Erstellt am 08. September 2015, 08:59

von Markus Lohninger

"Aber ich bleibe stehen und helfe". Peter Herzog nahm irakische Asylwerber bei sich auf. Der Sozialarbeiter bei "Sozial Aktiv" in Gmünd im NÖN-Gespräch

Saad (rechts) und Saif al Saidi wohnen nach zwei Jahren langer Flucht seit 7. August bei Sozialarbeiter Peter Herzog und ihrer neuen "Oma Mitzi".  |  NOEN, zVg

NÖN: Die Gemeinde Großschönau hat dank Ihnen seit einem Monat ihre ersten Asylwerber. Was hat Sie zu diesem Schritt veranlasst?
Peter Herzog: Ich konnte nicht länger zusehen, wie sich die Flüchtlings-Situation ab dem Frühjahr zusehends verschlimmerte. Es sah aus, als würden alle darauf warten, dass die Politik schon die richtigen Akzente setzt, die aber nicht kamen. Ohne Politiker aus der Verantwortung nehmen zu wollen finde ich, dass wir uns selber auch einbringen können. Es ist, als würde ich unter großem Zeitdruck auf der Fahrt zwischen Weitra und Schrems zu einem Unfall kommen: Da ist es egal, wer im Auto sitzt und ob andere nur weiterfahren – ich bleibe stehen und helfe! Wir können es uns leicht machen und von Haus aus Nein sagen, oder wir können es einfach probieren…

Wie haben Sie den Rest der Familie davon überzeugt, ebenfalls stehen zu bleiben und zu helfen?
Meine Mutter, die auch im Haus lebt, hatte leichte Bedenken. Sie wollte keine wilden Lackeln im Haus. Aber sie hat ein sehr offenes Herz und hat mitgemacht, zumal unser Heim immer ein offenes Haus war. Zu den drei Burschen habe ich gesagt, „hört zu, wir müssen da was tun“ – sie waren genau derselben Meinung. Sie haben im Obergeschoß eine WG mit eigenen Zimmern, Bad, WC und gemeinsamer Küche – Benjamin, der die meiste Zeit in Wien ist, hat sein Zimmer angeboten. Jetzt schläft er, wenn er zuhause ist, im früheren Gästezimmer.
 

Lokalpolitiker klagten in der NÖN darüber, dass die Aufnahme von Asylwerbern sehr mühsam sein kann. Wie lief das bei Ihnen?
Es war irrsinnig kompliziert – ein wochenlanges Prozedere mit unzähligen Telefonaten zu diversen Stellen zwischen Diakonie und Innenministerium. Wenn du da nicht dran bleibst, haust du den Hut drauf. Lange ist nichts passiert, ich bin schon grantig geworden. Dann ein Anruf: Ein Herr von der Diakonie sagte, er könnte in einem Transport aus Traiskirchen zwei Brüder aus Bagdad mitnehmen. Am Tag darauf, dem 7. August, habe ich den 27-jährigen Saif und den 21-jährigen Saad mit Lieferschein übernommen – wie beim Paketdienst.

"Es war irrsinnig kompliziert – ein wochenlanges Prozedere mit unzähligen Telefonaten zu diversen Stellen zwischen Diakonie und Innenministerium."

Was waren ihre ersten Eindrücke im neuen Zuhause?
Sie waren erschöpft, haben bei uns das erste Mal nach 76 Tagen wieder ein Bett gesehen und bis nächsten Nachmittag durchgeschlafen. Eine ihrer ersten Fragen war, was „beautiful“ auf Deutsch heißt – für sie ist alles hier wunderschön, sie genießen die grüne Landschaft und die Ruhe. In Traiskirchen hatten sie 51 Tage in ghettoartigen Zuständen verbracht, quälende Wochen des Wartens und Hoffens, des Schlafens am Erdboden und Lebens ohne Strom und Zugang zum Gebäude.

Was sind Ihre Erfahrungen?
Es geht uns wirklich gut miteinander. Wir verstehen uns super, haben gemeinsam eine Hetz‘ – Saif und Saad sind nicht nur irrsinnig gute Köche, sondern auch total höflich, fürsorglich und freundlich. Sie wollen respektvoll sein, erkundigen sich um Höflichkeitsformen von Wörtern. Meine Mutter, die ihre „Oma“ ist, lernt ihnen Deutsch und wahrscheinlich noch mehr Dialekt. Binnen weniger Tage ist ein ganzes Netzwerk an Menschen aktiv geworden, die den Zweien helfen, mit ihnen lernen oder etwas unternehmen.

"Es geht uns wirklich gut miteinander. Wir verstehen uns super, haben gemeinsam eine Hetz‘."

Gab es Widerstand gegen die Unterbringung der Flüchtlinge?
Ich habe noch keine negative Stimme gehört, vielleicht weil die Leute wissen, wer für sie zuständig ist und sich darum kümmert, dass sie unsere Spielregeln lernen. Im Ort hat sich sogar eine Welle der Akzeptanz gelöst – vom Nachbarn, der sie mit Honig aus seiner Imkerei überraschte, bis zu Bürgermeister Bruckner, der von Haus aus gesagt hat, dass diese Menschen bei uns willkommen sind. Er hat sie nach ihrer Ankunft persönlich begrüßt und ihnen seine Unterstützung zugesagt. Natürlich gibt es Ängste und Bedenken… ich denke aber, die Bevölkerung steht der Sache wohlwollend gegenüber, sobald Asylwerber für sie ein Gesicht haben.

Was denken Sie, wenn Sie hören, dass Österreich das Geld statt für Flüchtlingshilfe für Arbeitslose oder obdachlose Landsleute verwenden soll, oder dass die Männer ihr Land verteidigen sollten?
Als ich vor 26 Jahren Sozialarbeiter wurde, musste ich mir vorwerfen lassen, Schmarotzern zu helfen. Manche, die damals über soziale Randgruppen in Österreich schimpften, haben die Zielgruppe ihrer Kritik jetzt geändert oder erweitert. Saif und Saad waren einen Tag hier, da starben bei einem Bombenattentat in Bagdad über 70 Leute. Ihr Onkel stand 500 Meter entfernt davon. Ihr Problem ist zum internationalen Problem geworden, Gewalt ist hier allgegenwärtig. Ich würde von dort auch so schnell wie möglich wegwollen. Es ist ein Luxus, Österreicher zu sein, und ein Riesenglück, dass meine eigenen Buam hier in Sicherheit sind.

"Saif und Saad waren einen Tag hier, da starben bei einem Bombenattentat in Bagdad über 70 Leute."


Wer sind Saif und Saad?
Im Irak waren sie Studenten. Saad erhielt Morddrohungen, weil er für eine britische Firma jobbte. Hollywood kommt nicht an das heran, was sie zuhause und auf ihrer Flucht erlebt haben. Flüchtlingen wird teils unterwegs alles bis auf die Unterhose abgenommen. Saif und Saad waren zwei Jahre auf der Flucht. Sie flohen über die Türkei im Boot nach Griechenland, schlugen sich dann zu Fuß durch Mazedonien nach Serbien und Ungarn durch. Von dort gelangten sie im Kastenwagen nach Österreich, wo sie einfach rausgeschmissen wurden.

Welche Perspektiven haben sie in Österreich?
Sie wollen lernen, saugen Informationen regelrecht auf und hoffen, irgendwann die Asylberechtigung zu bekommen. Sie möchten ihr eigenes Geld verdienen, damit sie wieder studieren und ihren Abschluss machen können.