Erstellt am 26. November 2015, 06:08

von Erwin Nußbaum

S8-Bau: Bedroht VW-Skandal die Schnellstraße?. Gutachten von Umweltorganisation zeigt, dass erhöhter Pkw-Schadstoffausstoß Genehmigungshindernis für S8-Bau darstellt.

Wolfgang Rehm, Sprecher der Bürgerinitiative Marchfeld und Vertreter der Umweltorganisation »Virus«.  |  NOEN, Foto: Archiv

Seit September sorgt der VW-Skandal weltweit für Aufsehen. Wenn es nach Wolfgang Rehm, Sprecher der Bürgerinitiative Marchfeld (BIM) und Vertreter der Umweltorganisation „Virus“, geht, hätten die verfälschten Abgaswerte der Fahrzeuge auch Auswirkungen auf die in der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) befindlichen Autobahnprojekte wie die Marchfeld-Schnellstraße S8.

Rehm bezweifelt, dass der auf das Jahr 2016 verschobene Baubeginn der S8 halten wird, und betont: „Wegen der massiven Abweichungen der realen Fahrzeugemissionen von den theoretisch angenommenen Bedingungen sind die Emissionsberechnungen für Luftschadstoffe bei Straßen-UVPs reif für den Papierkorb.“ Schon im Vorjahr habe eine Studie des ICCT (The International Council on Clean Transportation) gezeigt, dass es beim Schadstoffausstoß von Kraftfahrzeugen beträchtliche Diskrepanzen zwischen Theorie und Praxis gibt.

„Virus“ ließ neues Gutachten erstellen

„Nachdem die Vorgaben für die Stickoxid-Emissionswerte um das bis zu 25-Fache überschritten wurden, ist die Erfassung realer Emissionen dringend geboten“, unterstreicht Rehm nachdrücklich. Die Umweltorganisation „Virus“, die nach eigenen Angaben an zahlreichen Prüfungsverfahren beteiligt ist, beauftragte das Ingenieurbüro Vrtala mit der Erstellung eines aktuellen Gutachtens für die S8. Dieses nehme den Luftschadstoff-Emissionsberechnungen der Asfinag jede Grundlage und zeige Probleme in den Fachbereichen Verkehr, Lärm, Luftschadstoffe sowie Naturschutz und damit zahlreiche Genehmigungshindernisse auf.

Rehm erläutert: „In Umweltverträglichkeitsprüfungen müssen Emissionswerte für die Zukunft auf Basis der Verkehrsprognosen abgeschätzt werden. Dies geschah bisher mit dem Handbuch für Emissionsfaktoren (HBEFA), das die erwarteten Verbesserungen der Technik widerspiegelt. Diese Hochrechnungen entsprechen aber nicht den realen Messungen.“

Rehm kritisiert: „Bisher betonten Experten, dass zwar der Verkehr steigen würde, die Fahrzeuge aber immer umweltfreundlicher würden. Daher wären die Autobahn-Bauvorhaben vertretbar und Grenzwerte würden auch in den luftschadstoffmäßig vorbelasteten Gebieten eingehalten werden. Dieses Kartenhaus ist jetzt in sich zusammengestürzt.“

Die NÖN hat nachgefragt, ob auch bei der Asfinag Angst um das „Kartenhaus“ besteht, dort ist man aber um Aufklärung bemüht: „Bei der Erarbeitung der ‚Emissionsfaktoren‘ verlässt man sich nicht auf Angaben der Fahrzeughersteller, sondern bildet ‚Realemissionen‘ vor dem Hintergrund von realem Fahrverhalten und typischen (unterschiedlichen) Verkehrssituationen ab.“ Ergebnis sei eine modellmäßige Berechnung des Abgasausstoßes für alle Verkehrssituationen je Fahrzeugtyp.

Asfinag: „Auswirkungen werden überschätzt“

Und die Asfinag weiter: „Hierbei werden viele unterschiedliche Fahrsituationen untersucht, jedenfalls nicht nur ‚Laborbedingungen‘ wie in den nun kritisierten Tests. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass die ‚Emissionsfaktoren‘ für Stickstoffoxid höher liegen als die EURO-Emissionsklassen der Motoren, die Auswirkungen hier also tendenziell überschätzt werden.“

Wesentlich sei auch, dass für die UVP Emissionen der gesamten Kfz-Flotte herangezogen werden: „Selbst wenn bei einzelnen Motorentypen fehlerhafte Faktoren vorliegen, kann sich das nur geringfügig auswirken.“

Die Kfz-Flotte setze sich in Österreich bei den Pkw zu etwa gleichen Teilen aus diesel- und benzingetriebenen Fahrzeugen zusammen. Selbst die nun in der Kritik stehende Diesel-Pkw-Flotte setze sich wiederum aus Fahrzeugen unterschiedlicher Produzenten, Typen und Motoren zusammen, die sich wesentlich voneinander unterscheiden.

Von daher kommt die Asfinag zu dem Schluss, dass „die in UVP-Verfahren erstellten Auswirkungsbetrachtungen vor diesem Hintergrund bestehen bleiben können“.