Erstellt am 20. Mai 2016, 05:04

von Ulla Kremsmayer

NÖN-Reportage: Lange Wartezeiten im Flüchtlingslager. Die polizeiliche Registrierung im griechischen Flüchtlingslager kann Wochen oder sogar Monate dauern, Interventionen helfen nicht: Abdulhamids Familie muss warten.

In der Kälte der griechischen Berge lerne ich gerne das vielfältige Handwerk des Kopftuchbindens.  |  NOEN, Kremsmayer

Heute treffen wir im aufgelassenen Knabenheim in Konitsa, in dem Abdulhamids Frau und seine Kinder interniert sind, die Heimleiterin Katerina.

Sie ist eine toughe Frau mittleren Alters mit strenger Brille und harschem Ton. „Speak a better English“, ist eine ihrer ersten Anforderungen mit deutlich griechischem Akzent.

Wir finden dann doch eine gemeinsame Sprache, ich will wissen, wie es hier weitergeht, was die Flüchtlinge wann zu erwarten haben.

UN-Vertreter seien bereits hier gewesen, höre ich, hätten auch die Flüchtlinge darüber aufgeklärt, dass in den nächsten Wochen oder Monaten eine Asylbehörde in Joannina, das ist die rund eine Stunde entfernte Bezirkshauptstadt, ihre Arbeit aufnehmen würde.

"Ohne Anmeldung keine Registrierung"

Bis dahin seien die Syrer in Griechenland freie Menschen und auch nicht mehr interniert – sie hätten eben zu warten. Ob es denn keine Möglichkeit gäbe, rascher zu einer polizeilichen Registrierung zu gelangen. Achselzucken, eventuell in Thessaloniki oder Athen. Wir könnten es ja versuchen.

Wir rufen dort an, eine griechische Freundin zieht alle Register, doch es wird kein Telefonhörer abgehoben. Die Augen werden groß und feucht, wir fahren also auf gut Glück nach Thessaloniki, rund 300 Kilometer entfernt über lange kurvige Bergstraßen.

Nach langem Herumirren finden wir endlich ein Containerdorf mit Stacheldrahtverhau. Die Syrer werden hereingebeten, wir müssen draußen warten. Dann gleich wieder gerufen: Ohne Anmeldung via Skype keine Registrierung.

Über 50.000 warten auf einen Termin

Imane, eine junge internet-versierte Apothekerin versichert, dies seit zwei Monaten vergeblich versucht zu haben. Sie, deren Mann in Steyr auf seinen Asylbescheid wartet, hat sich uns angeschlossen. Die Leitung ist auch nur einmal wöchentlich für eine Stunde freigeschaltet. Ja, es warten eben über 50.000 auf einen Termin und blockieren den Stream.

Aber wenn wir doch schon hier sind, und wenn wir schon nicht drankommen, dann wenigstens einen Termin, bitte. Ein Dolmetscher wird geholt, der erklärt das Ganze nochmals auf Arabisch.

Dann heißt es nur noch: It’s over – get out – now! Wir werden vertrieben, fühlen uns wie lästige Bettel-Leute, stehen da wie begossene Pudel, obwohl erstmals wieder die Sonne lacht. Spätnachts kehren wir heim in die Berge.

Wir werden uns nun alle ans Skypen machen, wir werden nachfragen, wann in Joannina endlich das Amt seine Arbeit aufnehmen wird, wir werden schreiben ... und wir wissen, dass es frühestens zu Weihnachten ein kleines Happy-End geben wird.

Wohl noch mindestens einen Monat bis wir via Skype durchkommen werden, dann noch rund ein Monat bis zum Termin, danach hat die griechische Behörde drei Monate Zeit, um in Österreich anzufragen, dann hat die österreichische Fremdenpolizei noch zwei Monate, um darauf zu reagieren und noch ein paar Wochen, um die Reise zu organisieren.

Wie aus Menschen einfach Ballast wird

Wir kaufen Schulhefte und Bleistifte für die Kinder, wenigsten ein bisschen Deutsch lernen in der Zwischenzeit. So viel Zeit ist schon vergangen, keine Schule, keine Arbeit, alle werden nur in lethargisches Nichtstun eingeübt, in ergebenes Warten.

So wird aus mehr oder weniger talentierten Menschen, mehr oder weniger gescheiten oder geschickten Leuten, mehr oder weniger wohlhabenden Familien – die ganz armen sind ohnedies nicht so weit gekommen – einfach nur Ballast, der langsam oder möglichst gar nicht aufzuteilen ist.

Katarina nickt, solange alle in Griechenland warten müssen, ist ja eure Welt in Ordnung. Ihr schickt sie aber auch nicht weiter, wir warten auf die versprochenen EU-Beamten. Und so schieben wir uns noch eine Weile den schwarzen Peter zu …