Gmünd

Erstellt am 10. August 2016, 05:37

von Thomas Weikertschläger und Markus Lohninger

Ein Jahr nach dem Flüchtlings-Chaos. Blicke in unsere Asyl-Hotspots: Über Vorurteile, Probleme, Hilfsnetze – und „Reisende, die kommen und wieder gehen“.

Am 5. August kamen fünf neue Familien (darunter auch die Schwestern Fatima und Zahra mit ihren Gatten und der 9-jährigen Parminder aus Teheran) beim Fassldorf an. Dort leben inzwischen 17 kleine Kinder mit ihren Eltern.  |  NOEN, privat

Wirbel um Pläne in Neu-Nagelberg und Breitensee, Angriffe von Österreichern gegen Asylwerber in Litschau, „IS“-Prozesse gegen Flüchtlinge unter uns: Das Thema Flucht hatte den Bezirk vorigen Sommer so im Griff, dass es in Woche 32/2015 zum dritten Mal binnen vier Ausgaben zur Top-Story der Gmünder NÖN wurde. Wie sieht es ein Jahr später in Woche 32 aus?

„Die Aufregung gab es damals nur bei einzelnen, und einzelne können oder wollen die Anwesenheit der Burschen noch immer nicht akzeptieren“, sagt Franz Freisehner, SPÖ-Bürgermeister in Brand-Nagelberg , wo ein NÖN-Leser durch die in Neu-Nagelberg geplante Betreuung von 24 minderjährigen Afghanen vor Drogen, Gewalt und Vergewaltigungen warnte. Freisehner: „Echte Probleme wurden bisher weder auf der Gemeinde, noch am Polizeiposten gemeldet.“

Die Afghanen machen bei Sportvereinen mit, verrichten gemeinnützige Arbeiten, gehen freiwillig zur Schule. Mit weiteren fünf nun volljährigen Afghanen, die wegen der Verbindungen zur Herberge günstige Wohnungen in Alt- und Neu-Nagelberg bezogen, erfüllt man die 2-%-Quote. Anfragen für weitere, teils recht abenteuerliche Großquartier-Pläne, prallen daher an Freisehner ab: „Es soll verträglich bleiben.“

Zustrom stagniert, Lage hat sich stabilisiert

Ins selbe Horn stößt Helga Rosenmayer, ÖVP-Bürgermeisterin in Gmünd, wo die meisten Flüchtlinge des oberen Waldviertels leben. „Ich will, dass die Situation für die Gmünder und unsere vorübergehenden Gäste passt. Und ich glaube, dass es dank kleiner Wohneinheiten gut läuft“, sagt sie. Deshalb lehne sie regelmäßige Anfragen nach neuen Großquartieren entschieden ab. Generell sei der Zustrom neuer Flüchtlinge stagniert, die Lage habe sich stabilisiert. Auch in Breitensee habe sich die Situation entspannt, sagt Rosenmayer. Sie werde oft aufs Flüchtlings-Thema angesprochen, „über konkrete Probleme höre ich aber nichts“.

Bürgermeisterin Helga Rosenmayer  |  NOEN, privat

Das sagt auch Ingrid Müllner von „Gmünd hilft“. Manche störe, dass Fremde hier sind und dass es so viele sind. Bis zu 15 Menschen helfen regelmäßig – man bräuchte mehr. Das Begegnungscafé wird jeden zweiten und vierten Freitag im Monat von 70 bis 80 Flüchtlingen besucht. Müllner: „Sie nehmen die Hilfe an, suchen das Gespräch, wollen uns kennenlernen und kennengelernt werden.“ Im ehemaligen Bobbin-Bürohaus werden nur noch Hausrat und Kindersachen gesammelt. Das Lager für Damen- und Herrenkleidung wird aufgelöst – um Platz für einen größeren Begegnungs-Raum zu schaffen. Ab September soll hier auch eine individuelle Lernbetreuung für Deutsch starten.

