Zistersdorf

Erstellt am 23. Juli 2016, 05:00

von Nina Wieneritsch

Mutter erhebt Vorwürfe: "Was passiert mit Marcel". Eine Mutter klagt an: Ihr achtjähriger Sohn, der an Autismus leidet, sei in der Sonderschule nicht angemessen versorgt worden. Pflichtschulinspektor Stach relativiert.

Nach etlichen Unstimmigkeiten in der Sonderschule wird der achtjährige Marcel kommendes Schuljahr von seiner Mutter wieder zuhause unterrichtet.  |  privat

Marcel Tschulena ist acht Jahre alt. Vor etwa vier Jahren wurde bei ihm frühkindlicher Autismus diagnostiziert, weshalb er den Kindergarten ab seinem fünften Lebensjahr nur noch zweimal pro Woche für jeweils zwei Stunden besuchte. Als er das Schulalter erreicht hatte, wollte seine Mutter Silvia für ihren Sohn ein weiteres Kindergartenjahr erwirken – die Gemeinde lehnte ab.

„Mein Sohn Marcel hatte innerhalb einer Stunde elf Anfälle.“

Mutter Silvia Tschulena über die ersten Schultage ihres Sohnes

Tschulena unterrichtete ihren Sohn deshalb eine Zeit lang zuhause, bevor er zwei Tage pro Woche für jeweils eine Stunde in die Allgemeine Sonderschule (ASO) nach Zistersdorf kam. „Doch dort gab es nur Probleme“, erzählt die Mutter. So habe man ihr verboten, bei ihrem Sohn in der Klasse zu bleiben, obwohl ihr sein Arzt dringend dazu geraten hatte. „Marcel hatte innerhalb einer Stunde elf Anfälle. Ich habe gesagt, sie sollen den Unterricht abbrechen, doch das wurde übergangen“, so die erzürnte Mutter.

Als ihr ihr Sohn eines Tages mit einer zwanzig Zentimeter langen Glasscherbe in der Hand entgegengekommen sei, habe sie den Bürgeranwalt kontaktiert. „Sie müssen verstehen, dass sich der Boden für Autisten so anfühlt, wie für uns, wenn wir auf einem Schiff gehen“, erklärt Tschulena im NÖN-Gespräch. Die Stützkraft, die Marcel daraufhin bekam, ist ab September nicht mehr an der ASO – für Autisten, die stark auf Gewohnheiten und Beständigkeit angewiesen sind, fatal.

"Geeignete Schule wäre eine Stunde entfernt"

„Die Groß-Enzersdorfer Sonderschule würde sich mit Autisten auskennen“ – Nachteil: Die Anfahrtszeit von rund einer Stunde. Trotzdem habe Tschulena bei Hohenaus SP-Ortschef Robert Freitag angefragt, ob die Gemeinde etwas zu den Fahrtkosten beisteuern würde.

Bürgermeister Freitag im NÖN-Gespräch: „Der Sachverhalt wurde beim Volksanwalt falsch dargestellt. Wir haben das richtigstellen lassen – ansonsten kein Kommentar mehr zu dieser Dame.“ Freitag verweist stattdessen auf Pflichtschulinspektor Karl Stach.

Dieser erklärt, dass man sich von schulischer Seite sehr bemüht hätte, Marcel an den Schulalltag zu gewöhnen. „In den Kleinstklassen gab es immer personelle Verstärkung, es gab große Bemühungen seitens der Lehrerinnen und Stützkräfte“, so Stach. Warum dann die Vorwürfe der Mutter? „Die Wahrnehmungen waren wohl unterschiedlich.“

Marcel wird jetzt wieder zuhause unterrichtet

Silvia Tschulena unterrichtet ihren Sohn jetzt wieder zuhause. „Wir lernen jeden Tag, es funktioniert einwandfrei. Ich versuche, ihn dahinzubringen, dass er irgendwann keine Stützkraft mehr benötigt. Ich möchte, dass er auf sein Leben vorbereitet ist“, erzählt sie und freut sich: „Ich als Mutter erkenne ich irrsinnige Fortschritte.“

Um später in die Schule gehen zu können, müsste Marcel eine Externistenprüfung ablegen, aber: „Auf Kommando geht das bei Autisten halt nicht.“ In die ASO Zistersdorf soll Marcel jedenfalls nicht mehr gehen. „Die Fronten sind zu verhärtet.“