Erstellt am 26. Mai 2016, 05:04

von Manuel Mattes

Kopten-Papst Tawadros im Gespräch. Kirchenoberhaupt Papst Tawadros II. ist wieder zu Gast in Österreich und residiert im koptischen Kloster in Obersiebenbrunn. NÖN-Reporter Manuel Mattes war vor Ort.

Nicht jeden Tag hat man die Ehre, ein Kirchenoberhaupt persönlich zum Gespräch zu treffen. Nach dem ausführlichen Interview nahm sich Papst Tawadros II. auch noch Zeit für ein gemeinsames Foto.  |  NOEN, privat

Um Punkt 17.45 Uhr werde ich von Georg Dawoud, Strasshofer Bürgerlisten-Gemeinderat und bekennender Kopte, vor dem Portal des ehemaligen Jagdschlosses Prinz Eugens, das nun als koptisches Kloster dient, abgeholt.

Nicht zum ersten Mal besucht Papst Tawadros II. Österreich und auch bei seiner heurigen Visite hat er Obersiebenbrunn zu seinem Residenzort auserkoren. Dann geht es weiter in den Empfangssaal, wo reges Treiben herrscht.

Wenige Minuten später betritt auch schon Papst Tawadros II., seit 2012 koptischer Patriarch von Alexandrien und Papst des Stuhls des heiligen Markus, den Raum. Auf die Frage, wo das Interview stattfinden soll, entscheidet er sich für die weitläufige Parkanlage des Schlosses. Das Gespräch wurde in englischer Sprache geführt.

NÖN: Eure Heiligkeit, obwohl Sie erst seit vier Jahren an der Spitze der koptischen Kirche stehen, haben Sie Österreich schon mehrmals besucht. Was genau gefällt Ihnen so sehr an unserem Land?
Papst Tawadros II.: An Ihrem Land liebe ich die wunderschöne Natur und die netten Leute. Insbesondere Wien schätze ich sehr. Es handelt sich dabei um eine wunderschöne Stadt. Ich fühle mich sehr wohl hier.

Was gefällt Ihnen am Obersiebenbrunner Kloster? Wieso wählen Sie es immer als Residenzort aus, wenn Sie in Österreich sind?
Das Kloster ist nach dem Hl. Antonius benannt. Das gefällt mir. Die Kopten haben nämlich eine ganz besondere Beziehung zu ihm. Er gilt als „Vater der Mönche“. Außerdem habe ich hier sogar ein eigenes Zimmer, das für mich bereit steht, wenn ich nach Österreich komme.

Wen haben Sie denn während Ihrer Österreich-Visite bereits getroffen?
Ich habe jede Menge Kopten aus ganz Österreich getroffen. Darüber freue ich mich sehr. Außerdem hatte ich die Gelegenheit, Kardinal Christoph Schönborn zu treffen.

Wie würden Sie das Verhältnis zur katholischen Kirche in Österreich und zu Kardinal Schönborn beschreiben?
Ich würde Kardinal Schönborn als guten Freund bezeichnen. Er ist auch bei den österreichischen Kopten überaus beliebt. Wir pflegen sehr enge Beziehungen. Ich habe ihn auch zu einem Gegenbesuch zu mir nach Ägypten eingeladen und hoffe, dass er diese Einladung wahrnimmt.

Was war der Grund für Ihren aktuellen Besuch?
Ich durfte gemeinsam mit Kardinal Christoph Schönborn eine neue koptische Kirche in Wien weihen und eröffnen.

Gibt es bereits Pläne für weitere Europareisen?
Nein, derzeit gibt es diesbezüglich noch keine konkreten Pläne. Es werden aber sicher wieder Reisen folgen.


Zur Person

Papst Tawadros II. wurde am 4. November 1952 in Mansura (Ägypten) geboren und ist seit 2012 koptischer Patriarch von Alexandrien und Papst des Stuhls des heiligen Markus. Er ist das 118. Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche. Wagih Sobhi Baki Solayman, so lautet sein bürgerlicher Name, wurde am 4. November 2012 per Losentscheid als Nachfolger des am 17. März 2012 verstorbenen Schenuda III. gewählt. Die feierliche Einsetzung als Tawadros II. fand am 18. November 2012 während einer Messe in der Kairoer Sankt-Markus-Kathedrale statt, die neben der Sankt-Markus-Kathedrale in Alexandria Sitz des koptischen Papstes ist. Tawadros II. spricht sich für eine Trennung von Staat und Religion in Ägypten aus.


Der koptische Glaube

Die koptische Kirche geht auf das alexandrinisch-ägyptische Christentum der Spätantike (Patriarchat von Alexandrien) zurück. Als Gründer der koptischen Kirche gilt der Überlieferung nach der Evangelist Markus, der im 1. Jahrhundert in Ägypten gelebt haben soll.

Nach koptischer Tradition war Markus der erste Bischof von Alexandrien, wo er 68 n. Chr. als Märtyrer starb. Deswegen wird die Kirche auch als alexandrinische Kirche bezeichnet. Heute stellen die Kopten mit 95 Prozent die große Mehrheit der in Ägypten lebenden Christen dar.

In Österreich ist die koptisch-orthodoxe Kirche mit rund 6.000 Mitgliedern vertreten. Oberhaupt der Kopten in Österreich ist seit 2000 Bischof Anba Gabriel. Im ganzen Land verfügt die koptische Glaubensgemeinschaft mittlerweile über zehn Kirchen und ein Kloster (in Obersiebenbrunn). Die Kirche „Maria vom Siege“ im 15. Wiener Gemeindebezirk wurde den Kopten vergangenes Jahr geschenkt und in der Vorwoche feierlich übergeben.