Abdul war ein Dreivierteljahr in Aleppo eingeschult – und wie er gesteht, war er auch dort beim Rechnen kein Star, die Lehrerin habe täglich mit dem Rohrstaberl zugeschlagen.

Und dann steigen die beiden altersgemäß, wie in Österreich üblich, in die dritte Klasse ein. Dort waren zwar Engel am Werk, die Klassenlehrerin hatte ihre Mutter, auch ehedem Lehrerin, mitgenommen, sie kam dann fast täglich für die beiden, um Gottes Lohn.

Doch drei Jahre Schulzeit in den Ferien nachzuholen, noch dazu in einer Fremdsprache, das ist einfach unmöglich. Fazit: Es ist bald Mitte August und wir holpern noch bei der Fünfer-Reihe. Da hat es vielleicht Khaled, der sechsjährige Bub, besser: Er war im Kindergarten, soll in die Vorschule kommen.

Integration nicht allein durch Freiwillige

Doch auch dort ist nicht alles paletti: Vom Kindergarten wird er um 13 Uhr heimgeschickt, obwohl Helfer ihm die Nachmittagsbetreuung zahlen. Ein Hortplatz später, ja möglich, aber 250 Euro im Monat, das geht sich finanziell nicht aus. Oder die drei jugendlichen Afghanen, die vom Amtsarzt für volljährig erklärt wurden und in Selbstbetreuung im Stadtl ausgesetzt wurden. Sie haben Hunger, mit fünf Euro am Tag kommen sie nicht aus.

Ausbildung für sie? Kein Thema. Jetzt werden sie nur vom Deutschkurs der Freiwilligen aufgefangen, der derzeit allerdings auch im Sommersparmodus läuft. So werden die kommenden zehn Prozent der jungen Leute, die später ohne Abschluss durch alle Schulen rasseln werden, produziert. Wie viele tickende Zeitbomben werden darunter sein?

Da werden jetzt die nicken, die es immer schon immer gewusst haben. Ja, so schaffen wir das nicht. Integration für jene, die schon einmal da sind, wie es von Regierungsseite als Schwerpunkt ausgerufen wird, kann nicht allein von Freiwilligen gestemmt werden.