Erstellt am 21. Januar 2016, 05:03

von Erwin Nußbaum

NÖN-Reportage: Zu Besuch bei einer syrischen Flüchtlingsfamilie. NÖN-Reportage / Erwin Nußbaum über einen Besuch mit VizebürgermeisterReinhold Steinmetz bei einer syrischen Flüchtlingsfamilie in Untersiebenbrunn. UNTERSIEBENBRUNN / Ich treffe Reinhold vor der Volksschule.

Majad, Safaa, Inge (2.v.l.) und Reinhold (Mitte, mit Isa im Arm) mit den Besuchern Karin Renner, Irene Vales und Safaas Mutter Rajaa.  |  NOEN, Nussbaum

Ich treffe Reinhold vor der Volksschule. Er hat mich eingeladen, seinen „speziellen Freund“ kennenzulernen, Majad, einen syrischen Flüchtlingsbuben, der mit seiner Tante bei einer älteren Dame im Ort untergekommen ist. Was ihn so an dem Buben fasziniert? „Nachdem ich mir seine Geschichte angehört habe, ist mir klar geworden, dass mein Großvater nach dem Zweiten Weltkrieg etwas ganz Ähnliches durchstehen musste. Da kann man nicht teilnahmslos bleiben.“

Schnell Freunde gefunden

Wir gehen in die Schule um Majad abzuholen, doch er ist schon nach Hause gegangen. Ich komme mit seiner Klassenlehrerin ins Gespräch: „Am Anfang haben wir uns nur mit Händen und Füßen verständigt, mit viel Mimik und Gestik. Aber sein freundliches Gemüt hat ihm schnell Freunde gemacht. Und so hat es auch nicht lange gedauert und er hat schon die ersten Worte auf Deutsch gesprochen.“

Wir fahren zum Haus, wo Majad wohnt. Hausherrin Inge erwartet uns im Vorzimmer, um ihre Beine schwänzeln ein kleiner nervöser Hund — und ein kleiner schwarzhaariger Bub, Majad. Er begrüßt mich mit aufrechter Haltung und festem Händedruck und beginnt sofort, mit Reinhold zu plappern.

Die beiden mögen einander, das spürt man sofort. Inge ruft nach Safaa, Majads Tante. Als sie die Stufen runterkommt, hält sie einen wenige Monate alten Säugling im Arm. Sein Name ist Isa — arabisch für „Jesus“. Sie reicht mir die Hand und ist erstaunt als ich sie mit „Salaam Aleikum“ in ihrer Muttersprache begrüße.

Offenbarungen beim gemeinsamen Kaffee

Beim Kaffee ist Majad mit Reinhold und Isa beschäftigt. Ich habe also Zeit, mich mit Safaa zu unterhalten, die in ihrem alten Leben Friseurin war. Sie spricht schon gebrochen Deutsch. Fehlen einmal die Worte, wechseln wir ins Englische oder Inge hilft aus.

Sie erzählt mir von ihrem Mann, der mit ihren anderen beiden Kindern in den Libanon geflohen ist, um nicht von einer der Bürgerkriegsparteien in Syrien zwangsrekrutiert zu werden. Safaa schildert mir ihren Fluchtweg — wie sie vier Tage lang im türkischen Izmir gestrandet waren und wie sie die gefährliche Überfahrt nach Griechenland in einem Schlauchboot überstanden.

Und wie sie einige Zeit lang hochschwanger im Lager Traiskirchen lebte, wo sie auch Majad wiederfand, den sie zwischenzeitlich, in den Wirren ihrer Odyssee verloren hatte. Seine Eltern harren noch im kriegsverwüsteten Damaskus aus.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen zieht sich Safaa mit Isa etwas zurück und ich helfe Majad bei den Hausaufgaben. Immer wenn er ein „e“ schreiben soll, macht er stattdessen ein „i“, für ihn klingen einfach beide Buchstaben gleich. Das sei bei allen Arabern das Anfangsproblem, sie kennen keine Selbstlaute in unserem Sinn, sagt mir später eine Kollegin.

Inge erzählt mir, dass Majad wohl großes Heimweh hat: „Ständig erzählt er von Syrien.“ Als es für mich Zeit wird zu gehen und ich aufstehe, fasst Majad mich fest am Handgelenk und deutet auf einen Sessel: „Hier sitzen. Bitte.“ Leider kann ich nicht bleiben — werde aber wiederkommen.