Erstellt am 12. Mai 2016, 05:04

von Ulla Kremsmayer

NÖN-Reportage: Wiedersehen mit Tränen. Billigflug, Fähre und Mietauto bringen Abdulhamid in das Flüchtlingscamp in Griechenland, wo er endlich seine drei Kinder und seine Frau Majada umarmen kann.

NÖN-Mitarbeiterin Kremsmayer lud die zwanzig Syrer in eine Taverne am Hauptplatz zum Festessen ein. Der Wirt verrechnete für Lamm, Pommes, griechischen Salat und Cola nur einen Pappenstiel.  |  NOEN, Kremsmayer

Also doch Griechenland. In letzter Minute war die Entscheidung gefallen, davor gab es ein großes Zittern, ob wir nicht nach Ankara fliegen und die österreichische Botschaft belagern müssten.

Die Familie konnte mithilfe von Interventionen (wie machen das andere?) ihre Anträge rechtzeitig abgeben. Denn für Ahmets Familie kann nur dann Einlass erreicht werden, wenn die berüchtigte Drei-Monats-Frist für Familienzusammenführung eingehalten wird.

Jetzt können wir uns also in Griechenland auf die Suche nach Abdulhamids Frau Majada machen. In der Hoffnung, schneller zu ihrem Mann und ihrem Sohn nach Österreich zu kommen, hatte sie sich mit ihren Kindern und Geschwistern dorthin aufgemacht. Eine trügerische Hoffnung, denn nach der Ägäis-Überquerung im Schlauchboot, wurden sie aufgegriffen und interniert.

Lange versuchten wir, dem Aufenthaltsort via Handyfotos und Google auf die Spur zu kommen. Schließlich fanden wir das Quartier im wilden Bergland knapp an der albanischen Grenze, ein aufgelassenes Knabenheim in Konitsa. Wir schickten Briefe auf Englisch und Griechisch, Majada und ihre Kinder sind ja sogenannte Dublin-Fälle, die griechische Polizei könnte ihr Asylverfahren sofort nach Österreich weiterreichen.

Doch sie trafen in den Bergen auf keine Polizeibeamten. Also fliegen wir hin. Die beiden Abduls, groß und klein, sind aufgeregt, sie sind noch nie geflogen, ein Billigflug nach Korfu, dann mit Fähre und Mietauto hinein ins Bergland.

Es ist Ostern nach dem gregorianischen Kalender, wir werden Zeugen einer Karfreitagsprozession, die Menschen gehen mit Kerzen und traurigen Gesängen durch die Gassen. Gespenstisch.

Das Tourismusbüro hat offen und sie strahlen, als wir nach dem Flüchtlingscamp fragen. Ja, natürlich kennen sie das, schön dass wir kommen. Schnell finden wir hin.

Leichenblass steigen unsere Schützlinge aus, denen auf der kurvigen Strecke und aufgrund der Aufregung bei der Fahrt übel geworden ist. Doch dann laufen schon zwei Mädchen in Pink herbei, fliegen dem Papa um den Hals.

Abdulhamid kann sich nicht halten, er schluchzt laut auf, leise tritt seine Frau an ihn heran, mit feuchten Augen, und drückt ihren Kopf an seine Schulter. Ingrid, die das Wiedersehen mitfilmen will, beginnt zu zittern, auch sie kann die Tränen nicht mehr halten. Nur der kleine Ahmet, knapp drei Jahre alt, schreit entsetzt auf, er erkennt seinen Papa nicht mehr. Gut ein Jahr hat er ihn nicht mehr gesehen.

Uns werden die Hände geküsst, wir werden ins Zimmer eingeladen, ein Schlafsaal mit einem guten Dutzend Stockbetten, karg und abgewohnt, aber trocken und warm. Unterwegs haben wir Zeltstädte gesehen, die gerade in Regen und Schlamm versunken sind. Doch es folgen auch für uns noch einige trübe Tage, nicht nur wettermäßig.