Kaum Probleme sieht auch Bürgermeister Karl Harrer (SPÖ) in Schrems mit knapp über 100 Flüchtlingen. „Es hat von Anfang an keine wirklich negative Stimmung gegeben“, so Harrer. Für ihn trägt die Initiative „Miteinander in Schrems“ mit etwa zehn Ehrenamtlichen um Brigitta Winter zum guten Miteinander und Abbau von Ängsten bei. Neben Deutschkursen wolle man helfen, klar zu machen, dass Flüchtlinge keine pauschale Bedrohung sind.

„Wir wollen Hemmschwellen abbauen, auch bei Flüchtlingen. Die fürchten sich mitunter vor uns genau so wie wir uns vor ihnen“, so Winter. Flüchtlinge seien dankbar dafür, dass sich Menschen hier mit ihnen beschäftigen. „Sie grüßen und lächeln, das finden viele Schremser positiv.“ Am leichtesten falle Integration oft Einzelpersonen, man dürfe aber nicht erwarten, dass Flüchtlinge alle Gewohnheiten einfach so über Bord werfen können: „Dennoch ist klar, dass sie die grundlegenden Dinge annehmen müssen, und dazu sind die meisten bereit.“

Kein Asyl, kein Quartier: Bindeglieder ziehen weg

Auch in Heidenreichstein mit derzeit laut SPÖ-Bürgermeister Gerhard Kirchmaier rund 90 Asylwerbern helfen etliche Freiwillige rund um SP-Stadträtin Barbara Körner und Christa Binder. Dank ihnen laufe es gut. Einige Familien mit positivem Asylbescheid hätten sich bereits in der Abwanderungs-Gemeinde angesiedelt, sagt Kirchmaier: „Ich kann mir vorstellen, dass diese dauerhaft bleiben wollen.“

Litschau hat sich laut Bürgermeister Rainer Hirschmann (ÖVP) bei über 50 Asylwerbern und 20 Asylberechtigten eingependelt. Integration habe von Beginn an gut funktioniert. Die Litschauer Flüchtlinge hätten, so der Stadtchef, Integrationswillen gezeigt und bei etlichen Veranstaltungen mitgeholfen. Beschwerden würden kaum an ihn herangetragen. Kleine Probleme gebe es, weil einige Flüchtlinge – wie manche Einheimische auch – am Herrensee-Rundweg radeln, was verboten ist: „Wir haben ihnen gleich kommuniziert, dass das nicht sein soll.“

Das Lainsitztal ist die einzige Kleinregion im Bezirk mit einem übergreifenden Netzwerk. Auf derzeit 107 Flüchtlinge kommen etwa 100 unterschiedlich regelmäßig und intensiv Helfende. Zu tun gibt es, wie Brigitte Temper-Samhaber sagt, genug: Arztbesuche, tagefüllende Traiskirchen-Fahrten auf eigene Kosten, oft einfach da sein, wenn es Menschen schlecht geht. Seitens der Gemeinden wäre, wie sie sagt, im Lainsitztal mehr Unterstützung nötig – gemeinnützige Arbeit ermögliche nur Harbach den dortigen Flüchtlingen.

Sie nennt Rahmenbedingungen, die die Arbeit erschweren: Gut ausgebildete, Deutsch sprechende Flüchtlinge, zu denen sich Freundschaften entwickelt hatten, gingen als Bindeglieder im Netzwerk verloren, weil hier nach dem Asylverfahren keine Unterkunft angeboten wurde, oder weil sie nur „subsidiären Schutz“ erhielten, bei uns keine Mindestsicherung erhalten und nach Wien loszogen, wo sie noch grundversorgt werden.

Auch dadurch ergaben sich teils schmerzliche Erfahrungen, die Temper-Samhaber mit anderen Helfern im Bezirk teilt: „Die Herausforderung ist es, nicht zu starke persönliche Bindungen einzugehen. Viele Schutzsuchende sind Reisende – die kommen und wieder gehen.“